Gnade

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Der göttlichen Gnade (mhd. genade; lat. gratia; griech. χάρις, charis) wird die Menschheit durch die freiwillige und bedingungslose Zuwendung des Christus teilhaftig[1], der sich durch das Mysterium von Golgatha mit der Erd- und Menschheitsentwicklung verbunden und dadurch die "Sünden der Welt", d.h. die dem Weltenkarma eingeschriebenen objektiven Folgen unserer Sünden, auf sich genommen hat. Durch den übermenschlichen Einfluss Luzifers wurde die Menschheit in den Sündenfall getrieben und dadurch mit der Erbsünde beladen. Das kann nur durch die ebenfalls übermenschliche Tat des Christus ausgeglichen werden. Die dadurch geschehene Sündenvergebung und die damit verbundene Erlösung durch den Christus enthebt den Menschen allerdings nicht davon, sein individuelles Karma, also die subjektiven Folgen seiner Sünden, im Laufe seiner wiederholten Erdenleben selbst zu tilgen.

"Es kommt uns durch das Dasein des Christus auf Erden die Kraft, wiederum hinaufzusteigen, ebenso ohne Verdienst, wie das andere ohne unsere Schuld gekommen ist. Denn beide haben es nicht zu tun mit dem Persönlichen, in dem das Ich lebt, sondern mit dem, was dem Ich vorangeht und was dem Ich nachfolgt. Wir haben öfters betont, daß der Mensch sich aus einem Zustand entwickelt hat, wo er nur physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib hatte, und daß der Mensch sich dadurch weiterentwickelt, daß er seinen astralischen Leib umwandelt und durch diese Umwandlung diesen astralischen Leib zu Manas macht. So wie der Mensch seinen astralischen Leib schlechter gemacht hat durch die Erbsünde, so macht er ihn wiederum besser durch den Christus-Impuls. Da fließt etwas herein, was den astralischen Leib um ebensoviel besser macht, als er dazumal schlechter gemacht worden ist. Das ist das Äquivalent, das ist dasjenige, was man im wahren Sinne die Gnade nennt. Gnade ist das Äquivalent, der Ergänzungsbegriff zum Erbsündebegriff. So daß das Hereinströmen des Christus in den Menschen, die Möglichkeit, eins werden zu können mit dem Christus, die Möglichkeit, sagen zu können wie Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir -, zugleich alles das ausdrückt, was wir als den Begriff der Gnade bezeichnen.

So dürfen wir sagen: Wir mißverstehen nicht die Karma-Idee, wenn wir davon sprechen, daß es eine Erbsünde und eine Gnade gibt. Denn sofern wir von der Karma-Idee sprechen, sprechen wir von der Reinkarnation des Ich in den verschiedenen Leben. Karma ist für den Menschen ohne die Anwesenheit des Ich gar nicht zu denken. Soferne wir von Erbsünde und Gnade sprechen, sprechen wir von Impulsen, die unter der Flache des Karma liegen, die im astralischen Leibe liegen. Ja, wir dürfen sagen, wie das menschliche Karma ist, ist es erst dadurch herbeigeführt worden, daß der Mensch die Erbsünde auf sich geladen hat. Das Karma läuft durch Inkarnationen hindurch, und vorher und nachher stehen Dinge, welche das Karma einleiten und wieder ausgleichen, vorher die Erbsünde und nachher der volle Erfolg des Christus-Impulses, das Eintreten der vollen Gnade." (Lit.: GA 127, S. 166)

Aus christlich-theologischer Sicht ist die Gnade ein vielschichtiges Phänomen[1][2], wobei streng unterschieden wird zwischen dem, was der Mensch aus seiner eigenen Natur, d.h. seinem eigenen Wesen, vermag und was ihm durch Gnade gegeben werden muss.

Saulus, ehe er durch sein Bekehrungserlebnis zum Paulus wurde, war als treuer Pharisäer ein strenger Verfechter des von außen überlieferten mosaischen Gesetzes. Durch sein Damaskuserlebnis erfuhr er die Begnadung durch den Christus in seinem Inneren. Bloß äußerlich dem Gesetz zu folgen, schien ihm von nun an nichtig.

