Präexistenz Christi

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gemälde von Jerónimo Cosida mit lateinischem Text, der übersetzt lautet:
Der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Heilige Geist, der Hl. Geist ist nicht der Vater; innerer Text: Der Vater ist Gott; der Sohn ist Gott; der Hl. Geist ist Gott.

Die Präexistenz Christi, wonach der Christus schon vor seinem Erdenleben als Jesus Christus - zwar nicht als Mensch, aber als rein geistiges Wesen - präexistiert habe, wurde in der christlichen Dogmatik schon sehr früh diskutiert, da sich dazu viele Hinweise im Neuen Testament und besonders zahlreich im Johannesevangelium, aber auch schon im Alten Testament finden. So heißt es etwa bereits im Buch Micha:

„1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. 3 Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist.“

Micha: 5,1-3 LUT

Ein eindeutiges Bekenntnis zur Präexistenz Christi, der hier als Logos, als Wort Gottes, angesprochen wird, ist der Prolog des Johannesevangeliums, aus dem auch deutlich hervorgeht, dass der Christus von Anfang an am Schöpfungswerk beteiligt war.

„1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.“

Johannesevangelium: 1,1-5 LUT

Die Präexistenz Christi steht damit zugleich in engem Zusammenhang mit der christlichen Trinitätslehre.

Weitere Bibelstellen, die auf die Präexistenz Christi hinweisen, sind u.a.: 1 Kor 8,6 EU; Hebr 1,2 EU; Kol 1,15-20 EU; Joh 8,58 EU und Spr 8,22-25 EU.

Moderne Theologen, die eine Entmythologisierung der biblischen Überliefereung anstreben, wie etwa der von Rudolf Steiner oftmals kritisierte Adolf von Harnack, stehen der Präexistenz Christi skeptisch gegenüber[1]. Paul Althaus erläutert die Vorbehalte der zeitgenössischen Dogmatik bezüglich der Präexistenz Christi so: „Da die Präexistenz eine in der vor- und außerchristlichen Religionswelt verbreitete Aussage ist, muß gefragt werden, ob und inwiefern der Gehalt des Glaubens an Jesus zur Aufnahme des Präexistenz-Gedankens führt und ob er ein angemessener und verbindlicher Ausdruck ist oder ein zeitgebundener, für uns überholter mythologischer Satz.“[2][3][4][5]

Die Präexistenz Christi aus anthroposophischer Sicht

Aus anthroposophischer Sicht ist der Christus ein höchstes kosmisches Geistwesen, das - nach gebräuchlicher abendländischer Bezeichnung - das Sohnesprinzip der göttlichen Trinität repräsentiert und als das große makrokosmische Welten-Ich gemeinsam mit dem Vater und dem Heiligen Geist als Urquell der Schöpfung über allen geistigen Hierarchien steht.

Der Christus war schon der oberste Führer der alten Sonnenentwicklung, und auch während der eigentlichen Erdenentwicklung war zunächst die Sonne seine Heimat. Um die Folgen des Sündenfalls auszugleichen, stieg der Christus aber zum Heil der Menschen auf die Erde herab. Nach den geistigen Forschungen Rudolf Steiners machte der Christus drei Vorstufen zum Mysterium von Golgatha in der übersinnlichen Welt durch, ehe er sich mit der Jordan-Taufe im 30. Lebensjahr des Jesus von Nazareth in dessen Leib inkarnierte und darin als der Jesus Christus für etwa drei Jahre bis zum Kreuzestod auf Golgatha lebte. Durch das Mysterium von Golgatha hat sich die Christuskraft, die ursprünglich von der Sonne herabwirkte, mit der Erde verbunden.

Anmerkungen

  1. Beihefte der Zeitschrifte für Religions- und Geistesgeschichte, 19-22, 1953, S.48
  2. Ulrich Wilckens, Paul Althaus: Präexistenz Christi. In: R.G.G. 491-493
  3. G. Schneider G.: Jesusüberlieferung und Christologie. S.334
  4. J.D.G. Dunn: Christology in the making.
  5. K.-J. Kuschel: Born before All Time? The Dispute Over Christ's Origin. Crossroad, New York 1992

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus, GA 131 (1988), ISBN 3-7274-1310-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium, GA 148 (1992), ISBN 3-7274-1480-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral, GA 149 (2004), ISBN 3-7274-1490-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Vorstufen zum Mysterium von Golgatha , GA 152 (1990), ISBN 3-7274-1520-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.