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Kairos

Aus AnthroWiki
Kairos auf einem Fresko von Francesco Salviati im Audienzsaal des Palazzo Sacchetti in Rom, 1552/54

Kairos (altgriech. Καιρός Kairós, deutsch ‚das rechte Maß, die gute Gelegenheit‘) ist ein Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein könnte. In der griechischen Mythologie wurde der günstige Zeitpunkt als Gottheit personifiziert. Im Neuen Testament bedeutet Kairos „die festgesetzte Zeit im Plan Gottes“, die Zeit, in der Gott handelt.

Kairos ist eines der drei Wörter, die die alten Griechen für „Zeit“ hatten; die anderen sind Chronos (χρόνος) und Äon (aiṓn). Während sich Chronos auf die chronologische oder sequentielle Zeit bezieht,[1] bezeichnet Kairos einen geeigneten oder günstigen Zeitpunkt für eine Handlung. Während Chronos quantitativ ist, hat Kairos einen qualitativen, dauerhaften Charakter.[2] Der Begriff aiṓn (Äon) bezeichnet das individuelle ,Leben‘ oder die ,Lebenszeit‘, dann auch eine ,sehr lange, unbegrenzte Zeit‘, ein ,Zeitalter‘ oder ,die Ewigkeit‘.[3]

Ursprünge

In seinen etymologischen Studien über das Wort aus dem Jahr 1951 führt der britische Altphilologe Richard Broxton Onians (1899–1986) die primäre Wurzel auf altgriechische Assoziationen mit Bogenschießen und Weben zurück.[4] Beim Bogenschießen bezeichnet Kairos den Moment, in dem ein Pfeil mit ausreichender Kraft abgeschossen werden kann, um ein Ziel zu durchdringen. Beim Weben beschreibt Kairos den Moment, in dem das Schiffchen durch die Fäden des Webstuhls geführt werden kann.[5]

Rhetorik

Kairos als Gottheit erfuhr keine allgemeine kultische Verehrung; der spätere, von Pausanias (um 115 – um 180) bezeugte Kult in Olympia stellt eine Ausnahme dar. Daher war auch der (nicht erhaltene) Hymnos auf den Kairos des Tragödiendichters Ion von Chios (um 480 – 423/422 v. Chr.) thematisch bemerkenswert. Denn insgesamt ist Kairos mehr ein intellektuelles Konzept und nur selten als Personifikation eine Gottheit.[6] Nach Ion von Chios und Pindar,[7] die beide im 5. Jahrhundert v. Chr. tätig waren, galt dem Kairos besonders im 4. Jahrhundert verstärkte Aufmerksamkeit: Gorgias von Leontinoi (um 485 – um 385 v. Chr.), der „Vater“ der Sophistik,[8] soll in seinem Rhetorik-Handbuch (Techne) darüber geschrieben haben.[9] Seither gehört die Vorstellung vom Kairos als der sich bietenden Gelegenheit, die der Redner erkennen und ergreifen müsse, auf die er flexibel einzugehen verstehen müsse und für die er die in der Situation angemessenen Worte finden müsse, zu den Lehrinhalten der griechischen Rhetorik (Isokrates, Aristoteles). In der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts entstand dann auch Lysipps statuarische Darstellung des personifizierten Kairos mit der Frisur und den Attributen voller Symbolik.[10]

Mythologie

Anders als Chronos, der griechische Gott der Zeit, spielt Kairos in der griechischen Mythologie keine oder allenfalls eine kleine Nebenrolle. Ion von Chios (490–421 v. Chr.) nannte ihn zwar in seinem Hymnos (Hymne) den „jüngsten Sohn des Zeus“[11][12] – eine poetische Erfindung, aber kein Beleg für eine olympische Genealogie. Erst durch die bronzene Plastik des Lysipp, Hofbildhauer Alexander des Großen, erhielt Kairos eine späte Aufnahme in den olympischen Götterhimmel.

