Morgenröte

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Sonnenaufgang am Toten Meer von Masada aus gesehen.

Die Morgenröte, von Homer in einer immer wiederkehrenden Formulierung[1] als die göttliche „rosenfingrige Eos“ (griech. ῥοδοδάκτυλος Ἠώς, rhododaktylos Ēōs) besungen, zeigt sich, meist nach einer vorangehenden grünlichen Aufhellung am Horizont, schon eine halbe bis dreiviertel Stunde vor Sonnenaufgang in orange-roten, manchmal auch violetten Farbtönen am östlichen Morgenhimmel, weil das Sonnenlicht dann den Dunst der erdnahen trüben, aerosolhaltigen Luftschichten durchdringen muss und dadurch gemäß der Goetheschen Farbenlehre zu gelbroten Farbenschattierungen abgedunkelt wird. Gut ausgeprägt erscheint die Morgenröte nur, wenn der Osthimmel nicht zu sehr von Wolken verhangen ist, die das Sonnenlicht behindern.

In der römischen Mythologie heißt die Göttin der Morgenröte Aurora. Aruna ist in der indischen Mythologie der Gott der Morgenröte und erscheint in manchen Erzählungen auch als der Wagenlenker des Sonnengottes Surya. «Aurora oder Morgenröte im Aufgang» hat Jakob Böhme sein mystisches Hauptwerk genannt, weil er die tiefe geistige Bedeutung der Morgenstunden zu schauen vermochte. In der christlichen Tradition gilt die Morgenröte als Symbol für Maria, die Mutter Jesu, weil sie die Erscheinung des Christus, der Sonne, vorbereitet und zugleich in ihrem Dasein durch ihn bedingt ist. Tasächlich kann man den Astralleib kennenlernen, der zur Jungfrau Sophia, zum reinen Geistselbst geläutert werden soll, wenn man sich erlebend innig mit der Morgenröte verbindet.

"Wenn Sie aber das in der Weise erwarten, daß Sie nun nur so hinzuschauen brauchen, nach rechts oder links, und da eine Nebelgestalt als Ihren astralischen Leib sehen, dann werden Sie sich täuschen; so gehen die Sachen nicht vor sich. Aber Sie müssen achtgeben auf das, was wirklich eintritt. Etwas, was wirklich eintritt in einem solchen Falle, das wird zum Beispiel sein, daß Sie nach und nach durch solche Erlebnisse die Morgenröte ganz anders sehen, als Sie sie vorher gesehen haben, daß Sie einen Sonnenaufgang ganz anders empfinden, als Sie ihn vorher empfunden haben. Sie werden nach und nach auf diesem Wege dazu kommen, die Wärme der Morgenröte als etwas zu empfinden, was ankündigend ist, was gewissermaßen eine prophetische, eine naturhaft prophetische Kraft in sich hat. Sie werden beginnen, die Morgenröte als etwas geistig Kraftvolles zu empfinden, und Sie werden einen innerlichen Sinn mit diesem prophetisch Kraftvollen verbinden können, indem Sie, was Sie zuerst ja für eine Illusion ansehen mögen, die Empfindung bekommen: die Morgenröte hat etwas mit Ihnen selbst Verwandtes. Sie werden sich gerade durch solche Erlebnisse, wie ich sie geschildert habe, in den Stand versetzen können, zu empfinden, wenn Sie die Morgenröte schauen: ja, diese Morgenröte läßt mich ja nicht allein. Sie ist nicht bloß dort, und ich bin nicht bloß da. Ich bin innig verbunden mit dieser Morgenröte. Sie ist eine Gemütseigenschaft von mir; ich bin in diesem Momente selber Morgenröte. - Und wenn Sie sich so mit der Morgenröte verbunden haben, daß Sie gewissermaßen selber das farbige Aufstrahlen und Aufglänzen, das Sichherausentwickeln der Sonne aus dem farbigen Aufstrahlen und Aufglänzen so erleben, daß in Ihrem Herzen eine Sonne aus Morgenröte in lebendiger Empfindung hervorgeht, dann bekommen Sie auch die Vorstellung, daß Sie mit der Sonne über das Himmelsgewölbe ziehen, daß die Sonne Sie nicht allein läßt, daß die Sonne nicht dort ist und Sie da, sondern daß sich Ihr Dasein in einer gewissen Weise bis zum Sonnendasein hin erstreckt; daß Sie mit dem Lichte den Tag hindurch wandeln.

[...] die Dinge beginnen geistig-seelisch durchsichtig zu werden. Es ist so, wenn man nur einmal die Empfindung erlangt hat, mit der Sonne zu gehen, in der Morgenröte die Kraft gewonnen hat, um mit der Sonne zu gehen, daß man dann alle Blumen auf der Wiese anders sieht. Die Blüten bleiben nicht dabei stehen, einem ihre gelben oder roten Farben zu zeigen, die an ihrer Oberfläche sind, sondern die Blüten beginnen zu sprechen, auf geistige Art zu unserem Seelischen zu sprechen. Die Blüte wird durchsichtig. Innerlich regt sich ein Geistiges der Pflanze, und das Blühen wird etwas wie ein Sprechen. Und man verbindet in dieser Weise tatsächlich seine Seele dann auch mit dem äußeren Naturdasein. Man bekommt auf diese Weise den Eindruck, daß hinter diesem Naturdasein etwas ist, daß das Licht, mit dem man sich verbunden hat, von geistigen Wesenheiten getragen ist. Und man erkennt in diesen geistigen Wesenheiten nach und nach die Züge dessen, was geschildert wird von Anthroposophie." (Lit.: GA 232, S. 16f)

Siehe auch

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Von Johann Heinrich Voss übersetzt: „Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte.“