Sampo

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Akseli Gallen-Kallela: Die Verteidigung des Sampo (1896)
Himmelssäule nach E. N. Setälä (1932)

Der Sampo ist ein Gerät „mit buntem Deckel“ aus dem finnischen Epos Kalevala, das durch seine Zauberkräfte seinem Besitzer Wohlstand verschafft. In der deutschen Übersetzung von Hans Fromm wird es gelegentlich mit „Zaubermühle“ beschrieben. Nach Rudolf Steiner ist mit dem Sampo der Ätherleib des Menschen in seiner volkstypischen Form gemeint - hier speziell in der für das finnische Volk typischen Form.

Der Sampo wurde von dem Schmied Ilmarinen geschaffen, aber im eisigen Nordreich Pohjola von dessen Herrscherin, der zauberkräftigen Louhi, eifersüchtig gehütet, bis er ihr von den Helden des Kalevala entrissen wird. Beim Kampf darum zerbricht er und verbreitet Fruchtbarkeit über Land und Meer.

Etymologie und Deutungsversuche

Anton Schiefner, der Begründer der Uralistik, sieht im Sampo eine Mühle, deren Namen er mit russisch samo, finnisch same, schwedisch samme (deutsch „selbst“) in Verbindung bringt. Für eine Mühle, die von selbst mahlt, findet er Analogien in russischen Märchen.

Für Wilhelm Johann Albert von Tettau[1] symbolisiert diese Mühle den Ackerbau und den damit verbundenen Wohlstand. Aus dem Sampo „kommt des Samens Sprießen, / Wechselloser Wohlfahrt Anfang, / Daraus Pflügen, daraus Säen, / Daraus Wachstum jeder Weise.“[2] Aus den Splittern des Sampo wachsen Gerste und Roggen. Wenn aber der Sampo nicht nur Getreide, sondern auch Salz und „Geld“ (so Schiefners Übersetzung von finnisch: raha; besser wäre nach von Tettau: „Tauschmittel)“ mahlt, ist das ein Hinweis darauf, dass die Samen das für sie wichtige Salz nur auf dem Wege des Tauschhandels aus Deutschland oder Russland erhalten konnten: Der Sampo mahlt an einem Tag zum Essen, am nächsten zum Tauschen, am dritten für den Vorrat.[3]

Hans Fromm sieht einen möglichen Ursprung des Liedes in der Faszination durch die seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert auch in Skandinavien verbreitete Drehmühle. Die Vorstellung der „Glücksmühle“, die die landwirtschaftliche Produktivität entscheidend erhöht, stammt ursprünglich wohl aus dem Mittelmeerraum und wanderte vielleicht über Byzanz und Russland nach Karelien. Raub und Zerstörung des Sampo wären dann als Gleichnis für das Zerbrechen eines technischen Monopols anzusehen. Das „Nordland“ Pohjola wäre nicht geographisch zu deuten, sondern als eine außermenschliche Gegenwelt.[4]

Von finnischen Autoren wie Eemil Nestor Setälä[5], Uno Harva[6] und Martti Haavio[7] wird der Sampo als Stütze des Himmelsgewölbes bzw. als deren kultische Repräsentation gedeutet: die Himmelsachse, markiert durch den Polarstern, oder der Weltenbaum, um den herum sich der Sternhimmel dreht, wird kultisch (möglicherweise durch eine eiserne Säule) repräsentiert. Deren Raub oder Zerstörung ist ein Motiv in verschiedenen Mythologien sowohl sesshaft-bäuerlicher als nomadischer Kulturen, z. B. im altnordischen Freyr-Mythos oder im Bericht von der Zerstörung der Irminsul. Bei den Samen wurden Weltbäume bis in die Neuzeit hinein errichtet, über die sich das unsichtbare Himmelszelt spannt; die senkrecht in den Boden gerammte Stange ist ein wichtiges Orientierunginstrument aller Nomadenvölker.

