Theorie der hohlen Erde

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Die Theorie der hohlen Erde war eine wissenschaftliche Theorie aus dem 17. Jahrhundert, der zufolge die Erde nicht ein massiver Kugelkörper, sondern eine Hohlkugel sei, der Erdkern und (größtenteils) der Erdmantel also nicht existierten. Das Erdinnere sollte demnach durch verschiedene Öffnungen, zum Beispiel große Öffnungen im Bereich der Pole, zugänglich sein. Obwohl wissenschaftlich durch neuere Erkenntnisse widerlegt und verworfen, blieb die Theorie der hohlen Erde, wie auch die Idee eines Innenweltkosmos, Gegenstand pseudowissenschaftlicher und verschwörungstheoretischer Mutmaßungen und ein beliebtes Motiv der fantastischen Literatur.

Geschichte

Halley mit einem Diagramm der Hohlerde

Im Tengrismus, der weitgehend schamanistischen, naturverbundenen Religion der als Nomaden umherziehenden Mongolen und Turkvölker Zentralasiens, liegt zu Füßen der Menschenwelt die nicht-personifizierte fruchtbare Mutter Erde (mongol. Gazar Eje; türk. Yer Ana), die untere Welt, die mit ihren Töchtern den Menschen trägt und nährt. Prächtig wachsende Bäume zeigen an, dass die Erdenmutter gut gestimmt und mit den Menschen zufrieden ist. Die unterirdische Welt, die Unterwelt, in der auch die bösen Geister wohnen, wird von Erlik Khan (mongol. Erleg Han), einem Sohn des Himmelsgottes Tengri, beherrscht. In ihrer ursprünglichsten Form sind diese Mythen bereits bei den Urturaniern der atlantischen Zeit zu finden.

Unterweltsmythen, die das Reich des Todes in oder unter der Erde lokalisieren, sind aus der ägyptisch-chaldäischen Zeit reichlich bekannt. Insbesondere in der griechisch-lateinischen Zeit sind sie weit verbreitet und finden sich etwa in der griechischen, römischen und nordischen Mythologie, aber auch im Alten und Neuen Testament. In der indischen Mythologie ist Naraka die Unterwelt, die Hölle und Ort des Totengerichts. Im Tibetischen Buddhismus spricht man noch heute vom unterirdischen reinen Land Shamballa. Es gilt als Stätte, die der geistigen Entwicklung besonders günstig ist; ob es sich dabei um einen äußeren Ort handelt, bleibt zunächst offen. Tatsächlich handelt es sich dabei um keinen äußeren Ort, sondern um eine zu erreichende Bewusstseinsebene, doch ist dafür ein ganz bestimmter äußerer Ort besonders günstig. So sagt etwa der 14. Dalai Lama Tendzin Gyatsho über Schamballa: „Gleichgültig ob Shambhala ein Ort irgendwo auf diesem Planeten ist, oder nicht, so kann er dennoch nur von denen gesehen werden, deren Geist und karmische Tendenzen rein sind.“ (Lit.: Cornu)

Bis zu einem gewissen Grad wurde die Theorie der hohlen Erde im 14. Jahrhundert auch von Dante Alighieri vorweggenommen, als er in seiner Göttlichen Komödie das Inferno als einen sich zum Erdmittelpunkt hin verjüngenden Höllentrichter beschrieb. Allerdings wollte er damit ebensowenig wie seine antiken Vorbilder ein physisches, sondern ein moralisch-geistiges Weltbild darstellen. Erst mit dem seit Anbruch der Neuzeit immer stärker hervortretenden materialistischen Denken wurde das Erdinnere zunehmend nur mehr rein physisch vorgestellt und zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Spekulationen.