"Solange die Menschen nicht reif waren, die Gesetze innerlich aufzunehmen, solange in dem Gesetz der Stab des Moses vorhanden ist, der die Menschen unter ein Joch zwang, so lange lag das Gesetz in der Bundeslade. Bis dann das paulinische Prinzip, das Prinzip der Gnade über die Menschen kam und er die Möglichkeit bekam, frei zu werden vom Gesetz. Darin liegt die Tiefe der paulinischen Auffassung, daß sie einen Unterschied macht zwischen Gesetz und Gnade. Wenn das Gesetz von Liebe durchglüht ist, wenn sich die Liebe mit dem Gesetz verbunden hat, dann ist es die Gnade. So ist der paulinische Unterschied zwischen Gesetz und Gnade aufzufassen." (Lit.: GA 93, S. 167)

Mit Recht und aus eigenem Erleben konnte Paulus sagen:

„Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

(Gal 2,20 LUT)

"Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geisteswissenschaft über den Christus und über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schöne Paulinische Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissenschaft ist sich klar darüber, daß der Christus aus übersinnlichen Höhen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daß er mit dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daß der heutige Mensch nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hineinleben kann, sondern daß er in seinem eigenen Innern die Kraft als Mensch entwickeln muß, die diesen kommenden Tag herbeiführen wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem Christus nicht bloß haben den «Erlöser des sündigen Menschen», der passiv rechnet auf seinen Erlöser, sondern er wird in sich haben den Helfer bei dem Herbeiführen des kommenden Tages. Er wird in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir -, aber der Christus nicht bloß als Sündenerlöser, sondern der Christus als Anfeurer und Auferwecker all der Kräfte, die in der Folgezeit als Kräfte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten können. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus gegen so etwas auflehnen zu müssen, die mißverstehen vielleicht die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wortes. «Der Christus in mir» ist nicht bloß etwas passiv Geglaubtes, sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwärtsbringt. Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geisteswissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft bekämpfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in mir -, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen, die ich haben will über den Christus in mir. - Nicht sagen sie: Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in mir; meine altgewohnten Vorstellungen über den Christus in mir. - Das richtige Verständnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes erfüllen wird." (Lit.: GA 335, S. 76f)

Eine ähnliche Anschauung liegt auch dem Prolog des Johannes-Evangeliums zugrunde, wo es heißt:

„Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“

Johannes-Evangelium: 1,17 LUT

Die durch den Christus geschenkte Gnade macht den Menschen nicht unfrei, sondern begründet erst seine wahre Freiheit.

"Wer sich freiwillig hineinstellt in das Weltenwirken, der ist individuell, der wird nicht durch das Gesetz geregelt. Im Christus-Prinzip Hegt die Überwindung des Gesetzes: «Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade aber durch Christus» (1, 17). Als Gnade bezeichnete man im christlichen Sinne die Fähigkeit der Seele, aus dem Innern heraus das Gute zu tun. Die Gnade und die im Innern erkannte Wahrheit ist durch Christus entstanden." (Lit.: GA 103, S. 80)

Nur durch die im inneren Erleben empfangene Gnade kann der Mensch der Wahrheit, die höher steht als das von außen gegebene Gesetz, teilhaftig werden - das war die feste Überzeugung des Paulus. Durch die Erkenntnis der Wahrheit wird aber die Freiheit begründet, wie es ebenfalls schon das Johannes-Evangelium andeutet:

„Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Johannes-Evangelium: 8,31-32 LUT