Kairos (antikes Flachrelief aus Marmor)

Ein Kult des Kairos ist einzig an dem – nicht erhaltenen – Altar des Kairos in Olympia überliefert, der in der Nähe eines Hermes-Altars aufgestellt war, wie Pausanias berichtet.[12] Allerdings zeugen Nachbildungen des Lysipp’schen Kairos von einem verbreiteten Kairos-Kult vom Hellenismus bis in oströmische Zeit. In der Ikonologie rückt Kairos zunehmend nicht nur in die Nähe von Hermes, dem schnellen Götterboten, sondern auch von Tyche, der Fügung des Zufalls, und der Nemesis, die die menschliche Hybris bestraft.

Poseidippos von Pella (3. Jahrhundert v. Chr.) hat in seinen Epigrammen aus Olympia auch einen Dialog des Betrachters mit Kairos verfasst:[13]

Wer bist du?
Ich bin Kairos, der alles bezwingt!
Warum läufst du auf Zehenspitzen?
Ich, der Kairos, laufe unablässig.
Warum hast du Flügel am Fuß?
Ich fliege wie der Wind.
Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?
Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.
Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?
Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.
Warum bist du am Hinterkopf kahl?
Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,
wird mich auch keiner von hinten erwischen,
so sehr er sich auch bemüht.
Und wozu schuf dich der Künstler?
Euch Wanderern zur Belehrung.“

Gründel 1996. Sp. 1131

Die Redensart, „die Gelegenheit beim Schopf“ zu packen, wird auf diese Darstellung des Gottes zurückgeführt: Wenn die Gelegenheit vorbei ist, kann man sie am kahlen Hinterkopf nicht mehr fassen. Die Redensart „auf Messers Schneide“ stammt von Darstellungen des Kairos mit einer Waage, die auf einer Rasierklinge balanciert.

Philosophie

Im älteren Altgriechischen wird der Ausdruck Kairos als der rechte Zeitpunkt erfasst. Er steht im Gegensatz zum langen Zeitabschnitt Chronos (χρόνος) und zum Tag (ἡμέρα). Erstmals wurde diese Besonderheit der ältestgriechischen Zeitauffassung problematisiert durch einen Aufsatz von Hermann Fränkel (1931). Kritisch weitergeführt wurde die Debatte u. a. von Michael Theunissen in einer Auseinandersetzung mit der Lyrik Pindars.

Im antiken Griechenland wurde der Kairos von den beiden wichtigsten Denkschulen auf dem Gebiet der Rhetorik verwendet, die sich speziell mit der Frage beschäftigten, wie der Kairos auf Reden anzuwenden ist. Die konkurrierenden Schulen waren die der Sophisten und ihrer Gegenspieler, angeführt von Philosophen wie Aristoteles und Platon. Die Sophisten betrachteten die Rhetorik als eine Kunstform. John Poulakos definiert die Rhetorik aus der Sicht der Sophisten wie folgt: „Rhetorik ist die Kunst, die in günstigen Momenten das Angemessene zu erfassen sucht und versucht, das Mögliche anzudeuten.“[14] Aristoteles und Platon hingegen betrachteten die sophistische Rhetorik als ein Mittel, um andere zu manipulieren, und kritisierten diejenigen, die sie lehrten.

Auch Aristoteles und seine Anhänger erörtern in ihren Lehren die Bedeutung des Kairos. In seiner Rhetorik verwendet Aristoteles die Idee des Kairos unter anderem in Bezug auf die Besonderheit jeder rhetorischen Situation. Aristoteles war der Ansicht, dass jede rhetorische Situation anders ist und daher zu diesem Zeitpunkt auch andere rhetorische Mittel eingesetzt werden müssen. Einer der bekanntesten Abschnitte in Aristoteles' Rhetorik ist die Erörterung der Rolle von Pathos, Ethos und Logos. Aristoteles verknüpft den Kairos mit diesen Begriffen und behauptet, dass es in jeder rhetorischen Situation Zeiten gibt, in denen eines der Mittel vor den anderen eingesetzt werden muss.[15]

