Wirklichkeit

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Als Wirklichkeit (griech. ἐνέργεια, energeia; lat. actualitas, realitas; eng. reality, actuality; franz. réalité, l'actualité[1]) wird im Sinne der Metaphysik die Aktualität des tatsächlich gegenwärtig gegebenen Seins bezeichnet. Sie unterscheidet sich damit von der Möglichkeit, als einem nur potentiell gegebenen Sein, wie auch vom bloßen wirkungslosen Schein bzw. der völligen Unwirklichkeit, aber insbesondere auch von der ausschließlich räumlich ausgedehnt gedachten dinglichen Realität. Indem Meister Eckhart den lateinischen Begriff ins Deutsche übertrug, wurde die für den rechten Begriff der Wirklichkeit wesentliche Komponente des Wirkens deutlicher hervorgestrichen: wirklich ist, was wirkt, d.h. Wirkungen hervorruft.

Schein und Wirklichkeit

Ein Grundirrtum des Philosophierens besteht nach Rudolf Steiner darin, die Sinneswelt bereits als fertige Wirklichkeit anzusehen. Erst das Denken, das die Wahrnehmungen durchdringt, enthüllt ihre Gestalt und Struktur und bei entsprechender Begriffsbildung auch ihre inneren Gesetzmäßigkeiten, ohne die sie nicht bestehen könnte, und führt damit erst zur vollen Wirklichkeit. Ohne Denken bliebe die Wahrnehmung ein nicht weiter fassbares zusammenhangloses diffuses Aggregat von Empfindungsobjekten.

„Das ist der Grundfehler des Philosophierens des 19. Jahrhunderts, daß immer einfach die Sinneswelt als fertige genommen wird. Man ist sich nicht bewußt geworden, daß zur wahren Wirklichkeit der Mensch dazugehört, daß dasjenige, was im Menschen namentlich an Gedanken auftritt, sich abspaltet von der Wirklichkeit, indem der Mensch in die Wirklichkeit hineingeboren wird, daß die Wirklichkeit zunächst verborgen ist, so daß sie uns als eine Scheinwirklichkeit entgegentritt; und erst wenn wir diese Scheinwirklichkeit durchdringen mit dem, was in uns aufleben kann, haben wir die volle Wirklichkeit vor uns. Damit aber würde von vornherein philosophisch, vom Gesichtspunkt einer gewissen Erkenntnistheorie, alles dasjenige charakterisiert sein, was später wiederum meiner Anthroposophie zugrundeliegt. Denn es ist vom Anfang an versucht worden nachzuweisen, daß die Sinneswelt nicht eine Wirklichkeit ist, sondern daß sie eine Scheinwirklichkeit ist, zu der erst hinzukommen muß dasjenige, was der Mensch zu ihr hinzubringt, was dem Menschen in seinem Inneren aufleuchtet und was er dann erarbeitet. Die ganze kantische und nach-kantische Philosophie geht im Grunde genommen davon aus, daß man eine fertige Wirklichkeit vor sich habe und daß man dann die Frage aufstellen könne: Ja, kann man denn diese fertige Wirklichkeit erkennen oder kann man sie nicht erkennen? - Sie ist aber keine fertige Wirklichkeit, sie ist nur eine halbe Wirklichkeit, und die ganze Wirklichkeit entsteht erst, wenn der Mensch dazukommt und dasjenige in die Wirklichkeit hineingießt, was ihm in seinem Innersten aufgeht.“ (Lit.:GA 255b, S. 41f)

Die Wirklichkeit ist dem Menschen gemäß Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit nicht unmittelbar gegeben, sondern fließt ihm von zwei Seiten her zu, nämlich durch Beobachtung und Denken. Dadurch wird im menschlichen Bewusstsein zunächst eine unüberbrückbar scheinende Kluft (→ Chorismos) aufgerissen. Erst indem der Mensch beiden Hälften, die in der Wirklichkeit zwar stets untrennbar miteinander verbunden, dem menschlichen Bewusstsein aber zunächst nur getrennt gegeben sind, im Erkenntnisakt miteinander verbindet, d.h. die Wahrnehmung mit dem zugehörigen Begriff durchdringt, stößt er zur vollen Wirklichkeit vor.

