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Selbst

Aus AnthroWiki
(Weitergeleitet von Selbsterleben)

Das Selbst (eng. self) ist ein in der Psychologie und auch bei Rudolf Steiner uneinheitlich gebrauchter Begriff. Ganz allgemein ist es eine Bezeichnung für das eigene Wesen, das sich durch sein Selbstbewusstsein eigenständig der Welt gegenübergestellt erlebt.

Leibliches, seelisches und geistiges Selbst

Im weitesten Sinn kann von einem leiblichen bzw. körperlichen, seelischen und geistigen Selbst gesprochen werden. Im engeren und eigentlichsten Sinn ist damit der innerste Wesenskern des Menschen gemeint, sein Ich, die schöpferische geistige Quelle seines Wesens. Das niedere Selbst des Menschen ist sein im Egoismus verhärtetes Ego; sein höheres Selbst ist das Geistselbst, der durch die bewusste Arbeit des Ich vergeistigte Astralleib.

„Ich wollte zeigen, wie man allmählich dahin kommen kann, das, was in unserem Inneren lebt als astralischer Leib und Selbst, seiner wahren Gestalt nach, nicht in der Maja, zu erkennen; denn so wie der Mensch seinen astralischen Leib innerlich erlebt, so ist es nicht der wirkliche astralische Leib, so ist es der astralische Leib, wie er sich spiegelt im Ätherleib. Und was der Mensch sein Selbst nennt, ist nicht das wirkliche Ich, ist das Ich, wie es sich spiegelt im physischen Leib. Spiegelbilder seines Inneren erlebt der Mensch nur. Und wenn er unreif die Gestaltungen dieses eigenen inneren Astralleibes und Ichs erleben würde, so entstünden in ihm Zerstörungstriebe, so würde er ein aggressives Wesen, so entstünde in ihm die Lust zu schaden. Und diese Dinge liegen ja aller schwarzen Magie zugrunde. Wenn auch die Wege, welche die schwarze Magie geht, sehr verschieden sind, der Effekt, den sie erzielen, hat immer etwas von einem Bündnis mit Ahriman oder mit Shiva. Und dadurch lernt man nur astralischen Leib und Ich in ihrer wirklichen Gestalt erkennen, daß man weiß: Man darf sie nur erkennen lernen, wrenn man zugleich bejaht die Notwendigkeit, daß sie sich entwickeln und würdig und wert machen müssen, das zu sein, was sie sein sollen. Die innerste Natur des astralischen Leibes ist der Egoismus; das Ideal muß aber sein, Egoist sein zu dürfen, weil die Weltinteressen die eigenen Interessen werden. Das Ideal muß sein, in das andere Wesen untertauchen zu dürfen, weil der Wille vorliegt, in den anderen Wesen nicht sich zu suchen mit seinen Interessen, sondern das andere Wesen bedeutungsvoller zu finden, als man sich selber findet.“ (Lit.: GA 145, S. 188)

Oft ist der Begriff „Selbst“ auch schlicht und einfach nur auf das alltägliche Ich-Erleben in der Seele, das Selbsterleben, bezogen.

„Rudolf Steiner benutzt den Begriff des «Selbst» im Hinblick auf das alltägliche Ich-Erleben innerhalb der Seele. Dieses «Selbst» ist ein komplexes Gefüge aus Vorstellungen, Erinnerungen, Gefühlen, Seelenregungen und Willensimpulsen. Vor allem das Erinnerungsvermögen erhält die Kontinuität des «Selbsterlebens» aufrecht.“ (Lit.: Lievegoed, S. 172)

Das leibliche Selbst

Grundlegend für die Selbstempfindung ist, dass sich der Mensch durch die dumpfe Wahrnehmung des Lebenssinns als ein den Raum erfüllendes, leibliches Selbst empfindet. Verstärkt tritt diese normalerweise sehr unterschwellige Empfindung bei Mattigkeit, Ermüdung, allgemeinem Unwohlsein und Krankheit auf, also bei Störungen der regulären Lebensprozesse. Ein verstärktes Bewusstsein tritt auf, wenn der Ätherleib nicht wie gewohnt ausreichend in den physischen Leib eingreifen kann und seine Tätigkeit daher vermehrt in den Astralleib zurückgespiegelt wird.

