Geozentrisches Weltbild

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Geozentrisches Weltbild
Kosmologie aus einem Exemplar der Schedelschen Weltchronik (1493?), fol. 5v

Im geozentrischen Weltbild steht die kugelförmige Erde (griechisch geos) im Zentrum des Universums. Alle weiteren Himmelskörper (Mond, Sonne, Planeten) umkreisen die Erde in verschiedenen von innen nach außen konzentrisch angeordneten Sphären (durchsichtigen Hohlkugeln). Die äußerste Sphäre wird von den Fixsternen besetzt. Das geozentrische System richtet sich weniger nach den physischen Verhältnissen, sondern fußt auf der okkulten Erkenntnis, dass die Planeten Marksteine für die Herrschaftsbereiche der höheren geistigen Hierarchien sind. Es gilt exakt für den astralen Plan.

Das geozentrische Weltbild ist nicht zu verwechseln mit dem Konzept der flachen Erde.

Das geozentrische Weltbild wurde im klassischen Altertum in Griechenland eingeführt, nachdem man die Kugelgestalt der Erde entdeckt hatte. Bis zum Ende des Mittelalters war es in Europa allgemein verbreitet; daneben wurde es auch im alten China gelehrt. Neben anderen altgriechischen Gelehrten wie Hipparchos von Nikaia oder Aristoteles war Claudius Ptolemäus (* um 100; † nach 160) der wichtigste und ein einflussreicher Verfechter des geozentrischen Weltbilds. Manchmal wird auch vom Ptolemäischen Weltbild gesprochen. Auf diesem Weltbild bauen auch die Schilderungen Dantes in seiner «Göttlichen Komödie» auf.

Das geozentrische Weltbild basiert auf der insbesondere in der Antike formulierten Ansicht, dass die Erde (und implizit die Menschen) im Zentrum des Universums sei, und dass alle Bewegungen auf Kreisbahnen abliefen (und somit perfekt seien). Die wichtigste Begründung für die Annahme des geozentrischen Weltbildes war die Beobachtung der Schwerkraft, die sich damit erklären ließ, dass alles Schwere seinem natürlichen Ort, dem Mittelpunkt der Welt, zustrebe. Von der Sonne und den Planeten nahm man dagegen an, sie bestünden aus einem himmlischen fünften Element (lateinisch Quintessenz), dessen natürliche Bewegung die Kreisbahn sei.

Eine Herausforderung an das geozentrische Weltbild war die plötzliche scheinbar rückwärtige Bewegung der äußeren Planeten (etwa Jupiter) gegen den Sternhintergrund. Dieses auch als "retrograde Bewegung" bezeichnete Phänomen wird hier innerhalb der so genannten Epizykeltheorie durch Epizykel modelliert; danach bewegen sich die äußeren Planeten in einer Kreisbahn um einen (gedachten) Punkt, der wiederum die Erde umkreist. Ptolemäus konstruierte zur noch genaueren Planetenbahnvorhersage ein erweitertes System, in dem die Planetenbahnen auf Epizykel in Epizykel verliefen; Berechnungen innerhalb dieses Modells waren sehr kompliziert. (Im heliozentrischen Weltbild sind Epizykel überflüssig.)

Die römisch-katholische Kirche übernahm und verteidigte dieses Weltbild entschieden, unter anderem im Prozess gegen Galileo Galilei.

Erst durch die Arbeiten von Nikolaus Kopernikus (De Revolutionibus Orbium Coelestium, 1543), Tycho Brahe und Johannes Kepler erwies sich das geozentrische Weltbild als überholt und wurde durch das letztendlich einfachere und leichter (mathematisch) benutzbare heliozentrische Weltbild ersetzt, das sich mit Isaac Newtons Gravitationstheorie hervorragend erklären ließ. Die Unterscheidung zwischen irdischer und himmlischer Materie wurde damit fallengelassen.

