Introspektion

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Introspektion bedeutet Selbstbeobachtung i.S.v. Beobachtung des inneren Seelenlebens, von eigenem Denken, Fühlen, Empfinden usw., auch Innenschau genannt, im Unterschied zur äußeren Beobachtung mittels der Sinnesorgane, auch des eigenen, äußerlichen Verhaltens, zum Zwecke der Gewinnung von Einsichten. Introspektion kommt auch als Methode der Erkenntnisgewinnung in Psychologie und Philosophie zur Anwendung. Da sich die Introspektion allerdings ausschließlich auf das gewöhnliche Wachbewusstsein richtet, kommt sie zu keiner Einsicht in das wirkliche Ich, sondern kann nur dessen schattenhaftes und teils verzerrte Abbild erfassen, das durch das physische Gehirn gespiegelt wird. Mit Recht wird daher der wissenschaftliche Wert der Introspektion vielfach angezweifelt. Das wirkliche Ich kann nur durch eine höhere Bewusstseinsform von innen her erlebt werden, die Rudolf Steiner als Intuition bezeichnet - die allerdings nicht mit dem zu verwechseln ist, was im äußeren Sinn darunter verstanden wird.

Introspektion als wissenschaftliche Methode

"Die Introspektion wurde um 1900 von vielen noch heute renommierten Forschern als Standardmethode verwendet, von Brentano (1973 [1874]) und Wundt (1888, 1918 [1896]) bis zu Titchener (1907 [1886]) und der Würzburger Denkpsychologie (Bühler 1907). Schon damals gab es viele Varianten der Methode, die entweder auf unterschiedliche Forschungsfragen zurückgingen oder die Schwachstellen der Methode ... zu kompensieren versuchten."[1]

Auch die Methoden der philosophischen Phänomenologie und der Psychoanalyse lassen sich der introspektiven Beobachtungsmethode im weiteren Sinne zuordnen, im Unterschied zur Beobachtung von Phänomenen, "äußeren" Objekten, wie sich sich der sinnlichen Wahrnehmung zeigen. Dies gilt zumindest soweit, wie es sich um die innere Beobachtung des Bewußtseins bzw. der dem Subjekt zugehörigen Bewußtsseinsinhalte handelt. Die Beobachtung von objektiven Geistphänomenen, wie sie von der Anthroposophie als vom beobachtenden Bewußtsein unabhängig und objektiv existent erfahren werden, läßt sich, wie oben schon erwähnt, nicht der introspektiven Betrachtung im üblichen Sinne zuordnen. Letztere kann nur den ersten Einstieg zu den höheren Erkenntnisformen der Imagination, Inspiration und Intuition bilden. Ansätze dazu finden sich bereits in der Philosophie des Deutschen Idealismus, namentlich bei Fichte (→ Tathandlung) und Schelling.

Ein Hauptkritikpunkt an der introspektiven Methode ist, daß sie keine intersubjektive Kritik bzw. Überprüfung ermöglichen würde und daher unwissenschaftlich sei. (Man kann auf ein innen gegebenes Objekt nicht so zeigen, wie auf ein äußeres: Sieh dies dort an!) Gleichwohl gibt es methodische Bemühungen, eine intersubjektiv nachvollziehbare Zeigemöglichkeit zu erarbeiten. Diese muß sich aber der Sprache bedienen. Deshalb ist es schwierig oder gar nicht zu beurteilen, ob das sprachlich aufgezeigte auch von anderen so und genau so, sprachlich angeleitet, beobachtet werden kann. (Bzw. wenn man sich intersubjektiv einig geworden ist, daß man den gleichen inneren Gegenstand vor sich habe, zu beurteilen, ob das tatsächlich so ist, denn wie sollte das möglich sein?)

Eine Ausnahme macht dabei wohl nur die Mathematik, deren Sprache eine Exaktheit hat, die mittels der Symbole ein intersubjektives Aufzeigen ermöglicht. Die Geisteswissenschaft bedient sich auf der Stufe der Inspiration nicht ohne Grund einer sog. okkulten Schrift[2] , die ebenso im intersubjektiven Austausch die exakte Übermittlung, was gemeint ist, ermöglichen soll.

Siehe auch

Seelische Beobachtung

Literatur

  • Bühler, Karl (1907). Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge. I. Über Gedanken. Archiv für die gesamte Psychologie, 9, 297-365. [Nachdruck in Paul Ziche (Hrsg.) (1999). Introspektion. Texte zur Selbstwahrnehmung des Ichs. Berlin: Springer, S.157–209]
  • Bühler, Karl (1908). Antwort auf die von W. Wundt erhobenen Einwände gegen die Methode der Selbstbeobachtung an experimentell erzeugten Erlebnissen. Archiv für die gesamte Psychologie, 12, 93–123.
  • Brentano, Franz (1973). Psychologie vom empirischen Standpunkt. Erster Band (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1924). Hamburg: Felix Meiner. [Orig. 1874]
  • Wundt, Wilhelm (1888). Selbstbeobachtung und innere Wahrnehmung. In Wilhelm Wundt (Hrsg.), Philosophische Studien 4 (S.292–310). Leipzig: Wilhelm Engelmann.
  • Wundt, Wilhelm (1918). Grundriss der Psychologie (13. Aufl.). Leipzig: Wilhelm Engelmann. [Orig. 1896]
  • Titchener, Edward B. (1907). An outline of psychology. New York: Macmillan & Co. [Orig. 1886]
  • Michael Muschalle: Der Verfall der introspektiven Psychologie und das Methodenproblem der Anthroposophie, in: Jahrbuch für anthroposophische Kritik, 1995, S. 80 - 95, ([aktualisierte Version http://www.studienzuranthroposophie.de/VerfallKap01.html online, Stand 12.07.01])
  • William A. Adams. Scientific Introspection: A Method for Investigating the Mind. (e-book, Februar 2012, http://williamaadams.blogspot.com), (Buchbesprechung von Johannes Wagemann in RoSE (Research on Steiner Education), Vol. 4, Nr. 2, 2013:[1])
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Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-531-92052-8_35
  2. "Ursprünglich werden nämlich alle Regeln und Lehren der Geisteswissenschaft in einer sinnbildlichen Zeichensprache gegeben. Und wer ihre ganze Bedeutung und Tragweite kennenlernen will, der muß erst diese sinnbildliche Sprache sich zum Verständnis bringen." (GA 10, S. 30) "Die okkulte Schrift offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrnehmung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geistigen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie man eine künstliche Schrift lesen lernt. Man wächst vielmehr in sachgemäßer Weise der hellsichtigen Erkenntnis entgegen, und während dieses Wachsens entwickelt sich wie eine seelische Fähigkeit die Kraft, welche die vorhandenen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich gedrängt fühlt. Die Zeichen entsprechen den Kräften, welche in der Welt wirksam sind. Von dem höheren Wissen in unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der erwähnten Zeichensprache etwas mitteilen." (GA 10, S. 78f.)