„Der Mensch bemerkt das Dasein dieses Sinnes eigentlich nur dann recht, wenn durch ihn etwas wahrgenommen wird, was in der Leiblichkeit die Ordnung durchbricht. Der Mensch fühlt Mattigkeit, Ermüdung in sich. Er hört nicht die Ermüdung, die Mattigkeit; er riecht sie nicht; aber er nimmt sie in demselben Sinne wahr, wie er einen Geruch, einen Ton wahrnimmt. Solche Wahrnehmung, die sich auf die eigene Leiblichkeit bezieht, soll dem Lebenssinn zugeschrieben werden. Sie ist im Grunde beim wachenden Menschen immer vorhanden, wenn sie auch nur bei einer Störung recht bemerkbar wird. Durch sie empfindet sich der Mensch als ein den Raum erfüllendes, leibliches Selbst.“ (Lit.: GA 45, S. 22f)

Auch der Neurowissenschaftler Antonio Damasio sieht in diesem leiblich empfundenen Selbst, das er als „Protoselbst“ bezeichnet, die Grundlage des Selbstbewusstseins, ja des Bewusstseins überhaupt. Diese primäre Selbstempfindung spiegelt sich durch entsprechende Akivitäten im oberen Hirnstamm wider. Dann entwickelt sich „das von Handlungen getriebene Kern-Selbst und schließlich das autobiografische Selbst, das auch soziale und spirituelle Dimensionen einschließt[1]. Das „Kern-Selbst“ stützt sich hauptsächlich auf den Eigenbewegungssinn und den Tastsinn und die mit diesem verbundene taktile und haptische Wahrnehmung. Das Sich-Stoßen an einer harten Grenze ist ganz wesentlich für das Selbsterleben. Auch der Gleichgewichtssinn ist bedeutsam und ebenso das an erlernten Handlungen ausgebildete implizite Gedächtnis. Das autobiografische Selbst greift schließlich auf das explizite Gedächtnis zurück.

Ursprünglich war der Lebenssinn dazu bestimmt, dass sich unser Astralleib innerlich wahrnimmt, erlebt an unserem Lebensorganismus. Durch den luziferischen Impuls wurde das dazu umgestaltet, dass wir unsere innere Leibesverfassung als Wohlgefühl oder Missgefühl erleben.

„Das, was Organ des Lebenssinns ist, wodurch wir unsere inneren Gebilde, unsere innere Verfassung erlebend wahrnehmen, das ist nun umgestaltet worden durch einen luziferischen Einfluß; denn ursprünglich waren wir in dieser Beziehung nur bestimmt, daß sich unser astralischer Leib innerlich wahrnimmt, erlebt an unserem Lebensorganismus. Nun ist aber hineingemischt worden die Fähigkeit, die innere Leibesverfassung, die innere Verfassung als Wohlgefühl oder Mißgefühl zu erleben. Das ist luziferischer Impuls, der dort hineingemischt ist. Wie das Ich zusammengespannt wird mit dem Tasten, so wird der astralische Leib mit dem Wohl- oder Mißgefühl unserer Lebensverfassung zusammengespannt.“ (Lit.: GA 170, S. 251f)

O Mensch, erlebe dich!

Die Bedeutung des Selbsterlebens wird insbesondere in den Mysteriendramen Rudolf Steiners in künstlerischer Form aufgezeigt. Das nachstehende Beispiel findet sich im 9. Bild des ersten Mysteriendramas „Die Pforte der Einweihung“:


Dieselbe Gegend wie im zweiten Bild. Johannes; später Maria.
(Es tönt aus Felsen und Quellen: 0 Mensch, erlebe dich!)