Beide Kreisbewegungen – sowohl die des Sternhimmels als auch die der Getreidemühle – sind Symbole für unaufhörliche (Selbst-)Bewegung, Erneuerung und Fruchtbarkeit.[8]

Geistiger Hintergrund

In den drei großen Helden der finnischen Mythologie wird der wesenhafte Ursprung der drei seelischen Wesensglieder dargestellt. Väinämöinen ist der Schöpfer der Empfindungsseele. Ilmarinen, der für Louhi, die Herrscherin des Nordlandes, den Sampo schmiedet ist der Schöpfer der Verstandes- oder Gemütsseele und Lemminkäinen, der ähnlich wie Osiris getötet, zerstückelt und von seiner Mutter wiederbelebt wird, erschuf die Bewusstseinsseele.

„Nun treten uns in dem finnischen Nationalepos drei Helden entgegen. Zunächst sind sie höchst merkwürdig, diese drei sonderbaren Geschöpfe, die etwas Übermenschliches haben und die wieder stufenweise etwas echt Menschliches haben. Geht man aber näher und untersucht man namentlich mit okkulten Mitteln die Sache, so zeigt sich, daß in diesen drei heldenhaften Gestalten die Schöpfer, die letzten Schöpfer und Inspiratoren der menschlichen Seelenkräfte gegeben sind. Der Schöpfer der Empfindungsseele entspricht dem, was in der Kalewala geschildert ist mit dem Namen Wäinämöinen; der Schöpfer der Verstandes- oder Gemütsseele ist geschildert als Ilmarinen und der Schöpfer der Bewußtseinsseele als Lemminkäinen. Es tritt uns also hier bei diesem so merkwürdigen Volke in seiner Nationaldichtung in einer Imaginationsform aus dem ursprünglichen menschlichen Hellsehen das entgegen, was die moderne okkulte Forschung wiederfindet.“ (Lit.:GA 133, S. 67)

Der von Ilmarinen geschmiedete Sampo entspricht laut Rudolf Steiner dem Ätherleib des Menschen, durch dessen Bearbeitung später dem Astralleib die Verstandes- oder Gemütsseele eingestaltet wird, nach dem zuvor schon Väinämöinen den Astralleib teilweise zur Empfindungsseele umgebildet hatte. Lemminkäinen hingegen schafft durch die Arbeit am physischen Leib die Bewusstseinsseele.

