Diogenes Laertios

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Vitae et sententiae philosophorum, 1611

Diogenes Laertios (griech. Διογένης Λαέρτιος Diogénēs Laértios, lat. Diogenes Laertius) war ein antiker griechischer Philosophiehistoriker und Doxograph, der vermutlich im 3. Jahrhundert lebte und vor allem durch sein zehnbändiges biographisches Werk «Über Leben und Lehren berühmter Philosophen» (griech. φιλοσόφων βίων καὶ δογμάτων συναγωγή philosóphon bíon kaì dogmáton synagogé) bekannt wurde. Über sein Leben ist weiter nichts bekannt.

Leben

Über die Lebensumstände des Diogenes ist fast nichts bekannt. Auch eine Datierung (3. Jahrhundert) kann lediglich indirekt aus seinem Stil sowie aus den Lebensdaten der von ihm behandelten Philosophen erschlossen werden: Der späteste von ihm genannte (IX 116) Philosoph ist ein Schüler des Sextus Empiricus, Diogenes führt sonst kaum Philosophen der römischen Kaiserzeit auf und übergeht erstaunlicherweise den zu seiner Zeit vorherrschenden Mittelplatonismus ganz.

Aus dem Beinamen Laertios hat man Rückschlüsse auf die Herkunft ziehen wollen. So wurde er von dem Ort Laerte in Karien bzw. Kilikien oder von dem römischen Familiennamen Laertii abgeleitet. In der heutigen Forschung wird der Name aber meist auf Laertes, den Vater des Odysseus bezogen, den schon Homer diogenes Laertiades (Διογένης bedeutet ‚gezeugt von Gott‘) nennt. Der Beiname Laertiades ist mithin eher als literarisch verspieltes Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Griechen namens Diogenes zu deuten; biografische Informationen können aus ihm nicht abgeleitet werden.

Diogenes schreibt über Apollonides aus Nikaia, er sei jemand, „der aus unserer Ecke kommt“ (IX 109). Einige haben aufgrund dieser Stelle vermutet, Diogenes könne aus Bithynien stammen. Für eine Herkunft aus der Provinz spräche immerhin, dass seine Gelehrsamkeit altertümlich wirkt und er in einer gewissen ‚antiquarischen Tendenz‘ besonders gern ältere und entlegene Quellen benutzt. Das Werk selbst bestätigt, dass Diogenes zwar eine gewisse Bildung und Belesenheit besaß, aber selbst kein eigenständiger oder kritischer Denker war, also wohl auch kein ‚Fachphilosoph‘, der in Athen o. ä. studiert oder weite Bildungsreisen ausgeführt hätte.

Mitunter wurde auch die Vermutung geäußert, Diogenes sei identisch mit dem aus einem größeren Inschriftfund bekannt gewordenen Diogenes von Oinoanda, jedoch bleibt dies Spekulation. Als Argument für die Identifikation wurde angeführt, dass Diogenes von Oinoanda Epikureer war, Diogenes Laertios dem hellenistischen Philosophen aber ein ganzes Buch widmet und daher, wie angenommen wird, Sympathien für den Epikureismus hegte.

Werk

Der Anfang der Biographie des Empedokles in Diogenes’ Schrift Über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen in einer Handschrift aus dem Besitz von Kardinal Bessarion. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. 394, fol. 143v (15. Jahrhundert)

Allgemeine Charakteristik

Der genaue Titel des aus zehn Büchern bestehenden, nach der Mitte des 2. Jahrhunderts verfassten Werkes variiert in den Handschriften und Ausgaben etwas. Die häufigsten Formulierungen Über Leben und Lehren berühmter Philosophen oder Zusammenstellung über Leben und Lehren der Philosophen (altgriechisch φιλοσόφων βίων καὶ δογμάτων συναγωγή) deutet bereits den kompendienhaften Charakter des Werkes an, das Biografie und Doxografie verbindet. Diese Zusammenstellung als Doxobiografie[1] ist äußerst untypisch, da diese beiden Literaturgattungen in der römischen Kaiserzeit weit verbreitet waren, aber strikt voneinander getrennt wurden.

Diogenes lässt sich kaum einer philosophischen Schule zuordnen, obwohl man vielfach annimmt, er sei Skeptiker gewesen. Er scheint eine vereinzelte Gestalt gewesen zu sein und seine Kompilation aus Liebhaberei zusammengestellt zu haben. Sein Werk ist frei von Polemik – soweit sie nicht aus den Quellen übernommen wurde – und hat in der spätantiken Literatur auch keinerlei Spuren in Form von Zitaten bei späteren Autoren hinterlassen.

Diogenes beabsichtigte also nicht, ein ‚wissenschaftliches‘ Werk zu schreiben. Ihm kam es vielmehr darauf an, seine umfangreich, aber unkritisch gesammelten biografischen Nachrichten, anekdotenhaften Geschichten und sentenzenartigen Meinungsäußerungen unterhaltsam darzustellen. Das Werk besteht hauptsächlich aus Exzerpten und Zitaten aus dritter oder vierter Hand. Die Originaltexte scheint Diogenes selbst kaum gelesen zu haben; vielfach waren sie zu seiner Zeit auch schon nicht mehr erhalten.

