Dickinson Sargeant Miller

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Dickinson Sargeant Miller' (* 7. Oktober 1868; † 13. November 1963) war ein US-amerikanischer Philosoph, der sich vor allem mit Fragen der Metaphysik und der Philosophie des Geistes beschäftigte.

Leben und Werk

Miller machte 1889 seinen BA bei George Fullerton an der University of Pennsylvania und studierte anschließend für ein Jahr Psychologie bei Granville Stanley Hall an der Clark University in Worcester. Danach ging er nach Harvard, wo er bei William James, G. H. Palmer, Josiah Royce und George Santayana studierte und 1892 seinen MA erhielt.

Danach verbrachte Miller ein Jahr in Deutschland, wo er in Berlin und Halle bei Max Dessoir, Hermann Ebbinghaus und Friedrich Paulsen studierte. 1893 erwarb er seinen Ph.D. mit der Dissertation Das Wesen der Erkenntnis und des Irrthums, die unter dem Titel The Meaning of Truth and Error in der Zeitschrift The Philosophical Review erschien. Dieser Artikel veranlasste William James dazu, Royces Lösung des Wissensproblems im Sinne eines absoluten Geistes aufzugeben und noch im selben Jahr empfahl er Miller für einen Posten am Bryn Mawr College, wo dieser ein enger Freund von Woodrow Wilson wurde.

1899 kritisierte Miller in seinem Artikel "The Will to Believe" and the Duty to Doubt die berühmte Argumente von William James in „The Will to Believe“, wonach die positiven Auswirkungen eines Glaubens irgendwie dessen "Wahrheit" erhöhten. James ermutigte den Glauben an Gott, ohne jeglichen Beweis für und gegen Gottes Existenz. Miller sah das als Verlust der intellektuellen Integrität an. Noch im selben Jahr verließ Miller Bryn Mawr und wurde Dozent für Philosophie in Harvard, wo eine starke, produktive und freundschaftliche Zusammenarbeit mit James begann. James pflegte Miller scherzhaft als "seinen eindringlichsten Kritiker und intimen Feind" zu bezeichnen.

1904 wurde Miller Dozent und schließlich 1911 Professor für Philosophie an der Columbia University, wo er mit Arthur Oncken Lovejoy und John Dewey zusammenarbeitete.

1926 zog sich Miller nach zwei Jahren am Smith College vom akademischen Leben zurück und ging nach Europa. Hier besuchte er zuerst Rom und wechselte dann zwischen Florenz und Wien, wo er mit Mitgliedern des Wiener Kreises in Kontakt kam, u.a. mit Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap und Herbert Feigl. In Wien traf er auch Ludwig Wittgenstein.

Determinismus als Voraussetzung des freien Willens

1934, nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten, veröffentlichte Miller unter dem Pseudonym R. E. Hobart den Artikel Free Will as Involving Determination and Inconceivable Without It, in dem er entgegen der landläufigen Meinung den Determinismus als notwendige Voraussetzung der Willensfreiheit darstellte. Er trat damit insbesondere Arthur Eddington entgegen, der angesichts des fundamentalen Indeterminismus der Quantenphysik die Ansicht vertreten hatte, dass damit die wissenschaftliche Ablehnung des freien Willens überwunden sei.

„Im alten Konflikt zwischen freiem Willen und Prädestination schien es bisher, dass die Physik stark auf die Seite der Prädestination fällt. Ohne extravagante Ansprüche auf den Geltungsbereich des Naturrechts zu erheben, war seine moralische Sympathie mit der Ansicht verbunden, dass das, was die Zukunft hervorbringt, in den Konfigurationen der Vergangenheit bereits vorhergesagt ist... Es ist eine Folge des Aufkommens der Quantentheorie, dass die Physik nicht mehr einem Schema des deterministischen Gesetzes verpflichtet ist. Der Determinismus ist in den neuesten Formulierungen der theoretischen Physik völlig fallengelassen und lässt zumindest Zweifel aufkommen, ob er jemals wieder zurückgebracht wird...