Für Aristoteles ist Kairos „das Gute in der Zeit“. Für den antiken Philosophen, für Georg Wilhelm Friedrich Hegel[16] (1770–1831) den letzten Vertreter des deutschen Idealismus und für John Dewey[17] (1859–1952) ein Vertreter des amerikanischen Pragmatismus, muss zwischen dem qualitativen Charakter des Kairos und seiner Entstehung unterschieden werden. So ist Kairos auch das Ergebnis von vorangegangenen Mühen, Praxis und Geduld.

Für den italienischen Philosophen und Essayist Giorgio Agamben ist der Kairos die Zeit der messianischen Erfüllung/Außerkraftsetzung des Gesetzes, in der der Chronos „gestaucht“ wiederholt wird. Antonio Negri und Michael Hardt verwenden ihn für ihre postoperaistische (neomarxistische Strömung und soziale Bewegung) Revolutionstheorie.

In der Philosophie ist es der entscheidende Augenblick selbst, in der Religion steht Kairos auch für die Entscheidung zwischen Glaube und Unglaube.

Geistige Forschung

Heinz Grill beschreibt aus geistiger Sicht, dass verstorbene Seelen in der nachtodlichen Welt Versäumnisse im irdischen Leben nun wie eine Auswegslosigkeit erleben. Im Sinne der Spiritualität wurde gewissermaßen der rechte Zeitpunkt – Kairós – versäumt, sich Sinnfragen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen, was die Entwicklung und die geistige Welt wirklich gebraucht hätten:[18]

Das Gemälde von Francesco Salviati (1545) zeigt den Gott Kairós mit der Waage in der Hand, dem Schopf vorne, der Glatze hinten – ein Bild dafür, dass er von hinten nicht mehr erfasst werden kann – sowie mit Flügeln an den Füßen.

„Etymologisch liegt dem Wort Kairós (καιρός), dem „rechten Zeitpunkt“, die Wurzel Kär (κήρ) zugrunde und diese beschreibt zunächst einmal den Treffpunkt eines Schützen. Gemeint jedoch ist, dass es in der nachtodlichen Welt gewisse entscheidende Möglichkeiten gibt, die eine Wende, eine Öffnung, eine wesentliche Verbesserung, eine Heilung oder Verwandlung der Bedingungen herbeiersehnen.

Man stelle sich einmal vor, man blicke durch das Fenster und sieht einen schwer verwundeten Menschen auf der Straße liegen, der dringendst eine Versorgung benötigt. Es gehen nahe an diesem Menschen andere vorbei, jedoch richten sie ungünstigerweise den Blick nie auf den Verwundeten. Sie werden durch sensationelle Ereignisse, die genau in der entgegengesetzten Richtung liegen, abgelenkt. Nun will derjenige, der durch das Fenster den leidenden Menschen sieht, helfen und stellt jedoch fest, dass er weder einen Telefonanruf noch eine andere Handlung tätigen kann. Seine Türen nach außen sind versperrt und seine Hände fühlen sich wie durch ein Betäubungsmittel in Lähmung. Selbst die Stimme, die man braucht, um nach Hilfe zu schreien, ist aus Lähmungsgründen nicht vorhanden. In dieser gefangenen Situation bangt der auf diese Weise Zuschauende um den Verletzten und hofft, dass endlich jene, die ihren Blick in die Gegenrichtung auf die Sensationen des Tages richten, durch einen Zufall ihre Aufmerksamkeit umwenden und dem leidenden Menschen helfen können.

Die Seele, die einmal im Nachtodlichen angekommen ist, kann den Menschen nicht mit den üblichen Mitteln, wie diese im Irdischen bestehen, entgegenkommen und helfen. Aus diesem Grunde erleben heute ganz viele, die abgeschieden sind, die Versäumnisse des irdischen Lebens. Sie können nicht in das Zeitgeschehen eingreifen, sie erleben einen Zustand der Ausweglosigkeit. Gleichzeitig erleben sie die Zeit wie unendlich schwer und undurchdringbar.