Auch für Augustinus beruhte alles auf der Gnade; von sich aus vermöge der sündige Mensch gar nichts. Augustinus leugnete zwar nicht den freien Willen des Menschen, doch sei er ohne Gnade völlig unfähig, Gutes zu tun. Er stand damit im schroffen Gegensatz zur Lehre des Pelagius, der darauf baute, dass die menschliche Natur, da sie von Gott geschaffen sei, letztlich gut sein müsse und der Mensch es daher aus eigener Kraft durch seinen freien Willen gemäß der von ihm geprägten Formel „velle in arbitrio, posse in natura“ (das Wollen unterliegt dem freien Willen, das Können der Natur) erreichen würde, ohne Sünde sein zu können („posse sine peccato esse“). Der Pelagianismus, der später als häretisch verurteilt wurde, baute damit auf die weitgehende Selbsterlösung des Menschen. Von kirchlicher Seite wird oft scharf kritisiert, dass in der heutigen modernen Zivilisation ein stark einseitiger Hang zum reinen Selbsterlösungsprinzip vorliege, der namentlich auch durch die Esoterikszene geschürt würde.

"Der westliche Mensch liebt das Machertum, durch die neuzeitlichen Erfolge in Medizin und Technik ist er in eine Mentalität des hemdsärmeligen: „Ich werde mir die Welt schon richten!“ hineingeraten. Diese Haltung überträgt sich auch oft auf die Religion: „Ich werde es mir mit Gott schon richten!“ Der Boom der Esoterik rührt ja daher, dass man es immer mehr liebt, Religiosität selbst zu fabrizieren. Und wie schwer tun sich viele Katholiken, eine göttliche Autorität anzunehmen, die sich ihnen durch das Instrument der kirchlichen Autorität vermittelt werden soll und dabei an einigen Punkten in krassem Gegensatz zum Zeitgeist steht! Die heutige Mentalität ist eine Mentalität der Selbsterlösung: „Ich werde es mir mit Gott schon richten!“

Der christliche Glaube hingegen hat eine klare Vorstellung vom Menschen und seinen Fähigkeiten, die sich in der Lehre über „Natur und Gnade“ ausdrückt. Natur bezeichnet die allgemeine, geschöpfliche Seite am Menschen, also die natürlichen Fähigkeiten, die jeder Mensch hat; Gnade hingegen bezeichnet die Dimension dessen, was durch Jesus Christus am Menschen geschieht, sofern er es sein lässt. Von Natur aus ist der Mensch offen auf Gott, angelegt auf das Gute hin; eine Veranlagung, die auch die Ursünde nicht zerstört hat. Die katholische Theologie ist hoffnungslos optimistisch, was die natürlichen Fähigkeiten des erbsündlichen Menschen betrifft und schätzt daher alles Gute, das außerhalb des christlichen Glaubens durch ungläubige oder andersgläubige Menschen geleistet wird. Zugleich aber ist sie geradezu unverschämt optimistisch, was die Macht der göttlichen Gnade betrifft: ohne diese geht gar nichts." (Lit.: Wallner, S 4)

Schon Thomas von Aquin prägte in diesem Zusammenhang den Satz: «gratia supponit naturam et perficit eam»[3] („Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie“). Die katholische Theologie vertritt also einen gemäßigten Standpunkt, der die Prinzipen von Gnade und Selbsterlösung miteinander in Einklang zu bringen sucht - ein Standpunkt, der für Martin Luther ein viel zu großes Zugeständnis an den Pelagianismus bedeutete.

Dem von kirchlichen Stellen immer wieder erhobenen Vorwurf, dass auch die Anthroposophie zur reinen Selbsterlösung anleiten wolle, die der Mensch auch ohne göttliche Gnade erlangen könne, ist Rudolf Steiner energisch entgegengetreten. Eigenes geistiges Streben und Gnadewirkung sind nicht nur miteinander vereinbar, sondern beide bedingen einander und stehen damit in vollem Einklang mit dem in der katholischen Dogmatik seit Thomas von Aquin und Johannes vom Kreuz verankerten Begriff der «gratiae sanctificantes», die grundsätzlich jedem Menschen, der sich dazu durch seine innere seelische Arbeit aufschwingt, zuteil werden kann. Eben das ist auch kennzeichnend für den anthroposophischen Schulungsweg.