Die erste Theorie auf äußerer wissenschaftlicher Grundlage wurde von Edmond Halley 1692 vorgeschlagen.[1] Isaac Newton hatte berechnet, dass der Mond im Verhältnis 1,76 : 1 dichter als die Erde sei.[2] Ausgehend von der allgemeinen Ansicht, alle Materie der Planeten und Monde hätte die gleiche Dichte, folgerte Halley, dass ein Teil der Erde hohl sein müsse. Des Weiteren hatte er beobachtet, dass sich das Magnetfeld der Erde zeitlich ändert. Er nahm an, dass die Erde aus einer zentralen Kugel und sie konzentrisch umgebenden drei Hohlkugeln bestehe, etwa der Größe des Mondes sowie der Planeten Merkur und Venus. Jeder dieser Körper hätte ein eigenes Magnetfeld, und da sie sich verschieden schnell drehten, ergebe sich auf der Oberfläche der Erde ein sich veränderndes Gesamtmagnetfeld. Da man früher davon ausging, dass alle Himmelskörper bewohnt seien, besiedelte er auch die inneren Planeten. Diese Hohlerde-Theorie war die erste Schlussfolgerung aus der neuen Gravitationstheorie Newtons in den Principia, noch vor Halleys Vorhersage eines Kometen von 1695.

Am 6. März 1716 wurden in England und weiten Teilen Europas erstmals nach dem Maunderminimum wieder sehr lichtstarke Polarlichter beobachtet, die sogar am Tage sichtbar waren. Die Royal Society beauftragte Halley, diese Erscheinungen zu erklären. Er führte sie darauf zurück, dass die Erdkruste in nördlichen Breiten dünner sei und dadurch das Licht aus den Hohlräumen durchscheine. Als der 80-jährige Halley als Astronomer Royal porträtiert wurde, ließ er sich mit einem Diagramm der Hohlerde abbilden.

Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler diskutierte in einem Gedankenexperiment in seinen Lettres à une princesse d’Allemagne, ob die Erde (wie auch die anderen Planeten) hohl und von einer inneren „Sonne“ erleuchtet sei, „die einer hochstehenden innerirdischen Menschheit Wärme und Licht spendet“.

Der schottische Physiker und Mathematiker Sir John Leslie setzte zwei kleine Sonnen ins Zentrum, die er Pluto und Proserpina nannte.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde die Theorie der Hohlerde von John Cleves Symmes jun. (1780–1829, Hauptmann der US-Armee) um die fantasievolle Idee der Existenz von zwei schiffbaren Polarmeeren erweitert, über die ins Innere der Erde zu gelangen wäre. 1826 veröffentlichte James McBride Symmes’ Theory of Concentric Spheres. Symmes bewog den Kongress dazu, eine Expedition an den Südpol zu finanzieren, wo sich seiner Überlegung nach eine Öffnung ins Innere der Erde befinden sollte. Die Expedition wurde begonnen, scheiterte aber unterwegs an Meutereien.

Schon im 19. Jahrhundert ergaben sich, ebenfalls durch Dichtebetrachtungen, erste begründete Zweifel an der Hohlerdetheorie. Es wurde beobachtet, dass die mittlere Dichte der Erde mit 5,52 g/cm3 wesentlich größer ist als die Dichte von Gesteinen an der Erdoberfläche, die normalerweise zwischen 2 und 3 g/cm3 beträgt. Aus dieser Erkenntnis folgt im Widerspruch zur Theorie, dass die Dichte mit zunehmender Tiefe anwachsen muss. 1906 veröffentlichte der britische Geologe Oldham erste seismologische Hinweise auf einen Erdkern. 1936 wies die dänische Seismologin Inge Lehmann die Existenz eines inneren Erdkerns nach, für den später ein Radius von rund 3.500 km bestimmt wurde. Spätestens damit war die Theorie der hohlen Erde widerlegt. Heute ist der Innere Aufbau der Erde mit wesentlich mehr Details, einschließlich des Dichteverlaufs, des Magnetfelds und der thermischen Bilanz bekannt und nichts davon deutet auf einen großen Hohlraum hin.[3][4]

Literarische Umsetzungen

Bucheinband der englischen Ausgabe von 1874 des Romans von Jules Verne

Die Theorie der hohlen Erde beeinflusste Ludvig Holbergs Roman Niels Klims unterirdische Reise (1741), Edgar Allan Poes Werk Arthur Gordon Pym und wurde durch Jules Vernes Roman Die Reise zum Mittelpunkt der Erde allgemein bekannt. Außerdem wurde sie auch von Wladimir Obrutschew mit Plutonien aufgegriffen. Tarzan-Autor Edgar Rice Burroughs siedelte seinen fiktiven Kontinent „Pellucidar“ ebenfalls in der Innenfläche einer Hohlerde an.