Im Rahmen der modernen naturwissenschaftlichen Kosmologie wird auch die Sonne nicht mehr als Mittelpunkt der Welt angesehen. In der Einsteinschen Relativitätstheorie gibt es überhaupt keinen Mittelpunkt der Welt mehr, bzw. dieser ist immer dort anzunehmen, wo der jeweilige Betrachter sich befindet.

„Man hat heute so allgemein den Glauben: Das Mittelalter hat die ptolemäische Weltanschauung, dann kam die kopernikanische Weltanschauung; wir haben es herrlich weit gebracht, denn dieses Mittelalter war im Grunde genommen doch ganz töricht, daß es so etwas Unvollkommenes hatte wie die ptolemäische Weltanschauung, und jetzt haben wir endlich das Richtige! - Diejenigen Menschen denken wenig der Wirklichkeit gemäß, die nicht zugeben wollen, daß, wenn wir einmal von Kopernikus uns ebensoweit entfernt haben werden in der Zeit, wie die Zeit des Kopernikus entfernt war von Ptolemäus, man über das Himmelsgewölbe wiederum anders denken wird. Nichts von dem, was kopernikanische Weltanschauung ist, wird dann anders angesehen werden, als die kopernikanische Weltanschauung die ptolemäische ansah; denn im steten Flusse ist das Werden des menschlichen Geschlechtes. Mag es auch heute noch ganz wahnsinnig erscheinen, wenn man sagt, daß etwas an die Stelle der kopernikanischen Weltanschauung treten wird, was sich von dieser ebenso unterscheidet wie die kopernikanische Weltanschauung von der ptolemäischen, es ist dies für denjenigen ganz klar, der innerlich erfaßt, was im Werden der Menschheit webt und lebt. Die besondere Art, so äußerlich nur den Verstand anzuwenden auf die Naturerscheinungen, wie er angewendet werden mußte, um die neuere Naturwissenschaft der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu erzeugen, das ist eben etwas, was einer Fähigkeit gerade dieser Jahrhunderte entspricht.“ (Lit.:GA 171, S. 75f)

„Derjenige, der als Okkultist die Frage aufwirft, wie man mit den modernen Ideen des Kopernikus die Welt begreifen kann, der muß sich sagen: Man kann mit den Ideen des Kopernikus vieles schaffen, was naturwissenschaftlich zu großen Triumphen im äußeren Leben führt, aber nichts begreifen von dem geistigen Untergrund der Welt und der Dinge, denn die kopernikanischen Ideen sind das schlechteste Instrument, das jemals in der Menschheitsentwickelung da war, um die geistigen Untergründe zu begreifen. Dies rührt davon her, daß alle diese Begriffe und Ideen des Kopernikus von Luzifer inspiriert sind. Denn der Kopernikanismus ist eine der letzten Attacken, der letzten großen Angriffe, die Luzifer auf die menschliche Entwickelung gemacht hat. In der älteren, vorkopernikanischen Weltanschauung hatte man außen die Maja; aber man hatte vielfach in dem, was man verstand, was überliefertes Weisheitsgut war, die Wahrheit der Dinge und der Welt. Seit Kopernikus aber hat der Mensch nicht nur in der sinnlichen Anschauung um sich die Maja, sondern die Begriffe und Ideen sind selbst Maja. Heute ist es dem Menschen wie selbstverständlich, daß die Sonne in der Mitte feststeht und die Planeten sich da in Ellipsen herumdrehen. Nicht lange wird es in die Zukunft hinein dauern, und man wird einsehen, daß die Anschauung des Kopernikus von der Sternenwelt viel unrichtiger ist als die vorhergehende des Ptolemäus. Die kopernikanisch-keplersche Weltanschauung ist eine sehr bequeme Weltanschauung. Um aber dasjenige zu erklären, was der Makrokosmos ist, ist sie nicht die Wahrheit.“ (Lit.:GA 130, S. 315)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, GA 130 (1995), ISBN 3-7274-1300-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts, GA 171 (1984), ISBN 3-7274-1710-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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