Sechs Daseinsbereiche

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Sechs Daseinsbereiche werden im Buddhismus gemeinhin unterschieden. In ihnen erfolgt die „Wiedergeburt“ aller beseelten Wesen gemäß ihres selbst gewirkten Karmas.

Die Seelenwanderung durch die sechs Bereiche

Zu beachten ist, dass es sich bei Wiedergeburt in den sechs Daseinsbereichen nicht notwendigerweise um fleischlich-körperliche Inkarnationen handelt. Vielmehr wird hier nach der buddhistischen Seelenwanderungslehre der karmisch bedingte Weg der Seele durch die verschiedenen Bereiche der Seelenwelt nachgezeichnet, namentlich vor allem auch um solche, die im Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchwandert werden. Bildliche Darstellungen dieser Daseinsbereiche gibt es in allen buddhistischen Traditionen. Am häufigsten begegnet man ihnen im Lebensrad des tibetischen Buddhismus.

Das als illusionär betrachtete Ich wird dabei nach der buddhistischen Lehre von Anatta (Pali; skrt. अनात्मन् Anātman ) „Nicht-Selbst“, „Nicht-Ich“), dem Nichtvorhandensein eines permanenten und unveränderlichen Wesenskerns der Seele, nicht berücksichtigt. Die hier gemeinte „Geburt“ bzw. „Wiedergeburt“ darf daher nicht im Sinn der modernen abendländischen Reinkarnationslehre missverstanden werden. Vom Ich, das sich in einem fleischlichen Körper inkarniert, ist gar nicht die Rede. Das sinnlich-physische Geschehen hat gegenüber der rein seelisch-geistigen Betrachtung hier nur wenig Gewicht.

„Zuerst wird gesagt: Seelenwanderung und Reinkarnation, wiederholte Erdenleben, seien dasselbe. Seelenwanderung wird so verstanden, wie wenn die Seelen der Menschen nach dem Tode in verschiedene Tiere wanderten. Niemals ist ein solcher Unsinn von mir auch nur in irgendeiner Weise angedeutet worden. Die wiederholten Erdenleben bedeuten etwas ganz anderes. Sie sind dasjenige, was eben aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen heraus folgt, wie die Evolutionslehre in der physischen Welt aus physischen Forschungsgrundlagen heraus folgt.“ (Lit.:GA 255b, S. 117)

Als kostbarste Geburt gilt die Geburt im Reich der Menschen, da dort Befreiung aus dem leidvollen Daseinskreislauf des Samsara, des Kreislaufs der Wiedergeburten, am besten möglich ist. Nur hier handelt es sich tatsächlich um eine wirkliche Inkarnation in einem physischen Leib. Nach den Tod kann die Seele des Menschen vorübergehend beim Durchgang durch das Kamaloka tatsächlich eine tierähnliche Form annehmen oder im Reich der Hungergeister oder gar der Hölle erscheinen, wie das etwa Dante in seiner «Göttlichen Komödie» in den Gesängen des Infernos so drastisch schildert. Doch niemals erscheint das Ich in einer irdischen Tiergestalt.

„[In der Astralwelt nehmen] die Triebe und Leidenschaften tierische Gestalten an. Solange der Mensch im physischen Körper verkörpert ist, so lange richtet sich sein Astralleib in der Gestalt etwas nach diesem physischen Leib. Wenn aber der äußere Leib weg ist, dann kommen die Triebe, Begierden und Leidenschaften, so wie sie in ihrer tierischen [Natur] sind, in ihrer eigenen Gestalt zur Geltung, zum Durchbruch. So ist also der Mensch in der Astralwelt ein Abbild seiner Triebe und Leidenschaften.

Weil sich diese Astralwesen anderer Körper bedienen können, deshalb ist es gefährlich, Medien in Trance kommen zu lassen, wenn nicht ein Hellseher dabei ist, der Böses abwenden kann.

Der Löwe ist in der physischen Welt ein plastischer Ausdruck bestimmter Leidenschaften, der Tiger ist ein Ausdruck von anderen Leidenschaften, die Katze wieder von anderen. Es ist interessant zu sehen, wie jedes Tier der plastische Ausdruck einer Leidenschaft, eines Triebes ist.

Im Astralischen, im Kamaloka, ist also der Mensch durch seine Leidenschaften annähernd ähnlich [der Tier-Natur]. Daher kommt das Mißverständnis, das man den ägyptischen und indischen Priestern und Weisheitslehrern entgegengebracht hat in bezug auf die Lehre von der Seelenwanderung. Ihr sollt so leben, daß ihr nicht im Tiere verkörpert werdet, sagt diese Lehre. Niemals spricht diese Lehre aber vom physischen Leben, sondern von dem höheren Leben und das, was sie wollte, war nichts anderes, als die Menschen auf der Erde zu einem solchen Leben zu bewegen, daß sie nach dem Tode im Kamaloka nicht ihre tierische Gestalt ausbilden müssen. Wer das Charakteristische einer Katze ausbildet, erscheint im Kamaloka als Katze. Daß man auch im Kamaloka als Mensch erscheint, das ist der Sinn der Vorschriften der Lehre von der Seelenwanderung. Die wahren Lehren haben die Gelehrten nicht verstanden, sie haben nur eine absurde Vorstellung davon.“ (Lit.:GA 324a, S. 40f)