Nach der Kairologie ist der Kairos gleichsam wie ein Portal zu einer ursprünglichen Zeit und Sinnhaftigkeit. Im Sinne der Spiritualität wurden diese Sinnfragen in der Vergangenheit zu einem höchsten Grade versäumt. Aus diesem Grunde ist es heute extrem schwer geworden, dass die Menschen eine wirkliche Einsicht in die verborgenen Abläufe, die hinter dem Zeitgeschehen walten, gewinnen. Erkenntnisse der Zusammenhänge sind kaum möglich.

In der griechischen Mythologie ist Kairos ein Sohn von Zeus und somit ist er ein Gott, der sich im Zeitengeschehen befindet. Er symbolisiert den richtigen Augenblick. Im Bild trägt er einen Haarschopf und kennzeichnet den Moment, an dem die Gelegenheit am Schopf zu packen wäre. Vielleicht kommt daher das Sprichwort. Er hält eine Waage in der Hand, da er zu einem neuen Gleichgewicht führen möchte und gleichzeitig ein scharfes Messer, um die Bindungen, die seine Handlungsinitiative verunmöglichen, zu zerschneiden.

Zeit wird beispielsweise vergeudet und der Kairos wird nicht gesehen, wenn Menschen immer wieder in Rebellionen, Gegenwehr, Demonstrationen und allerlei politischen Aktivismus eintreten. Sie sehen nicht, was die Entwicklung und die geistige Welt wirklich bräuchte und verlieren sich im Äußeren, sie vergeuden Zeit und versäumen den Kairos.“

Christliche Theologie

In biblischen Texten wird das Wort Kairos für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Gelegenheit, den Auftrag zu erfüllen, verwendet.

Datei:Printer's Device for Andreas Cratander, by Hans Holbein the Younger.jpg
Druckermarke für den Drucker Andreas Cratander, 1522

Im Neuen Testament bedeutet Kairos „die festgesetzte Zeit im Plan Gottes“, die Zeit, in der Gott handelt (z. B. Mk 1,15: der Kairos ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe). Kairos (im Neuen Testament 86 Mal verwendet)[19] bezieht sich auf einen günstigen Zeitpunkt, einen „Augenblick“ oder eine „Jahreszeit“ wie „Erntezeit“,( Mt 21,34) während Chronos (54 Mal verwendet)[20] sich auf eine bestimmte Zeitspanne bezieht, z. B. einen Tag oder eine Stunde (z. B. Apostelgeschichte 13,18 und 27,9).

In den orthodoxen und katholischen Kirchen des Ostens ruft der Diakon vor Beginn der Göttlichen Liturgie dem Priester zu: Kairos tou poiēsai tō Kyriō (Καιρὸς τοῦ ποιῆσαι τῷ Κυρίῳ), d. h. „Es ist Zeit Kairos, dass der Herr handelt“, was darauf hinweist, dass die Zeit der Liturgie ein Schnittpunkt mit der Ewigkeit ist.

Der lutherische Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich hat den Begriff in seinem Werk The Interpretation of History prominent verwendet. Für ihn sind die Kairoi jene Krisen in der Geschichte, die eine Gelegenheit für eine existenzielle Entscheidung des menschlichen Subjekts schaffen und diese auch einfordern - das Kommen Christi ist das beste Beispiel dafür (vgl. Karl Barths Verwendung von Geschichte im Gegensatz zu Historie). Im Kairos-Dokument, einem Beispiel für die Befreiungstheologie in Südafrika unter der Apartheid, wird der Begriff Kairos verwendet, um „die festgesetzte Zeit“, „die entscheidende Zeit“ zu bezeichnen, in die das Dokument oder der Text gesprochen wird. Paul Tillich verwendet den Begriff im 20. Jahrhundert auch für seine sozialistische Geschichtsphilosophie. Immanuel Wallerstein nimmt ihn in seinem Buch Unthinking Social Science wieder auf, um eine postmoderne Theorie gesellschaftlichen Wandels zu formulieren.

