Kairos

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Kairos-Relief von Lysippos, Kopie in Trogir
Kairos-Relief, römische Kopie des Originals von Lysippos (Museum von Turin)

Kairos (griech. Καιρός), die Gunst der Stunde, der rechte Augenblick der Entscheidung, das richtige Handeln zum rechten Zeitpunkt, wurde in der späteren griechischen Mythologie als Gottheit angesehen, spielte aber, anders als Chronos, keine bedeutende Rolle. Nachbildungen der Kairos-Statute von Lysippos (siehe unten) belegen allerdings einen vom Hellenismus bis in oströmische Zeit weit verbreiteten Kairos-Kult.

Alle Kairos-Darstellungen leiten sich von der verschollenen, von Pausanias beschriebenen Bronzestatue des Lysippos ab, der auch der Hofbildhauer Alexanders des Großen gewesen war. Nach Pausanias soll Kairos als eilender nackter Jüngling mit Flügeln an den Knöcheln und langen Locken an Stirn und Schläfen (daher auch das Sprichwort: „Die Gelegenheit beim Schopf packen“) dargestellt worden sein. Sein Hinterkopf war kahl (von hinten ist Kairos nicht mehr zu fassen) und in der Hand hielt er ein spitzes Messer. Auf manchen Darstellungen trägt Kairos auch Flügel auf dem Rücken und eine Balkenwaage in der Linken, so etwa auf dem Turiner Relief (siehe Abb. rechts unten).

Von Pittakos von Mytilene (Lesbos) stammt der Ausspruch: Γίγνωσκε καιρόν. (griech. Gignōske kairon., „Erkenne den rechten Zeitpunkt!“).

Das Wort kairos ist über keiro („abschneiden“) verwandt mit krinein bzw. krisis (Substantiv), was soviel wie „scheiden, trennen, unterscheiden“, aber auch „entscheiden, ein Urteil fällen“ bedeutet[1]

Poseidippos (3. Jahrhundert v. Chr.) hat ein Epigrammen auf Kairos verfasst:

Wer bist du?
Ich bin Kairos, der alles bezwingt!
Warum läufst du auf Zehenspitzen?
Ich, der Kairos, laufe unablässig.
Warum hast du Flügel am Fuß?
Ich fliege wie der Wind.
Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?
Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.
Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?
Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.
Warum bist du am Hinterkopf kahl?
Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,
wird mich auch keiner von hinten erwischen
so sehr er sich auch bemüht.
Und wozu schuf Euch der Künstler?
Euch Wanderern zur Belehrung.“

Gründel 1996. Sp. 1131

Literatur

  • Johannes Gründel: Kairos. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd 5. Freiburg 1996, Sp. 1129–1131.

Einzelnachweise

  1. Christoph Lange: Alles hat seine Zeit. Zur Geschichte des Begriffs kairos. [1]