Die Zukunft ist eine Kombination aus den kausalen Einflüssen der Vergangenheit und unvorhersehbaren Elementen - unvorhersehbar nicht nur, weil es nicht möglich ist, die Daten der Vorhersage zu erhalten, sondern weil keine Daten existieren, die kausal mit unserer Erfahrung verbunden sind. Es wird notwendig sein, einen so bemerkenswerten Meinungswechsel ausführlich zu verteidigen. In der Zwischenzeit können wir feststellen, dass die Wissenschaft damit ihre moralische Ablehnung des freien Willens zurückzieht. Diejenigen, die eine deterministische Theorie der mentalen Aktivität aufrechterhalten, müssen dies als Ergebnis ihrer Studie über den Geist selbst tun und nicht mit der Idee, dass sie ihn dadurch konformer mit unserem experimentellen Wissen über die Gesetze der anorganischen Natur machen.“

Arthur S. Eddington: The Nature of the Physical World, S. 293ff.

Bewusst enthielt sich Hobart/Miller bei seiner Kritik metaphysischen Erwägungen über die Allgemeingültigkeit des Determinismus und über die Natur des menschlichen Selbst. Alternative Handlungsmöglichkeiten schloss er expizit nicht aus. In seiner Argumentation berief er sich allein darauf, dass der Indeterminismus den Menschen dem puren Zufall ausliefern und damit den freien Willen unmöglich machen würde.

„Ich behaupte nicht, dass der Determinismus wahr ist, sondern nur, dass er wahr ist, sofern wir einen freien Willen haben. Dass wir frei im Wollen sind, ist im Großen und Ganzen eine Tatsache der Erfahrung. Diese breite Tatsache ist sicherer als jede philosophische Analyse. Sie ist daher sicherer als die deterministische Analyse, und völlig ausreichend, wie es am Ende scheint. Aber es wird hier nicht bestätigt, dass es keine kleinen Ausnahmen gibt, keine leichten unbestimmten Schwankungen, keine Zutaten des absoluten Zufalls. Alles, was hier gesagt wird, ist, dass eine solche Abwesenheit von Determination, sofern und soweit sie existiert, kein Gewinn für die Freiheit ist, sondern ein schierer Verlust selbiger; kein Vorteil für das moralische Leben, sondern eine blinde Subtraktion davon...

Nun ist die Position des Indeterministen, dass ein freier Willensakt der Akt des Selbst ist. Das Selbst wird durch diesen zum Autor des physischen Aktes, der sich daraus ergibt. Dieser Wille des Selbst verursacht die körperliche Handlung, aber er wird seinerseits nicht verursacht, er ist "spontan". Ihn als verursacht zu betrachten, wäre Determinismus. Das verursachende Selbst, auf das sich der Indeterminist hier bezieht, ist so zu verstehen, dass es sich vom Charakter unterscheidet; von Temperament, Wünschen, Gewohnheiten, Impulsen. Er betont zwei Dinge gleichermaßen: Der physische Akt entspringt dem Selbst durch seinen Willen, und er entspringt nicht nur dem Charakter, er ist nicht nur das Ergebnis von Charakter und Umständen. Wenn wir fragen: "Gab es etwas, das das Selbst zum Handeln veranlasst hat?", antworten wir in Wirklichkeit: "Nicht endgültig. Das Selbst fühlt Motive, aber sein Handeln wird nicht von ihnen bestimmt. Es kann zwischen ihnen wählen." [...]

Der Indeterminismus behauptet, dass wir nicht durch unsere Wünsche zum Handeln gezwungen werden müssen, dass unser Handeln nicht von ihnen bestimmt werden muss. Motive "machen uns geneigt, ohne dass wir müssen". Wir wählen unter den vor uns liegenden Handlungsideen, müssen aber nicht nur nach der Anziehungskraft des Begehrens wählen, in dem einen oder anderen weiten Sinne, in dem das Wort verwendet wird. Unser innerstes Selbst kann sich in seiner Autonomie und moralischen Würde, unabhängig von Motiven, erheben und seinen souveränes Entschluss registrieren.