Psychologie

Der Kairos ist ein Begriff, den Carl-Gustav Jung bei der Ausarbeitung seines Konzepts der Synchronizität[21] verwendet hat. Er ist der Moment, in dem das Bewusstsein eines Individuums eine besondere Sensibilität für das gleichzeitige Auftreten zweier zufälliger Ereignisse zum Ausdruck bringt. Diese Person stellt in diesem Moment aufgrund eines Zustands ihres Bewusstseins eine Verbindung zwischen diesen beiden Ereignissen her. Die Koinzidenz, die dann als Übereinstimmung wahrgenommen wird, wird für die Person, die sie erlebt, bedeutungsvoll. Die vom Klienten berichtete Kairos-Erfahrung ist ein spezifisches Ereignis innerhalb des psychotherapeutischen Prozesses. Die Kairos-Erfahrung, die der Klient erfährt, ist für den Psychotherapeuten ein besonderes Ereignis.[22]

Darstellung in der bildenden Kunst

Kairos-Relief von Lysippos, Kopie in Trogir

Urbild aller Kairos-Darstellungen ist die verschollene Bronzeplastik des Lysipp aus Olympia, von der nur noch Bruchstücke einer römischen Marmorkopie erhalten sind. Ein in Turin aufbewahrtes Marmorrelief nach Lysipp zeigt den Gott als weit ausschreitenden, nackten Jüngling mit lockigem Haar und kahlgeschorenen Hinterkopf. Flügel wachsen ihm aus Schulter und Fersen. In seiner Linken trägt er eine Balkenwaage, während der Zeigefinger der rechten Hand auf die sinkende rechte Waagschale hinweist.[23] Nach diesem Vorbild sind einige Darstellungen auf antiken Siegeln und Sarkophagen erhalten.

Das Relief weicht in einigen Punkten von der Beschreibung des Pausanias ab: Es fehlt das Messer, Flügel an der Schulter werden nicht erwähnt. Auch bei anderen Attributen gibt es im Lauf der Zeit Veränderungen, so wird Kairos gelegentlich auf Flügelrädern, einem Attribut der Nemesis, oder balancierend auf einer Kugel wie Fortuna dargestellt.

Seit der Spätantike[24] konnte Kairos auch als Occasio, die günstige Gelegenheit – theologisch auch die „Gelegenheit zur Sünde“ – als weibliche Personifikation latinisiert werden. Die Vorstellung, dass Occasio vorne einen Haarschopf trage und hinten kahl sei, findet sich auch noch in den mittelalterlichen Carmina Burana.[25] Ein Beispiel aus der bildenden Kunst der Renaissance ist Holbeins Druckermarke für den Basler Drucker Andreas Cratander von 1522. Hier ist eine junge Frau mit wallender Haarpracht und kahlem Hinterkopf dargestellt. Sie hält ein Messer und tänzelt mit Flügelschuhen auf einer Kugel. In dieser Darstellung werden Attribute von Fortuna und Kairos vereint.[26]

Weblink

Literatur

  • Johannes Gründel: Kairos. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd 5. Freiburg 1996, Sp. 1129–1131.

