Sprache der Toten

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Die Sprache der Toten ist anders geartet als die der auf Erden lebenden Menschen. Mit dem Tod fällt der physische Leib ab - und damit auch die Sprach- und Hörorgane. Ein äußerer Sprachverkehr mit den Toten ist naturgemäß nicht mehr möglich, sondern nur ein Geistgespräch, das sich im zunächst im lebendigen Denken entfalten kann. Je bildhafter die Gedanken sind, desto besser sind sie dem Toten zugänglich. Abstrakte Begriffe, wie sie nur mit dem physischen Werkzeug des Gehirns gebildet werden können, sind für ihn schlechterdings nicht vorhanden. Die Sprache spielt für den geistigen Verkehr mit den Toten aber auch noch eine wesentliche Rolle. Solange der Tote sich im Kamaloka befindet, hat er durchaus noch eine Empfindung für die Sprache, die er auf Erden gesprochen hat (Lit.:GA 141, S. 58).

Die geistige Verbindung mit den Toten

Die bewusste geistige Verbindung mit den Toten herzustellen ist, obwohl sie uns so nahe stehen, schwieriger als allgemeine geistige Tatsachen zu erkennen. Es müssen dazu auch entsprechende karmische Voraussetzungen gegeben sein.

„Nehmen Sie an, der Mensch verläßt hier seinen irdischen Leib und geht mit seinem seelisch-geistigen Leben über in die geistig-seelische Welt. Und nehmen wir an, es wird jemandem, der sich im intimeren Sinne Initiationserkenntnis erworben hat, hier möglich, die Seelen in ihrem Leben nach dem Tode weiter zu beobachten. Dazu sind viele Vorbereitungen notwendig, dazu ist ein bestimmtes Karma notwendig, das den Menschen hier mit dem Menschen drüben verbindet. Da handelt es sich darum, daß man nun eine Verständigungsmöglichkeit gewinnt mit einem Verstorbenen. Ich rede Ihnen dabei von außerordentlich schwierigen geistigen Erlebnissen, denn es ist im allgemeinen leichter, die Welt geistig zu beschreiben, als nur im geringsten an einen Toten heranzukommen. Die Menschen glauben leicht, daß es nicht schwer wäre, an einen Toten heranzukommen; es ist viel schwerer, an den Toten wirklich heranzukommen, als allgemeine spirituelle Erkenntnisse zu gewinnen.“ (Lit.:GA 214, S. 149)

Um uns mit der Sphäre der Toten zu verbinden, müssen wir das Fühlen und Wollen im Denken erkraften. Jedes Irrlichtelierenlassen der Gedanken ist geistige Kraftverschwendung und behindert die Verbindung mit der geistigen Welt. Normalerweise richten wir unsere Aufmerksamkeit nur auf den Gegenstand, über den wir nachdenken. Das erzieht bereits unser Gedankenleben, aber wir müssen noch weitergehen. Wir müssen etwa lernen, die Schönheit oder Erhabenheit eines Gedankens zu fühlen. Vor allem müssen wir unsere eigene geistige Tätigkeit in der Gedankenbildung betrachten. Die Beobachtung des Denkens, wie sie Rudolf Steiner schon in seiner «Philosophie der Freiheit» (GA 4) beschrieben hat, ist gefordert. Ein äußerer Gegenstand fällt dann weg, wir vollziehen und betrachten eine rein geistige Tätigkeit. Fertige abstrakte, sinnlich orientierte Gedanken, die wir haben, sind für den Toten bedeutungslos. Das Gedankenwerden kann er miterleben und auch seine Kräfte in dieses hineinsenden. „Einfälle“, von denen man spürt, dass sie nicht von einem selbst kommen, stammen nicht selten von einem Menschen, der bereits über die Schwelle gegangen ist. Solche Gedanken auffassen zu können, wird sogar künftig immer wichtiger, denn da wir heute so stark in die Sinneswelt verstrickt sind, können wir gar nicht alles verwirklichen, was geistig in uns veranlagt ist. Gerade rein geistige Gedanken entfalten sich und reifen erst so richtig nach dem Tod. Solche Gedanken, wie sie der Tote entwickelt, können wir heute auf Erden gar nicht ausbilden, aber wir können sie von den Toten als Anregung entgegennehmen und auf Erden fruchtbar machen.

Das Geistgespräch mit den Toten

Das Geistgespräch mit den Toten verläuft ganz anders als ein Gespräch, dass wir im irdischen Leben führen. Eine charakteristische Eigenschaft der Astralwelt, in der der Tote zunächst für längere Zeit nach dem Tod verweilt, ist, dass hier alles umgekehrt erscheint. In der Imagination scheinen beispielsweise die Begierden und Triebe, die wir in uns tragen, von außen auf uns zuzukommen, etwa in der bildhaften Gestalt wilder Tiere. So findet für das Erleben des Toten eine komplette Umstülpung dessen statt, was er aus der Sinneswelt gewohnt war. Wenn wir mit ihm in geistige Verbindung treten wollen, müssen wir diese Umwendung des Inneren zum Äußeren und des Äußeren zum Inneren mitvollziehen. Die Fragen, die wir an den Toten stellen, scheinen von ihm selbst auszugehen: er spricht unsere Fragen aus. Seine Antworten aber steigen aus unserem Inneren auf. Der beste Moment, um unsere Fragen an den Toten heranzubringen, ist der Moment des Einschlafens. Seine Antworten steigen am leichtesten im Moment des Aufwachens in uns auf.