„Das objektiv Gegebene deckt sich durchaus nicht mit dem sinnlich Gegebenen, wie die mechanische Weltauffassung glaubt. Das letztere ist nur die Hälfte des Gegebenen. Die andere Hälfte desselben sind die Ideen, die ebenso Gegenstand der Erfahrung sind, freilich einer höheren, deren Organ das Denken ist. Auch die Ideen sind für eine induktive Methode erreichbar.“ (Lit.:GA 1, S. 126)

Die Wahrheit ist nach Rudolf Steiner nichts fertig in der Welt Vorhandenes, sondern etwas frei und individuell durch das Ich zu Schaffendes, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt:

„Das Resultat dieser Untersuchungen ist, dass die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt. Damit ist die höchste Tätigkeit des Menschen, sein geistiges Schaffen, organisch dem allgemeinen Weltgeschehen eingegliedert. Ohne diese Tätigkeit wäre das Weltgeschehen gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit zu denken. Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“ (Lit.:GA 3, S. 11f)

„Nicht an den Gegenständen liegt es, dass sie uns zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, dass ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und des Denkens.“ (Lit.:GA 4, S. 90)

„Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt.“ (Lit.:GA 4, S. 145)

Dass dem Menschen die Wirklichkeit nicht unmittelbar, sondern zunächst nur in Form zweier unwirklicher Hälften gegeben ist, die er aktiv verbinden muss, begründet die Möglichkeit seiner Freiheit.

Besonders schwierig ist die Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit, wenn sich das Bewusstsein für die geistige Welt öffnet.

„Bitte stellen Sie sich einmal vor, meine lieben Freunde, Sie gingen durch das gewöhnliche sinnliche Leben, das Sie durchmachen zwischen der Geburt und dem Tode, so, daß Sie richtig niemals recht wissen könnten, ob irgend etwas, was Ihnen entgegentritt, Wahrheit oder Illusion ist. Sie könnten nicht kontrollieren, ob ein Mensch, der Ihnen gegenübersteht, der Ihnen etwas sagt, nun ein wirklicher Mensch ist oder ob er ein Scheingebilde ist. Sie könnten nicht unterscheiden, ob irgendein Ereignis, das Ihnen begegnet, von Ihnen bloß geträumt ist oder ob es in dem Tatsachenzusammenhang der Welt darinnensteht. Denken Sie nur, welche Unsicherheit, welche furchtbare Unsicherheit in das Leben hineinkäme!

Aber so, wie Sie sich fühlen würden, wenn Ihnen das Leben auf Schritt und Tritt die genaue Kontrolle entzöge, ob Sie träumen oder ob Sie der Wirklichkeit gegenüberstehen, so ist es, wenn zunächst der Schüler an der Pforte, an der Schwelle der geistigen Welt steht. Das ist das allererste bedeutsame Erlebnis, daß er, wenn er an der Schwelle der geistigen Welt steht, merkt: jenseits dieser Schwelle ist die geistige Welt.

Wir haben ja gesehen: zunächst strömt da nur Finsternis aus dieser geistigen Welt heraus. Aber dasjenige, was da oder dort herauswellend, herausleuchtend erscheint, das ist bei der ersten Erfahrung - in die noch der Hüter der Schwelle seine Worte hineintönen läßt, wie wir sie das letzte Mal gehört haben -, bei der ersten Erfahrung so, daß Sie niemals zunächst mit all dem, was Sie sich errungen haben in der physischen Welt an Sinneserkenntnis, an Verstandeserkenntnis, daß Sie mit all dem, was Sie sich da errungen haben, niemals unterscheiden können, ob Sie ein wirkliches geistiges Wesen, eine wirkliche geistige Tatsache, oder aber vor sich haben ein Traumgebilde.

Das ist die allererste Erfahrung, die man macht gegenüber der geistigen Welt, daß sich ineinandermischen Schein und Wirklichkeit und die Unterscheidung zwi- schen Schein und Wirklichkeit zunächst ganz problematisch ist. Das ist auch dasjenige, das gar sehr berücksichtigen sollte derjenige, welcher nicht in regelmäßigem Schülergange, sondern wie durch elementarische Kräfte, die aus allem Möglichen heraus kommen können, aus erschütternden Ereignissen, aus Krankheit und so weiter - das ist, was der, der durch solche elementarischen Kräfte erlebt diese oder jene Impressionen aus der geistigen Welt, wohl berücksichtigen sollte. Er sollte sich nicht von vornherein vormachen: Nun hast du die geistige Welt; denn es könnte sehr wohl sein, daß dasjenige, was sich ihm da oder dort aufblitzend zeigt aus der geistigen Welt, eben eine bloße Illusion ist. Daher ist das erste, was man lernen muß, um in die geistige Welt eintreten zu können in rechter Weise, das von allem, was man in der physischen Welt erfährt, unabhängige Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Irrtum, für Wirklichkeit und Illusion. Man muß sich ein ganz neues Unterscheidungsvermögen aneignen für Wirklichkeit und Illusion.“ (Lit.:GA 270a, S. 59f)