"... wer die katholisch-philosophische Lehre kennt, weiß, daß innerhalb ihrer der Unterschied gemacht wird zwischen zweierlei Arten innerer Fähigkeiten. Die eine Art der inneren Fähigkeiten, zu der kann sich jeder Mensch, wenn er sein Leben entsprechend einrichtet, aufschwingen. Selbstverständlich wird es im Sinne der katholischen Lehre als eine Gnade bezeichnet, wenn der betreffende Mensch sich zu so etwas aufschwingt. Aber dasjenige, wozu sich ein Mensch aufschwingen kann, um sich hineinzuleben in eine geistige Welt, bis zu dem Zusammenleben mit der Gottheit - ich erwähne das letztere ausdrücklich -, das nennt die katholische Lehre die «gratiae sanctificantes». Von diesen «gratiae sanctificantes» als Gnadenwirkungen innerhalb der Seele des Menschen, die jedem Menschen, der sich durch Arbeit zu ihnen aufschwingt, zuteil werden können, unterscheidet die katholische Kirche sorgfältig die «gratiae gratis datae». Es sind diejenigen Gnadenwirkungen, zu denen nur einzelne Menschen durch einen besonderen Einfluß der geistigen Welt sich aufschwingen können. So ist der Sinn der Sache in den Schriften der katholischen Lehrer alter Zeit. Ich bemerke dies zunächst, ganz gleichgültig, ob, weil ja ein Fortschritt stattgefunden hat, heute die Dinge anders geschildert werden müssen. Nach den Schriften solcher katholischer Lehrer wie Johannes vom Kreuz oder Thomas von Aquino, also nach der allerrechtgläubigsten katholischen Theologie, muß für den Katholiken selber, wenn er nicht in Widerspruch gerät mit seiner katholischen Lehrmethode, dasjenige, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt wird, als ein besonderer Fall der «gratiae sanctificantes» dargestellt werden, nicht der «gratiae gratis datae», so daß vom katholischen Standpunkte aus die Sache absolut unanfechtbar ist in bezug auf das Methodische. Sie können lesen bei Johannes vom Kreuz, bei Thomas von Aquino, und Sie werden finden, daß gemeint wird, derjenige, der geistig forschen will, komme dazu, in eine geistige Welt sich zu erheben, so daß er da etwas erlebt, was nicht bloß als ein blauer Dunst aus seinem Inneren aufsteigt, sondern daß das so objektiv außen in der Welt eine Wirklichkeit ist, wie die sinnliche Welt in ihrer Art. Daher charakterisiert Thomas von Aquino dasjenige, was dem Menschen auf diese Weise zuteil wird, durch die Worte: «Inspiratio significat quandam motionem ab exteriori.» Also nicht von innen kommen diese Inspirationen, sondern von außen kommen sie. Damit ist kein anderer Tatbestand gegeben als derjenige, der nur in entsprechender Weise fortgeschritten für das 20. Jahrhundert gegeben worden ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » Was liegt da vor?