„Zu drei Mächten sahen die alten Hellseher hinauf, zu einem schöpferischen Wesen, das unsere Empfindungsseele zuletzt hervorruft, indem es im Menschen den astralischen Leib gestaltet, der von den übersinnlichen Mächten inspiriert werden kann, weil er der Leib ist, den der Mensch hatte, bevor er ein physisches Wesen durch die Empfängnis wurde, der Leib, welchen der Mensch haben wird, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Dieses Kräftegebilde, können wir besser sagen, dieses gleichsam himmlische Gebilde im Menschen, das dauert, während Ätherleib und physischer Leib vorübergehen, das ist zugleich für die alten Hellseher dasjenige gewesen - das ergab ihnen ihre unmittelbare Erfahrung -, was ins menschliche Leben alle Kultur hereinbringen konnte. Deshalb sahen sie im Bringer des astralischen Leibes jene Macht, die das Göttliche hereinträgt, die selber nur aus dem Dauernden besteht, durch welches das Ewige der Welt hereinsingt und hereintönt. Und die alten Hellseher, denen - ich sage es ungescheut - die Gestalten von Kalewala entsprungen sind, haben die lebendige plastische Ausgestaltung derjenigen Schöpfungsmacht, die uns im Resultat der Empfindungsseele entgegendringt, die das Göttliche in das Menschliche hereininspiriert, hingestellt in Wäinamöinen. Wäinämöinen ist der Schöpfer jenes menschlichen Leibesgliedes, das über Geburt und Tod hinausdauert und das das Himmlische ins Irdische hereinbringt. Und wir sehen die zweite Gestalt in Kalewala: Ilmarinen. Wenn wir zurückgehen auf das alte hellseherische Bewußtsein, dann finden wir, daß Ilmarinen alles das herausschafft, was Abbild ist in seiner lebendigen Gestaltung vom ätherischen Leib aus den Kräften der Erde und aus dem, was nicht der sinnlichen Erde, sondern was den tieferen Kräften der Erde angehört. Wir sehen in Ilmarinen den Bringer desjenigen, was alle Materie umgestaltet, ummahlt. Wir sehen in ihm den Schmied der menschlichen Gestalt. Und wir sehen in dem Sampo den menschlichen Ätherleib, geschmiedet von Ilmarinen aus der übersinnlichen Welt heraus, damit die sinnliche Materie pulverisiert und dann fortgeleitet werden kann von Generation zu Generation, so daß in den Kräften, welche die dritte göttliche übersinnliche Wesenheit gibt, von Generation zu Generation durch die Liebeskräfte die menschliche Bewußtseinsseele im physischen Menschenleib fortwirkt. Diese dritte göttlich- übersinnliche Macht sehen wir in Lemminkäinen. So sehen wir tiefe Geheimnisse der Menschheitsentstehung in dem Schmieden des Sampo, sehen tiefe Geheimnisse aus dem alten hellseherischen Bewußtsein heraus auf dem Grund von Kalewala und blicken so in menschliche Vorzeiten zurück, von denen wir uns sagen dürfen: Nicht war damals das Zeitalter, wo man hätte mit Verstand die Naturerscheinungen zergliedern können. Primitiv war alles, aber im Primitiven lebte die Anschauung dessen, was hinter dem Sinnlichen steht. Nun war es so, daß, wenn diese Leiber des Menschen geschmiedet waren, wenn namentlich der ätherische Leib des Menschen, der Sampo, geschmiedet war, daß das erst eine Weile verarbeitet werden mußte, daß der Mensch nicht sogleich die Kräfte hatte, die ihm dadurch von den übersinnlichen Mächten bereitet waren. Indem der Ätherleib geschmiedet war, muß er erst innerlich sich einleben, wie wenn wir eine Maschine zubereiten, die erst fertig sein muß, gleichsam dann erst völlig ausreifen muß, um in Gebrauch zu treten. In dem Menschenwerden mußten immer - das zeigt sich bei aller Evolution - Zwischenzeiten zwischen dem Schaffen der entsprechenden Glieder und dem Gebrauch derselben sein. So hatte der Mensch seinen ätherischen Leib in ferner Urzeit geschmiedet. Dann kam eine Episode, wo dieser Ätherleib hinunter in die menschliche Natur gesandt ward. Erst später leuchtete er auf als Verstandesseele. Der Mensch lernte seine Kräfte gebrauchen als äußere Naturkräfte, er holte aus seiner eigenen Natur den verborgen gebliebenen Sampo hervor. Wir sehen in einer wunderbaren Weise bildlich dieses Geheimnis des Menschenwerdens in dem Schmieden des Sampo, in dem Verborgensein, in dem Unwirksamsein des Sampo, in der Episode, die zwischen dem Schmieden und Wiederauffinden desselben liegt. Wir sehen den Sampo erst in die menschliche Natur versenkt, dann herausgeholt zu den äußeren Kulturkräften, die erst als primitive Kräfte auftreten, wie sie im zweiten Teil von Kalewala geschildert werden.“ (Lit.:GA 158, S. 32ff)