Unsere Alltags-Wirklichkeit

Bei den uns aus dem Alltagsleben gut vertrauten Dingen fließen Wahrnehmung und Begriff so selbstverständlich und rasch zusammen, dass wir uns dieses Vorgangs gar nicht bewusst werden. Der zugehörige Begriff ist längst in uns vorgebildet und muss nicht erst mühsam suchend der Wahrnehmung entgegengebracht werden. Für die rasche routinierte Orientierung im Alltagsleben sind solche Begriffe unerlässlich. Allerdings beziehen sie sich heute, wo wir durch eine stark materialistische Denkweise geprägt sind, meist nur auf das rein gegenständliche räumlich-materielle Dasein. Wir erkennen auf diese Weise eine bestimmte Gruppe sinnlicher Wahrnehmungen sofort als Eiche, als Buche, als Bergkristall, als Löwe usw. Diese „Dinge“ erscheinen uns derart ganz unmittelbar als gegebene gegenständliche materielle Wirklichkeit und wir glauben ihr ganzes Wesen darin erschöpft. Das ist aber nicht der Fall. Ihr eigentliches, tieferes Wesen erschließt sich nur, wenn es gelingt, diesen „Erkenntnisautomatismus“ zu durchbrechen. Dazu muss einerseits die Wahrnehmung von den begrifflichen Elementen befreit und zu einer möglichst reinen Wahrnehmung geläutert werden und andererseits der Begriff geistig vertieft werden, was nur durch eine entsprechende geistige Schulung möglich ist.

Realität und Wirklichkeit

Die Begriffe Realität (lat. realitas, von res „Ding“) und Wirklichkeit werden manchmal explizit unterschieden, oft aber auch synonym verwendet. Der Begriff Wirklichkeit beinhaltet eine Komponente "wirken", was als allgemeiner Vorgang dann auch als "Werden" verstanden werden kann. Weder "Realität" noch "Wirklichkeit" können das Werden adäquat fassen, weil sie von ihrer Begrifflichkeit her das Zuständliche betonen. Vorgänge oder Bewegungen sind aber mitgemeint, wenn von Wirklichkeit oder Realität gesprochen wird, oder es sind diese sogar eigentlich gemeint.

Geistige Wesenheiten als primäre Wirklichkeit

Alle Wirkungen gehen letztendlich von geistigen Wesenheiten aus, die in verschiedenen Bewusstseinszuständen leben. Sie sind die eigentliche Wirklichkeit. In ihrem Bewusstsein liegt der Ursprungsquell und die eigentliche Substanz, aus der die Wirklichkeit gewoben ist:

„Es ist gut, festzuhalten, daß es im Grunde genommen im Weltenall doch nichts anderes gibt als Bewußtseine. Außer dem Bewußtsein irgendwelcher Wesenheiten ist letzten Endes alles übrige dem Gebiete der Maja oder der großen Illusion angehörig. Diese Tatsache können Sie besonders aus zwei Stellen in meinen Schriften entnehmen, auch noch aus anderen, besonders aber aus zwei Stellen: zunächst aus der Darstellung der Gesamtevolution der Erde von Saturn bis Vulkan in der «Geheimwissenschaft im Umriß», wo geschildert wird das Fortschreiten vom Saturn zur Sonne, von der Sonne zum Mond, vom Mond zur Erde und so weiter, zunächst nur in Bewußtseinszuständen. Das heißt, will man zu diesen großen Tatsachen aufsteigen, so muß man so weit aufsteigen im Weltengeschehen, daß man es zu tun hat mit Bewußtseinszuständen. Also man kann eigentlich nur Bewußtseine schildern, wenn man die Realitäten schildert. Aus einer anderen Stelle in einem Buche, das in diesem Sommer erschienen ist, «Die Schwelle der geistigen Welt», ist das gleiche zu entnehmen. Da ist gezeigt, wie durch allmähliches Aufsteigen der Seherblick sich erhebt von dem, was sich um uns herum ausbreitet als Dinge, als Vorgänge in den Dingen, wie das alles sozusagen als ein Nichtiges entschwindet und schmilzt, vernichtet wird und zuletzt die Region erreicht wird, wo nur noch Wesen in irgendwelchen Bewußtseinszuständen sind. Also, die wirklichen Realitäten der Welt sind Wesen in den verschiedenen Bewußtseinszuständen.“ (Lit.:GA 148, S. 305f)

„Denn die Wirklichkeit besteht ja überall im Wesenhaften; und was in ihr nicht Wesenhaftes ist, das ist die Tätigkeit, die sich im Verhältnisse von Wesen zu Wesen abspielt. Es kann nur begriffen werden, wenn man den Blick auf die tätigen Wesen werfen kann.“ (Lit.:GA 26, S. 120)

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Videos

Einzelnachweise

  1. eng. actuality bzw. franz. l'actualité sind zutreffendere Übersetzungen des deutschen Wortes „Wirklichkeit“, mit der eine aktive (geistige) Tätigkeit gemeint ist und eben gerade keine dinghaft-gegenständliche Realität.