Die Identifikation der Quellen ist seit dem 19. Jahrhundert die Hauptfrage der Forschung. Diogenes stützt sich vermutlich auf Werke von Favorinus und Diokles von Magnesia, doch kann man im Einzelnen nicht sicher nachweisen, wer seine Gewährsmänner waren. Wahrscheinlich hat er auch Sammlungen von Aussprüchen und Apophthegmensammlungen benutzt. Deshalb sind seine biografischen Details zum Leben der antiken Philosophen auch selten authentisch: In erster Linie handelt es sich (von Buch X abgesehen) um Anekdoten, Klatsch oder Spott. Hieraus ergibt sich: Aufgrund seiner unkritischen Machart ist Diogenes’ Werk nur mit größter Vorsicht zu benutzen. Da es jedoch die umfangreichste erhaltene doxographische Quelle zur Philosophie der griechischen Antike darstellt, ist man mangels besserer Quellen dennoch auf Diogenes angewiesen.

Der Aufbau (siehe Tabelle) ist weder systematisch noch durchgängig nach den Lebenszeiten der behandelten Personen geordnet, sondern nach den philosophischen „Schulen“, denen Diogenes gemäß antiker, aber oft ziemlich willkürlicher Praxis die einzelnen Philosophen zuordnet. Diogenes unterstellte (Buch I), es gebe nur zwei philosophische Richtungen, eine ‚ionische‘ und eine ‚italische‘. Diesen beiden Strömungen ordnet er (z. T. wenig sinnvoll) die einzelnen Philosophen unter. Im letzten Buch finden sich ausnahmsweise Texte aus erster Hand, und zwar Briefe und das Testament Epikurs, für die Diogenes in diesem Fall eine hervorragende Quelle darstellt.

Friedrich Nietzsche urteilte: „Er ist der Nachtwächter der griechischen Philosophiegeschichte, man kann nicht in sie hinein, ohne dass einem nicht von ihm der Schlüssel gegeben wird.“

Dargestellte Philosophen

In der Reihenfolge, in der Diogenes sie behandelt, werden folgende Philosophen bzw. Autoren porträtiert: Thales, Solon, Chilon, Pittakos, Bias, Kleobulos, Periander, Anacharsis, Myson, Epimenides, Pherekydes, Anaximander, Anaximenes, Anaxagoras, Archelaos, Sokrates, Xenophon, Aischines, Aristipp, Phaidon, Eukleides, Stilpon, Kriton, Simon, Glaukon, Simmias, Kebes, Menedemos, Platon, Speusipp, Xenokrates, Polemon, Krates, Krantor, Arkesilaos, Bion, Lakydes, Karneades, Kleitomachos, Aristoteles, Theophrast, Straton, Lykon, Demetrios, Herakleides, Antisthenes, Diogenes, Monimos, Onesikritos, Krates, Metrokles, Hipparchia, Menippos, Menedemos, Zenon, Ariston, Herillos, Dionysios, Kleanthes, Sphairos, Chrysipp, Pythagoras, Empedokles, Epicharm, Archytas, Alkmaion, Hippasos, Philolaos, Eudoxos, Heraklit, Xenophanes, Parmenides, Melissos, Leukipp, Demokrit, Protagoras, Diogenes von Apollonia, Anaxarchos, Pyrrhon, Timon und Epikur.

Inhaltsübersicht

1. Buch Die Sieben Weisen und die Philosophietheorie des Autors (ionische und italische Schule)
2. Buch Anaximander, Anaxagoras, Sokrates und die sog. kleineren Sokratiker
3. Buch Platon
4. Buch Die Schüler Platons
5. Buch Aristoteles und seine Schüler (der Peripatos)
6. Buch Antisthenes und die Kyniker
7. Buch Zenon, Kleanthes und Chrysippos. Teile dieses Buches sind jedoch verloren
8. Buch Pythagoras, Empedokles und andere Pythagoreer
9. Buch Heraklit, Xenophanes, Parmenides, Zenon von Elea, Leukippos, Demokrit, Protagoras, Pyrrhon von Elis und Timon
10. Buch Epikur

Exkurs: Bedeutung als Quelle zur antiken Logik

Diogenes Laertios galt als Quelle für die Kenntnis der stoischen Logik. Seit der Wiederentdeckung der stoischen Aussagenlogik durch Jan Łukasiewicz haben die betreffenden Texte aber noch an Interesse gewonnen.

Aus dem Werk geht eindeutig hervor, dass die Aussagenlogik nicht erst auf die stoische Schule zurückgeht, sondern von den ‚Dialektikern‘ (die früher mit den ‚Megarikern‘ identifiziert wurden) entwickelt wurde. Die Begründer der Stoa, Zenon und Chrysippos, haben die aussagenlogischen Ansätze der Dialektiker Diodoros Kronos und Philon von Megara übernommen und modifiziert.

Bei Diogenes findet man bereits eine konsequente Lehre von den „unbeweisbaren“ Argumenten, das sind die Axiome der stoischen Aussagenlogik. Aus einer Stelle von Diogenes’ Berichten geht sogar hervor, dass Philon eine wahrheitsfunktionale Theorie der materialen Implikation vertreten hat, wie sie nach ihm erst wieder Ludwig Wittgenstein in seiner Logisch-philosophischen Abhandlung entwickelte. Auch für die Trugschlüsse, mit denen sich die Stoiker und vor allem die Dialektiker sehr ausführlich beschäftigt haben, ist das Werk von Diogenes eine wichtige Quelle.

Siehe auch

Literatur

  • Diogenes Laertios: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Buch I–X. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Zwei Bände (Philosophische Bibliothek. Bd. 53/54), Leipzig: Felix Meiner-Verlag, 1921 (mit einem Anmerkungsteil mit textkritischen und sachlichen Erläuterungen sowie Register). Digitalisate im Internet Archive: Band1 Band 2.

Einzelnachweise

  1. Oliver Overwien: Diogenes, Laertios. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 307.