In Arno Schmidts Satire Tina oder über die Unsterblichkeit (1955) befindet sich in der hohlen Erde das „Elysium“, in dem alle Menschen weiterleben, solange ihrer auf Erden noch gedacht wird – was besonders Personen betrifft, deren Erinnerung schriftlich aufbewahrt ist.

Der Steampunk-Roman Hohlwelt (Originaltitel The Hollow Earth) des Mathematikers und Science-Fiction-Autors Rudy Rucker handelt von Menschen (in diesem Zusammenhang Erdoberflächenbewohnern), unter ihnen Edgar Allan Poe, die in die (fiktive) Welt im Inneren der Erde hinabsteigen. Im Nachwort gibt der Autor einen knappen Überblick über die Entstehung des Romans, die verwendeten historischen Quellen, die gravitativen Verhältnisse in einer Hohlkugel und das Wurmloch, das sich in seiner Version der Hohlwelttheorie im Zentrum der hohlen Erde befindet.

Die Geschichten des Myst-Epos basieren auf der Zivilisation der D’ni, die im Inneren der Erde existierte. In der dazugehörigen Romanreihe (→ Das Buch Atrus) werden die Kultur und die Lebensräume der D’ni detailliert beschrieben.

In seinem 2006 erschienenen Roman Gegen den Tag beschreibt der amerikanische Autor Thomas Pynchon in einem Pastiche auf die Abenteuerliteratur der Zeit um 1900, wie ein Luftschiff die Erde durch ihren hohlen Innenraum von Pol zu Pol durchquert.

Seit 2006 behandelt auch die Hörspielserie Die Schwarze Sonne von Günter Merlau (Lausch – Phantastische Hörspiele) den Mythos um die hohle Erde. Darin wird die Hohlwelttheorie in den Kontext real-historischer sowie fiktiver Handlungselemente gestellt.

In der kanadischen Science-Fiction-/Mystery-Fernsehserie Sanctuary – Wächter der Kreaturen (ab Staffel 3, Episode 6) spielte die Hohlerde eine immer wiederkehrende Rolle für das Vorkommen von Abnormen.

Literatur

  • E. Halley: An account of the cause of the change of the variation of the magnetical needle with an hypothesis of the structure of the internal parts of the earth: as it was proposed to the Royal Society in one of their later meetings. Philosophical Transactions of the Royal Society of London 17 (1692), S. 563–578. DOI:10.1098/rstl.1686.0107
  • E. Halley: An Account of the Late Surprizing Appearance of the Lights Seen in the Air, on the Sixth of March Last; With an Attempt to Explain the Principal Phaenomena thereof; As It Was Laid before the Royal Society by Edmund Halley, J. V. D. Savilian Professor of Geom. Oxon, and Reg. Soc. Secr. Philosophical transactions, xxix (1716), S. 406–428.
  • Philippe Cornu: Handbuch der tibetischen Astrologie. Theseus, Berlin 1999, ISBN 3-89620-141-7

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Halley 1692, S. 563–578
  2. Zitiert bei Halley 1692, S. 574. Tatsächlich ist die Erde jedoch im Verhältnis 1,65 : 1 dichter als der Mond.
  3. Gerhard Müller: Aufbau und Zustand des Erdkerns, Teil I. Physikalische Blätter 31.6 (1975), S. 246–256 (PDF).
  4. Gerhard Müller: Aufbau und Zustand des Erdkerns, Teil II. Physikalische Blätter 31.7 (1975), S. 309–315 (PDF)
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