JOHANNES:
O Mensch, erlebe dich!
Ich habe sie drei Jahre lang gesucht,
Die mutbeschwingte Seelenkraft,
Die Wahrheit gibt dem Worte,
Durch das der Mensch, sich selbst befreiend, siegen
Und sich besiegend, Freiheit finden kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Sie kündigt sich im Innern an,
Nur leise fühlbar meinem Geistgehör.
Sie birgt in sich die Hoffnung,
Daß wachsend sie den Menschengeist
Aus engem Sein in Weltenfernen führt,
So wie geheimnisvoll sich weitet
Das kleine Samenkorn
Zum stolzen Leib der Rieseneiche. --
Es kann der Geist in sich beleben,
Was in der Luft und was im Wasser webt
Und was den Erdengrund gefestigt.
Es kann der Mensch ergreifen,
Was in den Elementen,
In Seelen und in Geistern,
In Zeitenlauf und Ewigkeit
Des Daseins sich bemächtigt hat.
Es lebt das ganze Weltenwesen in dem Seelensein,
Wenn solche Kraft im Geiste wurzelt,
Die Wahrheit gibt dem Worte:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Ich fühle - wie es tönt in meiner Seele,
Sich regend kraftverleihend.
Es lebt in mir das Licht,
Es spricht um mich die Helligkeit,
Es keimt in mir das Seelenlicht,
Es schafft in mir die Weltenhelle:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Ich finde mich gesichert überall,
Wohin mir folgt des Wortes Kraft.
Sie wird mir leuchten in der Sinnesdunkelheit
Und mich erhalten in den Geisteshöhen.
Sie wird mich mit dem Seelensein erfüllen
Für alle Zeitenfolgen.
Ich fühle Weltensein in mir,
Und finden muss ich mich in allen Welten.
Ich schau' mein Seelenwesen
Durch Eigenkraft belebt in mir.
Ich ruhe in mir selber.
Ich blicke nach den Felsen und den Quellen;
Sie sprechen meiner Seele eigne Sprache.
Ich finde mich in jenem Wesen wieder,
Das ich in bittre Not gebracht.
Heraus aus ihm ruf' ich mir selber zu:
Und mir die Schmerzen lindern.
Das Geisteslicht, es wird mir Stärke geben,
Das andre Selbst im eignen Selbst zu leben.
O hoffnungsvolles Wort,
Du strömst mir Kraft aus allen Welten zu:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Du lässt mich meine Schwachheit fühlen
Und stellst mich neben hohe Gottesziele;
Und selig fühle ich
Des hohen Zieles Schöpfermacht
In meinem schwachen Erdenmenschen.
Und offenbaren soll sich aus mir selbst,
Wozu der Keim in mir geborgen ist.
Ich will der Welt mich geben
Durch Leben meines eignen Wesens.
Empfinden will ich alle Macht des Wortes,
Das mir erst leise klingt;
Es soll mir wie belebend Feuer sein
In meinen Seelenkräften,
Auf meinen Geisteswegen.
Ich fühle, wie mein Denken dringt
In tief verborgne Weltengründe;
Und wie es leuchtend sie durchstrahlt.
So wirkt die Keimkraft dieses Wortes:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Aus lichten Höhen leuchtet mir ein Wesen,
Ich fühle Schwingen,
Zu ihm mich zu erheben.
Ich will mich selbst befrei'n
Wie alle Wesen, die sich selbst besiegt.
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Ich schaue jenes Wesen,
Ich will ihm gleich in Zukunftzeiten werden.
Der Geist in mir wird sich befrei'n
Durch dich, erhabnes Ziel.
Ich will dir folgen.

(Maria kommt hinzu.)

Das Seelenauge haben mir erweckt
Die Geisteswesen, die mich aufgenommen.
Und sehend in den Geisteswelten
Erfühle ich in meinem Selbst die Kraft:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
O meine Freundin, du bist hier!

MARIA:
Mich trieb meine Seele hierher.
Ich konnte deinen Stern erschauen.
Er strahlt in voller Kraft.

JOHANNES:
Erleben kann ich diese Kraft in mir.

MARIA:
So eng sind wir verbunden,
Daß deiner Seele Leben
Sein Licht in meiner Seele leuchten lässt.

JOHANNES:
O Maria, so ist dir bewusst,
Was sich mir eben offenbarte?
Mir ist des Menschen erste Zuversicht,
Mir ist die Wesenssicherheit gewonnen.
Ich fühle ja des Wortes Kraft,
Die überall mich leiten kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen: O Mensch, erlebe dich!)
(Vorhang fällt.) (Lit.: GA 14, S. 137)

Siehe auch

Literatur

Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.

Einzelnachweise

  1. Damasio, S. 17