Muse (Mythologie)

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Muse mit Kithara auf dem Berg Helikon

Die Musen (griech. Μοῦσαι, Einzahl Μοῦσα, Mousa) sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Die Überlieferung der heute bekanntesten neun olympischen Musen stammt von Hesiod.

Die Musen

Homer bzw. die unter seinem Namen überlieferten Epen Ilias und Odyssee rufen in ihren Proömien jeweils eine (namenlose) „Göttin“ bzw. „Muse“ an.

„In der alten griechischen Zeit hätte es niemand verstanden, wenn man von objektiver Wissenschaft gesprochen hätte. Der Mensch hat sein Verhältnis zur Welt damals anders ausgedrückt. Er hat, auf geistiges Schauen hinweisend, von Melpomene, von Urania, von den freien Künsten gesprochen. Aber diese freien Künste, obwohl sie reale, wirkliche Wesen waren, waren nicht Wesen, die auf der Erde herumgingen. Es war etwas sehr Konkretes, was der Grieche noch in der Zeit, als es schon eine Philosophie gab, als sein Verhältnis zur geistigen Welt fühlte. Es waren die Musen, die man eigentlich liebte, richtige Wesenheiten, zu denen man als zu realen Wesen ein Verhältnis hatte. Nicht aus einer bloßen Phrase heraus, wie die Neueren glauben, beginnt Homer seine Ilias: «Singe mir, Muse, vom Zorn des Peleiden Achilleus.» Homer hat sich wie eine Art von Schale gefühlt und die Muse hat aus ihm gesprochen, als eine höhere Menschlichkeit ihn erfüllend.

Als Klopstock nicht mehr aus der Phrase, in die er zum großen Teil hineingeboren war, reden wollte, hat er wenigstens noch gesagt: «Sing', unsterbliche Seele, der sündigen Menschheit Erlösung.» Aber diese unsterbliche Seele ist den Menschen nach und nach auch entschwunden. Das geschah langsam und allmählich. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung findet man, wie die konkreten Musen allmählich furchtbar dürre Damen geworden sind. Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik, sie hatten alles Konkrete verloren. Schon bei Boethius haben sie fast keine konkrete Physiognomie mehr. Man kann sie eigentlich nicht mehr recht lieben. Dennoch sind sie noch dralle Figuren im Vergleich mit der «objektiven Wissenschaft», die heute unter den Menschen herum wandelt. Langsam und allmählich ist es so gekommen, daß der Mensch das, was in alten Zeiten sein Zusammenhang mit der geistigen Welt war, verloren hat. Und er mußte es verlieren, denn er mußte sich einmal zur völligen Freiheit entwickeln, um alles, was menschlich ist, aus sich selber heraus zu gestalten. Zu dem ist er aufgefordert seit dem fünfzehnten Jahrhundert; aber recht gespürt hat man es erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert. Denn jetzt waren nicht nur die Erbschaften, sondern auch die Traditionen weg. Die Väter hatten sozusagen nichts mehr den Söhnen zu sagen. Jetzt fühlte man: Wir stehen gegenüber dem Nichts. Man fühlte, daß die Erde im Grunde genommen neu geworden ist.“ (Lit.:GA 217, S. 33f)

Die neun olympischen Musen

Hesiod (6. Jh. v. Chr.) legt in seiner Theogonie[1] die Zahl der Musen auf neun fest; nach ihm sind sie die Töchter der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, und des Zeus, und auch die von ihm genannten Namen sind kanonisch. Sie werden die Mnemoniden oder olympische Musen genannt.[2]

Allerdings wies Hesiod ihnen noch keine speziellen Zuständigkeitsbereiche und Attribute zu, diese werden erst später unterschieden, doch auch dann wechselten die Zuschreibungen von Funktionen und Attributen noch einigermaßen willkürlich. Erst in spätester Zeit gab es eine sich festigende Zuordnung von Name, Funktion und Attribut:

  • Klio (Κλειώ), die Rühmende, ist die Muse der Geschichtsschreibung (Attribute: Papierrolle und Schreibgriffel)
  • Melpomene (Μελπομένη), die Singende, ist die Muse der Tragödie (Attribut: ernste Theatermaske, Weinlaubkranz, wahrscheinlich auch ein Schwert oder eine Keule)
  • Terpsichore (Τερψιχόρη), die fröhlich im Reigen Tanzende, ist die Muse für Chorlyrik und Tanz (Attribut: Leier)
  • Thalia (Θάλεια), die Festliche, die Blühende, ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab (denn auch die heitere bukolische Poesie gehört zu ihr))
  • Euterpe (Ἐυτέρπη), die Erfreuende, ist die Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Attribut: Aulos, die Doppelflöte)
  • Erato (Ἐρατώ), die Liebevolle, Sehnsucht Weckende, ist die Muse der Liebesdichtung (Attribut: Saiteninstrument, Leier)
  • Urania (Οὐρανία), die Himmlische, ist die Muse der Astronomie (Attribut: Himmelskugel und Zeigestab)
  • Polyhymnia (Πολύμνια), die Hymnenreiche (Liederreiche). Sie ist die Muse des Gesangs mit der Leier (kein spezifisches Attribut, manchmal die Leier)
  • Kalliope (Καλλιόπη), die mit der schönen Stimme, ist die Muse der epischen Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft (Attribut: Schreibtafel und Schreibgriffel)

Anhand der folgenden Eselsbrücke, in welcher nur der Name der Muse Klio vollständig enthalten ist, lassen sich ihre Namen leicht merken: Klio, Me, Ter, Thal, Eu, Er, Ur, Po, Kal (KLIOMETERTHAL EUER URPOKAL) bzw. (EUER URPOKAL KLIO METERTHAL)

Die drei/vier titanischen Musen

Bevor es zu der Überlieferung von neun Musen gekommen ist, hat es nach Pausanias (um 115–180 n. Chr.) jedoch eine Trias von drei Musen gegeben:

  • Melete (Übung/Fertigkeit)
  • Mneme (Mnemosyne) (Gedächtnis)
  • Aoide (Gesang, Musik)

Es ist allerdings zu beachten, dass Pausanias eine wesentlich spätere Quelle aus der Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, Hesiods Theogonie hingegen eine der ältesten griechischen Quellen überhaupt ist und Pausanias diese Überlieferung selbst in Frage stellt.[3] Als Musen wurden auch die vier titanischen Musen (Mousai Titanides)[4] genannt, Cicero etwa gibt an:[5]

  • Thelxinoe (die Herzerfreuende)
  • Aoede (Aoide) (der Gesang)
  • Arche (der Beginn)
  • Melete (die Übung / Fertigkeit)

Sie sollen die Töchter von Zeus (oder Uranos) und der Plusia gewesen sein, daher ihr Name. Platon nennt Hesiods Terpsichore, Erato, Kalliope und Urania im Sinne dieser „Besetzung“.[6]

Die drei/vier apollonischen Musen

Die drei apollonischen Musen (Mousai Apollonides)[2] oder auch Delphische Musen wurden drei Töchter des Apollon genannt:

Sie sollen die drei Saiten der Lyra des Apollo dargestellt haben und auf dem Helikon gewohnt haben. Der erste Namenssatz geht auf Eumelos von Korinth (7. Jh. v. Chr.) zurück[7], der zweite auf Plutarch[8], er gibt dort auch eine vierte Muse an:

Diese (Nete, Mese, Hypate) spielen als Tetraktys in der Musik der griechischen Antike eine Rolle, die vierte der „Vierheit“ war die Paramese – da sich Musiktheorie wie auch Saitenzahl der Lyra verändert haben, kommen dahingehend auch andere Anzahlen vor.