Einfach das liegt vor, meine sehr verehrten Anwesenden, daß der, welcher heute nach demjenigen hinarbeitet, was Thomas von Aquino definiert als «inspiratio», zu den Ketzern gerechnet wird. Lesen Sie meine «Theosophie». Sie werden sie so abgefaßt finden, daß niemand, der nicht mit seiner eigenen katholischen Lehrmethode in Mißklang kommt, anfechten kann dasjenige, was dort als Methode dargestellt wird. Dort ist als Methode das im Sinne der Gegenwart hingestellt, was von den katholischen Theologen entsprechend für frühere Jahrhunderte anerkannt und «Beschauung» genannt worden ist. Auf diese Art gelangt man zu den Ergebnissen, die in diesem Buche «Theosophie» dargestellt worden sind. Und so genau entspricht das der recht verstandenen alten Darstellung, daß in dem ganzen Buche von dem göttlichen Wesen nicht so gesprochen worden ist, daß eine Theorie über das Göttliche gegeben wird. Und nun lesen Sie die Definitionen, die bei kanonisierten katholischen Theologen zu finden sind, und Sie werden sehen: Nicht zu einer Definition, aber zu einem Zusammenleben mit der Gottheit kann man nach deren Anschauung kommen, wenn man dasjenige, was jedem Menschen zuteil werden kann, wirklich übt. Das heißt, es hat einmal jemand gewagt, dasjenige, was von der katholischen Kirche so lange gepredigt worden ist, bis diese katholische Kirche ein anderes Gepräge angenommen hat, das für die heutige Zeit wahrzumachen. Nichts anderes ist geschehen. Und derjenige, der heute nicht zugeben will, daß durch die besondere Methode der Beschauung der Mensch heute zu den Ergebnissen kommt, die ja vielleicht in den Einzelheiten irrtümlich sind, die aber im Ganzen so stimmen werden, wie ich sie in meinen Büchern dargestellt habe, der muß verbieten die Methode der katholischen Beschauung; er muß durch Gewaltmaßregeln seinen Gläubigen verbieten, dasjenige zu tun, was die Väter und die Theologen früherer Jahrhunderte als etwas durchaus im Sinne der katholischen Kirche Gelegenes dargestellt haben.

Hätte ich jemals einen Wert darauf zu legen gebraucht - selbstverständlich tue ich es auch heute nicht - mit irgend jemandem übereinzustimmen, dann würde ich beweisen können, daß zum Beispiel nicht der Lehre des Thomas von Aquino und auch nicht der Lehre des Johannes vom Kreuz irgendwie widerspricht, was auf die heutige Zeit hin orientiert von mir als Methode charakterisiert wird. Die Methoden sind es nicht, welche die katholische Kirche anfechten darf, denn diese Methoden sind nichts anderes als eine Weiterbildung desjenigen, was die katholische Kirche einstmals selbst als etwas Richtiges vertreten hat. Daß man durch diese Methode, richtig angewendet, heute zu anderen Ergebnissen kommt, als die der Scholastiker sind, das erregt Anstoß. Dann aber sollte man nicht behaupten, man vertrete die Scholastik, sondern man habe sie innerhalb der Kirche verlassen.[4]" (Lit.: GA 255b, S. 109ff)

"Da ist es notwendig, daß, wenn man auch nicht viel redet über den Begriff der Gnade, man ihn praktisch aber sehr übt. Und jeder Okkultist ist sich heute darüber klar, daß dieser Begriff der Gnade zu seiner inneren Lebenspraxis in einem ganz besonderen Grade gehören muß. Wie ist das gemeint?