Einzelnachweise

  1. George Liddel, Robert Scott: Greek Word Study Tool. In: perseus.tufts.edu. Abgerufen am 13. Oktober 2023 (english).
  2. Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. In: perseus.tufts.edu. Abgerufen am 13. Oktober 2023 (english).
  3. Siehe z. B. Homerische Hymne an Hermes 42.
  4.  Richard Broxton Onians: The Origins of European Thought: About the Body, the Mind, the Soul, the World, Time, and Fate. Cambridge University Press., Cambridge 1951, ISBN 9781107648005, S. 343-348.
  5.  Hunter W. Stephenson: Forecasting Opportunity: Kairos, Production, and Writing. University Press of America, Oxford 2005, S. 4.
  6. Pausanias 5,14,9. –  Albin Lesky: Geschichte der griechischen Literatur. 3 Auflage. Francke Verlag, Bern/München 1971, S. 463 (Nachdruck: K. G. Saur Verlag, München 1999).
  7. Pindar, Pythische Oden 1,81. – Zu der Stelle:  William H. Race: Rhetoric and Lyric Poetry. In: A Companion to Greek Rhetoric (= Blackwell Companions to the Ancient World). Blackwell Publishing, Malden/Oxford/Victoria 2007, ISBN 978-1-4051-2551-2, S. 509–525, hier S. 517.
  8. Philostrat, Leben der Sophisten 1,9,1.
  9. Gorgias, Fragment B 13 (Diels/Kranz), von diesen Herausgebern der Techne zugeordnet. Thomas Habinek versteht die Angabe als separaten „treatise on kairos“. –  Albin Lesky: Geschichte der griechischen Literatur. 3 Auflage. Francke Verlag, Bern/München 1971, S. 399 (Nachdruck: K. G. Saur Verlag, München 1999). –  Thomas Habinek: Ancient Rhetoric and Oratory (= Blackwell introductions to the classical world). Blackwell Publishing, Malden/Oxford/Victoria 2005, S. 86.
  10. Eine gute Übersicht zu den Reliefrepliken nach dieser verlorenen Bronzestatue und zur übrigen Ikonographie des Kairos bietet:  Paolo Moreno: Kairos. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae. 5, Artemis Verlag, Zürich/München 1990, ISBN 3-7608-8751-1, S. 920–926 Taf. 597–598.
  11. Hans Lamer: Kairos 1. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XX,1, Stuttgart 1941, Sp. 1508–1521.
  12. 12,0 12,1 Pausanias 5,14,9
  13. Griechische Anthologie 16,275.
  14.  John Poulakos: Toward a Sophistic Definition of Rhetoric. In: Philosophy and Rhetoric. 1, Nr. 16, 1983, S. 35–48.
  15.  James Kinneavy; Catherine Eskin: Kairos in Aristotle's Rhetoric. In: Written Communication. 3, Nr. 17, 2000, S. 432–444..
  16.  G. W. F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik.. 13, S. 46.
  17.  John Dewey: Art as Experience. Carbondale, 1987, S. 97, 246, 143.
  18. Das Versäumnis des richtigen Zeitpunktes – der Kairós. In: Jahresausblick auf 2023 – Teil 7. Vortrag vom 4. Januar 2023. Abgerufen am 9. Dezember 2023.
  19. Bible Hub - 2540. kairos. In: biblehub.com. Abgerufen am 14. Oktober 2023 (english).
  20. Bible Hub - 5550. chronos. In: biblehub. Abgerufen am 14. Oktober 2023 (english).
  21.  C. G. (Carl Gustav), Jung und Pflieger-Maillard: Syncronicité et Paracelsica. Albin Michel, 1988, ISBN 2-226-02820-X.
  22.  H.F. Ellenberger: Développement historique de la notion de processus psychothérapique. In: Psychotherapy and Psychosomatics. 29, 1978, ISSN 1423-0348, S. 1–12.
  23. Abbildung des Turiner Reliefs u. a. (Memento vom 14. Mai 2013 im Internet Archive)
  24. Ausonius, Epigramm 11 (Schenkl).
  25. Carmina Burana 16 (Fortune plango vulnera), Verse 5–8: „verum est, quod legitur / fronte capillata, / sed plerumque sequitur / Occasio calvata.“ – Dieses Gedicht wurde auch von Carl Orff in seinen Carmina Burana vertont.
  26.  Anja Wolkenhauer: Zu schwer für Apoll. Die Antike in humanistischen Druckerzeichen des 16. Jahrhunderts. Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04717-8, S. 216-225.
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