Die sieben/neun pireischen Musen

In anderer Tradition gab es dann noch eine Gruppe von sieben Musen, die nach Johannes Tzetzes von Epicharmos (5. Jh. v. Chr.) erwähnt worden sein sollen, die Pieriden:[9]

Diese sollen die Kinder des Pieros, Stammvater der makedonischen Pieria-Thraker[10] und einer Pimpleischen Nymphe namens Antiope (nach Cicero) gewesen sein.

Bei Ovid[11] sind die pireischen Musen neun, ihre Mutter soll dort Euippe gewesen sein, und sie stammen von Ägypten: Sie fordern die „jüngeren“ olympischen Musen heraus (Wettstreit der Mnemoniden und Pieriden).

Diese neun Töchter des Pieros wurden auch Vögeln gleichgesetzt (Colymbas, Lyngx, Cenchris, Cissa, Chloris, Acalanthis, Nessa, Pipo und Dracontis).

Rezeption der Musen

Musae.png

Während die Namen der Musen bei Hesiod lediglich Aspekte der Tanz- und Dichtkunst betonen, werden sie in der späteren Antike auf unterschiedliche Musikinstrumente und Gattungen bezogen, woraus die angegebene kanonische Zuordnung von „Aufgabengebieten“ der Musen hervorgeht.

Die zum Gefolge Apollons zählenden Musen sollen am Berg Helikon bei der Quelle Hippokrene zu finden sein, die durch einen Hufschlag des geflügelten Musenrosses (Pegasus) freigelegt wurde. Daher rührt der zum Teil für sie benutzte verkünstelte Name Helikoniades. Anderen Angaben zufolge wohnen die Musen auf dem Berg Parnass (der Apollon geweiht ist), bei der Kastalischen Quelle, deren Wasser Begeisterung und Dichtergabe verleihen soll.

Die Heiligtümer der Musen heißen Museion (woraus das heutige Wort Museum entstand), auch das deutsche Wort Musik - die „Kunst der Musen“ - verdankt seinen Namen den Göttinnen.

Die Römer setzten die Musen mit den Camenae gleich.

Der Musenanruf in der Dichtung

Am Anfang antik-griechischer Epen und Hymnen steht oft eine Anrufung der Muse. Homers Odyssee beginnt mit den Versen: Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung. Auch viele römische Dichter bitten die Muse um Inspiration (Vergil in der Aeneis), oder um Dauer für ihr Gedicht (Catull in den Carmina). Nach der Ächtung der Musen durch die mittelalterliche Kirche folgen Dichter der Neuzeit wieder diesem Gebrauch (Dante, Shakespeare, Milton).[12] Die neun Gesänge von Goethes Hermann und Dorothea tragen die Namen der neun Musen. Klopstock ruft im Messias statt der Muse die unsterbliche Seele an: Sing’, unsterbliche Seele, der Menschheit Erlösung. Vladimir Nabokov macht im Titel seiner autobiographischen Schrift Speak, Memory von der Form des Musenanrufs Gebrauch und spielt zugleich auf Mnemosyne, Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, an.[13]

Siehe auch

Literatur

Weblinks

 Wiktionary: Muse – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons-logo.png Commons: Musen - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Hesiod: Theogonie 76-80; 917.
  2. 2,0 2,1 Mousai Apollonides, theoi.com
  3. [[Wikipedia:Pausanias|]] 9,29,2
  4. Mousai Titanides, theoi.com
  5. Cicero: De Natura Deorum 3.21
  6. Plato: Phaedrus 259
  7. Eumelus: Frag 35, Tzetzes
  8. Plutarch: Symposium 9.14
  9. Johannes Tzetzes: Über die Entstehung der Götter zu Hes. 23
  10. Pieriden. Myth Index
  11. Ovid: Metamorphosen 5. Buch
  12. Vgl. en:Muse#Function in literature
  13. Vgl. en:Speak, Memory#Various publications
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