Die sechs Daseinsbereiche im Überblick

  • Der Bereich der Devas: Sie sind nach indischer Überlieferung die „Gott dienenden“ Götter. Gemeint sind damit ganz allgemein Engelwesen der Dritten Hierarchie. Auch sie sind von Leiden nicht frei und stehen nach buddhistischer Auffassung nicht außerhalb des Kreislaufs der „Wiedergeburten“, die aber bei regelrechter Entwicklung nicht auf Erden, sondern in den oberen Daseinsbereiche erfolgen. Devas aus der Hierarchie der Urengel (Geister der Persönlichkeit) werden auch als Suras bezeichnet. Das Wort Sura bedeutet im Sanskrit soviel wie "Lichtwesen" und leitet sich vom Namen des indischen Sonnengottes Surya ab. Weil das Dasein als Deva aber relativ glücklich ist, ist es umso schwieriger, die Notwendigkeit der Erlösung einzusehen. Sie sind durch ihren temporären Glückszustand borniert und sind daher nicht empfänglich für die Belehrung des Buddha.
  • Der Bereich der eifersüchtigen Götter: Sie werden auch Asuras oder Titanen genannt. Die eifersüchtigen Götter hadern beständig mit den Göttern und versuchen ihren Platz einzunehmen. Es herrscht ein ständiger Kampf. Buddha versucht zwischen den Fronten Frieden zu stiften.
  • Der Bereich der Menschen: Trotz großen Leiden unterworfen (Geburt, Altern, Krankheit, Tod, Trauer, Trennung) ist die Menschenwelt der günstigste Bereich. Da es den Menschen am ehesten möglich ist, die Lehre des Buddha zu hören und gemäß der Lehre zu leben. Die Chance, aus dieser Existenzform die Erlösung vom Leiden und der Wiedergeburt zu erreichen, ist höher als in jedem anderen Bereich. Das Dasein als Mensch ist deshalb allen anderen Existenzformen vorzuziehen. Buddha ermutigt die Menschen mit seiner Geste, näher zu treten und seine Lehre zu vernehmen.
  • Der Bereich der Tiere: Tiere sind nicht fähig, ihre eigene Lage zu reflektieren und sich aus ihrer jeweiligen Situation mit eigenen Kräften nachhaltig zu befreien. Sie befinden sich in einem unerbittlichen Kampf ums Überleben. Oft werden Tiere gejagt, versklavt, getötet und geschlachtet. Sie können nur ihren Trieben und Instinkten folgen und sind anderen Wesen oft hilflos ausgeliefert. Auch hier überbringt der Buddha seine Botschaft.
  • Der Bereich der Hungergeister: Sie sind auch unter dem Namen Pretas bekannt. Hier befinden sich jene, die in ihrer Vorexistenz habgierig, geizig oder gefräßig waren, kurz: die, die nie genug bekommen konnten. Hungergeister werden unaufhörlich von Durst und Hunger gequält. In der bildlichen Darstellung sind ihre Bäuche übergroß, dick und aufgebläht. Die engen Münder und dünnen Hälse machen es ihnen unmöglich, den riesigen Bauch zu füllen, sie können niemals satt werden. Dazu verwandelt sich in manchen Darstellungen jegliches Wasser, dem sie sich nähern, in flüssiges Feuer und Nahrung in Exkremente usw. Auch das Schlafen wird den Hungergeistern schwer gemacht. Dämonische Wesen oder das Heißwerden des Bodens halten sie davon ab, sich hinzulegen und zu schlafen. Buddha ermutigt sie, näher zu kommen, und ihm ihre Bitten vorzubringen und zeigt mit der Wunschgewährungsgeste seine Bereitschaft, zu helfen. Er hält Nektar bereit, der in der Lage ist, den Hunger und den Durst der Pretas zu stillen.
  • Der Bereich der Hölle: Das Reich ist zweigeteilt in die heißen (luziferischen) und die kalten (ahrimanischen) Höllen, diese zwei Höllenformen wiederum sind in zahlreiche Unterhöllen unterteilt. Entsetzliche Qualen erwarten den, der sich in diesen Höllen befindet. Sie enden, wenn sich das unheilsame Karma, das hierher führte, erschöpft hat. Auch für die Wesen in diesen Bereich bietet der Buddha Hilfe und Befreiung an.

Die sechs Weisen

Es gibt sechs erleuchtete Buddhas, die in jedem der sechs Reiche existieren. Diese sechs Buddhas sind auch als die "Sechs Weisen" bekannt. Ihre Namen sind Indrasakra (Buddha im Götterreich), Vemacitra (Buddha im Reich der kleinen Götter), Shakyamuni (Buddha im Menschenreich), Sthirasimha (Buddha im Tierreich), Jvalamukha (Buddha im Reich der hungrigen Geister) und Yama Dharmaraja (Buddha im Reich der heißen Hölle).[1]

Zur Kritik

Joachim Stiller kritisiert vor allem den Gedanken der Seelenwanderung, der nicht nur im Buddhismus, sondern auch im Hinduismus weite Verbreitung findet Die Seelenwanderung ist aber nicht das Einzige, was von Stiller kritisiert wird. Er kritisiert außerdem die Vorstellung der Ich-Überwindung oder der Ich-Leugnung, die es ebenfalls sowohl im Buddhismus, wie auch im Hinduismus gibt.

Literatur

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Einzelnachweise

  1. G. Coleman: ''The Tibetan Book of the Dead, S. 511
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