Soweit diese "Zwischenposition des Selbst" unbestimmt ist, ist der Akt nicht sein Akt, er entspringt nicht einem konkreten, fortlaufenden Selbst; er wird im Moment aus dem Nichts geboren, also drückt er keine Qualität aus; er entsteht aus keiner Quelle. Das Selbst registriert seinen Entschluss nicht, denn das Urteil ist nicht das Ergebnis dessen, was "es" ist. Das Selbst erhebt sich nicht in seiner moralischen Würde, denn Würde ist die Qualität eines dauerhaften Wesens, das seine Handlungen beeinflusst und daher von ihm zum Ausdruck gebracht wird, und das wäre Entschlossenheit. Im Verhältnis dazu, wie ein Willensakt ohne Grund von selbst beginnt, ist es genauso, was die Freiheit des Einzelnen betrifft, als ob ihm von außen - ihm "suggeriert" - von einem freakigen Dämon der Entschluss in den Kopf geworfen worden wäre. Es ist in dieser Hinsicht genau so, dass der Wille in keinem Fall aus dem entsteht, was der Mensch ist, pflegt oder sich verpflichtet fühlt; er kommt nicht aus ihm heraus. In diesem unbestimmten Verhältnis, ist es genauso, als ob seine Beine ihn plötzlich dorthin tragen sollten, wohin er nicht gehen wollte. Weit davon entfernt, etwas zu bilden, das Freiheit heißt, sondern in dem Maße, in dem sie stattgefunden hat, der Verlust der Freiheit. Es wäre eine Einmischung, und eine völlig unkontrollierbare Einmischung in seine Macht, so zu handeln, wie er es wünscht. So weit der Wille unbestimmt ist, kann das Selbst weder gepriesen noch dafür verantwortlich gemacht werden, da es nicht der Akt des Selbst ist.

Das Prinzip des freien Willens lautet: "Ich produziere meine Willenskraft". Der Determinismus sagt: "Meine Wünsche werden von mir produziert". Determinismus ist freier Wille, der sich in der Passivstimme ausdrückt...

Im täglichen Leben sind wir alle Deterministen, so wie wir alle Liberalisten sind. Wir schreiben das Verhalten ständig dem Charakter, dem Temperament, den Eigenheiten des Menschen zu und erwarten von ihm, dass er sich in bestimmter Weise verhält. Die Worte unseres täglichen Gesprächs sind, wie wir so ausführlich beobachtet haben, voller Determinismus. Und wir sehen nichts Unstimmiges darin, uns gleichzeitig bewusst zu sein, dass er frei in der Wahl seines Kurses ist, so wie wir uns selbst als frei erkennen.“

R. E. Hobart: Free Will as Involving Determination and Inconceivable Without It

Rudolf Steiners Ansichten zur Freiheit des Willens

Hauptartikel: Willensfreiheit

Von der Freiheit des Willens zu sprechen, ist nach Rudolf Steiner schlechthin unsinnig. Die Freiheit des Menschen liegt vielmehr darin begründet, dass er die Gesetze seines Handelns erkennen und darauf seine Entscheidungen gründen kann. Ausgangspunkt der Freiheit ist daher niemals der Wille, der tief unter der Schwelle des Bewusstseins waltet, sondern vielmehr die Freiheit der Gedanken, die sich der Mensch im reinen, sinnlichkeitsfreien Denken durch moralische Intuition erringen und dadurch sein Handeln frei gestalten kann. Mit gutem Recht sagt daher Marquis von Posa in SchillersDon Karlos“ zu König Philipp II.: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ - und nicht: „Geben Sie Willensfreiheit!“

„Lesen Sie nach in meiner «Philosophie der Freiheit», was für einen großen Wert ich darauf gelegt habe, daß nicht gefragt werde nach der Freiheit des Willens. Der sitzt unten, tief unten im Unbewußten, und es ist ein Unsinn, nach der Freiheit des Willens zu fragen; sondern man kann nur von der Freiheit der Gedanken sprechen. Ich habe das in meiner «Philosophie der Freiheit» wohl auseinandergehalten. Die freien Gedanken müssen dann den Willen impulsieren, dann ist der Mensch frei.“ (Lit.:GA 235, S. 46ff)

Schriften (Auswahl)

  • Dickinson S. Miller, Loyd Easton (Ed.): Philosophical Analysis and Human Welfare, Reidel, 1975, ISBN 978-94-010-1792-3
  • Dickinson S. Miller: The Meaning of Truth and Error, in: The Philosophical Review, Vol. 2, No. 4 (Jul. 1893), pp. 408-425 pdf (Dissertation; Originatitel: Das Wesen der Erkenntnis und des Irrthums)
  • Dickinson S. Miller: "The Will to Believe" and the Duty to Doubt, in: International Journal of Ethics, Vol. 9, No. 2 (Jan. 1899), pp. 169-195 pdf
  • R. E. Hobart: Free Will as Involving Determination and Inconceivable Without It, in: Mind, Vol 43, No. 169 (January 1934), p. 1-27 pdf

Literatur

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