„Ich verstehe, wohlgemerkt, nichts vom Finnischen, ich kann nur aus der Geisteswissenschaft heraus sprechen. Ich würde das Wort Sampo einzig und allein nur dadurch ausdrücken können, daß ich versuchte, ein Wort zu bilden, das auf folgende Weise entstehen könnte: In den Tieren sehen wir den ätherischen Leib so wirksam, daß er der Baumeister für die verschiedensten Gestalten wird, von den unvollkommensten zu den vollkommensten. Im menschlichen Ätherleib wurde etwas geschmiedet, was alle diese tierischen Gestalten wie in einer Einheit zusammenfaßt, nur mit der einzigen Ausnahme, daß über die Erde hin der Ätherleib, das heißt der Sampo, geschmiedet wird je nach den klimatischen und andern Verhältnissen, so daß dieser Ätherleib die besonderen Volkscharaktere, die besonderen Volkseigentümlichkeiten in seinen Kräften hat, daß er das eine Volk so und das andere anders gestaltet. Der Sampo ist dasjenige für jedes Volk, was die besondere Gestalt des Ätherleibes ausmacht, der gerade diese besondere Volksheit ins Leben setzt, so daß die Glieder dieser Volksheit von demselben Aussehen sind in bezug auf das, was hindurchleuchtet durch ihr Lebendiges und durch ihr Physisches. Insofern das gleiche Aussehen in der menschlichen Gestalt aus dem Ätherischen gezimmert ist, insofern liegen die Kräfte des Ätherleibes in dem Sampo. In dem Sampo haben wir also das Symbolum des Zusammenhaltens des finnischen Volkes, dasjenige, was in den Tiefen der Menschlichkeit macht, daß das finnische Volkstum sich gerade in einer bestimmten Gestalt ausgelebt hat.

So ist es aber bei jedem Volksepos. Volksepen können nur da entstehen, wo die Kultur noch in die Kräfte des Sampo eingeschlossen ist, in die Kräfte des ätherischen Leibes. Solange die Kultur von den Kräften des Sampo abhängt, so lange trägt das Volk den Stempel dieses Sampo. Dieser Ätherleib trägt daher in der ganzen Kultur den Charakter des Volkstümlichen, des Volksheitlichen. Wann konnte im Laufe des Kulturprozesses ein Bruch in dieses Volkstümliche, in dieses Volksheitliche hineinkommen? Dann konnte er hineinkommen, als etwas in dem menschlichen Kulturprozeß eintrat, das nicht für einen Menschen, für einen Stamm, für ein Volk, sondern für die ganze Menschheit ist, was aus solchen Tiefen der Menschennatur, aus solchen Feinheiten und Intimitäten herausgenommen und dem Kulturprozeß einverleibt ist, daß es für alle Menschen gilt ohne Unterschied der Nationalität, der Rasse und so weiter. Das aber war gegeben, als jene Mächte zu den Menschen sprachen, die nicht zu einem Volk sprachen, sondern zur ganzen Menschheit, jene Mächte, die nur so unpersönlich auch im Sinn der Volksheit, so fein und zart am Ende von Kalewala angedeutet werden, indem der Christus aus Mariata geboren ist. Als Er getauft wird, da verläßt Wäinämoinen das Land, da ist etwas eingetreten, was die besondere Volksheit mit dem Allgemein-Menschlichen zusammenbringt. Und hier an diesem Punkte, wo eines der bedeutendsten, prägnantesten, grandiosesten Volksepen in die Schilderung, in die ganz unpersönliche - erlauben Sie den paradoxen Ausdruck - unpalästinische Schilderung des Christus- Impulses einmündet, wird Kalewala ganz besonders bedeutsam. Da führt sie uns ganz besonders in das hinein, was empfunden werden kann da, wo die Wohltaten, das Glück des Sampo lebendig empfunden werden als fortwirkend durch alles Menschenwerden und im Zusammenwirken zugleich mit der christlichen Idee, mit dem christlichen Impuls. Das ist das unendlich Zarte am Ende von Kalewala.“ (Lit.:GA 158, S. 35)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Kalevala - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Wilhelm von Tettau: Ueber die epischen Dichtungen der finnischen Völker, besonders die Kalewala. Erfurt: Villaret 1873, S. 144 f.
  2. Kalevala XLIII, zitiert nach von Tettau, S. 144.
  3. Kalevala X und XXXVIII.
  4. Hans Fromm, Kommentar zu Kalevala, S. 426 ff.
  5. E. N. Setälä: Sammon arvoitus. Helsinki 1932.
  6. U. Harva: Sammon ryöstö. In: Suomen tiedettä 3. WSOY, Porvoo Helsinki 1943.
  7. M. Haavio Suomalainen mytologia. WSOY, Porvoo Helsinki 1967.
  8. Gérard de Champeaux, Sébastien Sterckx: Le monde des symboles. Zodiac, 3. Auflage 1980, S. 18 ff.
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