Das ist so gemeint, daß man heute, ganz unabhängig von den Evangelien und jeder Überlieferung, über die tiefsten Wahrheiten, insofern sie mit dem Christentum zusammenhängen, forschen kann. Daß aber alles, was mit einer gewissen Erkenntnisbegierde verbunden ist, mit einer Sucht, so schnell als möglich zu einer gewissen Summe von Begriffen zu kommen, daß alles das, wenn auch nicht in vollständigen Irrtum, so doch ganz sicher in eine Entstellung der Wahrheit hineinführen wird. Wer sich also sagen würde: Ich muß, da ich doch einmal okkultistisch vorbereitet bin, mir Aufklärung verschaffen, wie zum Beispiel die Paulus-Briefe oder das Matthäus-Evangelium in ihrem Inhalt zu erkennen sind, — wer das unternehmen wollte und glauben würde, er könne in einem gewissen Zeitpunkt damit fertig werden, der wird sich ganz gewiß täuschen. Man kann diese Dokumente ja menschlich durchdringen, aber alles was gewußt werden kann, das kann heute nicht bekannt werden. Denn da gibt es ein goldenes Wort gerade für den okkult Forschenden: Geduld haben und warten, bis nicht wir die Wahrheiten erfassen wollen durch uns, sondern bis sie zu uns kommen. So wird denn mancher an die Paulus-Briefe herantreten können und wird sich bereit fühlen, dieses oder jenes zu erkennen, weil es ihm in der geistigen "Welt durch sein geöffnetes Auge hereinfällt; würde er aber eine andere Stelle, vielleicht daneben, in demselben Zeitpunkt gleich ergreifen wollen, so würde er es nicht können. Diese Begierde des Erkennens zu unterdrücken, ist notwendig für die heutige Zeit. Man soll sich vielmehr sagen: Die Gnade hat mir eine gewisse Anzahl von Wahrheiten gebracht, und ich werde geduldig warten, bis weitere Wahrheiten mir zuströmen. Es ist heute wirklich ein gewisses passives Verhalten gegenüber den Wahrheiten mehr notwendig als vielleicht vor zwanzig Jahren. Das ist aber nötig, weil unsere Geistsinne erst ganz heranreifen müssen, um die Wahrheiten in ihrer richtigen Gestalt in uns hereinzulassen. Das ist eine praktische Lehre in bezug auf die Erforschung der geistigen Welten, besonders in ihrem Verhältnis zu dem Christus-Ereignis. Es ist grundfalsch, wenn die Menschen glauben, ergreifen zu können, was ihnen in einer gewissen passiven Weise zuströmen soll. Denn dessen müssen wir uns bewußt sein, daß wir das, was wir sein sollen, doch nur sein können, insofern wir von den geistigen Mächten gewürdigt werden, dies oder jenes zu sein. Und alles, was wir tun können an Meditationen, Kontemplationen und so weiter, ist im Grunde genommen nur dazu da, um unsere Augen zu öffnen, nicht, um die Wahrheiten zu ergreifen, die zu uns kommen müssen, denen wir nicht nachlaufen dürfen." (Lit.: GA 131, S. 104f)

Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 In der katholischen Theologie wird unterschieden zwischen der gratia Dei, der Gnade, durch die Gott die Welt erschaffen hat und der gratia Christi, die sich auf die Erlösung des durch den Sündenfall gegangenen Menschen bezieht. Bei der Gnade Christi wird wiederum unterschieden die gratia habitualis, die heiligmachende Gnade, die sich auf das ganze Sein, und die gratia actualis, die helfende Gnade, die sich auf das aktuelle Handeln des Menschen bezieht.
  2. Unterschieden wird etwa auch die gratia gratum faciens, die Gnade, die gerecht macht, die sich also an dem Gnadeempfänger unmittelbar selbst auswirkt, was für die gratia habitualis und die gratia actualis gleichermaßen der Fall ist, von der gratia gratis data, der Gnade, die umsonst („gratis“) gegeben wird, d.h. ohne Vorleistung, die aber nicht zum eigenen Heil, sondern zum Nutzen anderer Menschen geschenkt wird.
  3. STh I, 1,8 ad 2 ; I-II,99, 2 ad 2.
  4. [Fußnote von Rudolf Steiner im Erstdruck:]
    Das muß eben zugestanden werden, daß die Methode der älteren Kirchenlehrer, heute von Menschen angewendet, nicht zu den Ergebnissen führt, die diejenigen als Dogmen behaupten, welche die Anthroposophie als Ketzerei erklären. Aber eine wirklich logische Denkweise kann nicht anders, als diesen Schlag ins Gesicht der Logik ablehnen.

Literatur

  1. P. Dr. Karl Wallner: Gnade und Natur, Skriptum zum Wochenendkurs THEO 3, Stift Heiligenkreuz 7.-9. Juni 2002 [1]
  2. Rudolf Steiner: Die Tempellegende und die Goldene Legende , GA 93 (1991), ISBN 3-7274-0930-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Das Johannes-Evangelium, GA 103 (1995), ISBN 3-7274-1030-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Mission der neuen Geistesoffenbarung, GA 127 (1989), ISBN 3-7274-1270-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus, GA 131 (1988), ISBN 3-7274-1310-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Die Anthroposophie und ihre Gegner 1919 – 1921, GA 255b (2003), ISBN 3-7274-2555-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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