„Ich will ganz im Konkreten sprechen: Wenn Sie hier in der Sinneswelt von Mensch zu Mensch reden, so reden Sie, der andere antwortet Ihnen. Sie wissen, Sie erzeugen Ihre Worte durch Ihr Stimmorgan; die Worte kommen aus Ihren Gedanken heraus. Sie fühlen, Sie sind der Schöpfer Ihrer Worte. Sie wissen, Sie hören sich, während Sie sprechen, und während der andere antwortet, hören Sie den andern, und Sie wissen dann: Sie sind still, den andern hören Sie jetzt. - Sehen Sie, man gewöhnt sich tief ein in ein solches Verhältnis dadurch, daß man sich nur bewußt ist, in der physischen Welt mit andern Wesen zu verkehren. Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist aber nicht so. So merkwürdig es klingt: Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist genau umgekehrt. Wenn Sie selber Ihre Gedanken dem Entkörperten mitteilen, so sprechen nicht Sie, sondern es spricht er. Es ist genau so, wie wenn Sie mit jemandem sprechen würden, und das, was Sie denken, was Sie mitteilen wollen, sprechen nicht Sie aus, sondern das spricht der andere aus. Und was der sogenannte Tote Ihnen antwortet, kommt Ihnen nicht zu von außen, sondern das steigt von Ihrem Inneren auf, das erleben Sie als Innenleben. Daran muß sich das hellsichtige Bewußtsein erst gewöhnen, muß sich erst gewöhnen, daß man selber in dem andern der Fragende ist, und daß der andere in einem der Antwortende ist. Diese vollständige Umstülpung des Wesens ist notwendig.

Wer bekannt ist mit solchen Dingen, der weiß, daß solche Umstülpung des Wesens nicht leicht ist. Denn sie widerspricht allem, was der Mensch gewohnt ist; denn die Gewohnheiten bilden sich im Laufe des Lebens aus; aber nicht nur das, sie widerspricht sogar allem, was dem Menschen angeboren ist. Denn zu glauben, daß man selber spricht, wenn man fragt, und daß der andere still ist, wenn man antwortet, das ist doch dem Menschen angeboren. Und dennoch ist das eben Gesagte der Fall im Verkehr mit den übersinnlichen Wesen. Diese Umstülpung des Wesens, die das hellsichtige Bewußtsein erfährt, wird Sie aber darauf aufmerksam machen können, daß ein gut Teil von der Nichtwahrnehmbarkeit der Toten darauf beruht, daß sie eben mit den Lebenden in einer Weise verkehren, wie es den Lebenden nicht nur ungewohnt, sondern ganz unmöglich erscheint. Die Lebenden hören einfach nicht, was ihnen die Toten sagen aus der Tiefe ihres Wesens heraus; und die Lebenden achten nicht darauf, wenn ein anderer dasselbe sagt, was sie selbst denken, was sie selbst fragen wollen.

Nun liegt aber die Sache so, daß von zwei für den gegenwärtigen Menschen vorüberhuschenden Bewußtseins-Mittelzuständen - vom Aufwachen und Einschlafen - immer nur der eine geeignet ist für das Fragen und der andere nur für das Antworten. Das Eigentümliche ist, daß, wenn wir einschlafen, dieser Moment des Einschlafens besonders günstig ist für das Fragenstellen an den Toten, das heißt, für das Hören der Fragen, die wir an den Toten stellen, von ihm aus. Wenn wir einschlafen, sind wir besonders dafür disponiert, aus dem Toten herauszuhören, was wir fragen wollen. Nun schlafen wir aber im gewöhnlichen Bewußtsein gleich hinterher ein, und die Folge ist, daß wir tatsächlich Hunderte von Fragen an die Toten stellen, von Hunderten von Dingen zu den Toten im Einschlafen reden, daß wir aber nichts davon wissen, weil wir hinterher einschlafen. Dieser vorübergehende Moment des Einschlafens ist ein Moment von ungeheurer Bedeutung für unseren Verkehr mit den Toten. Und wiederum der Moment des Aufwachens: Er disponiert uns ganz besonders dazu, die Antworten der Toten zu vernehmen. Würden wir nicht sogleich in das sinnliche Wahrnehmen übergehen, sondern würden wir beim Momente des Aufwachens verweilen können, so würden wir in diesem Momente sehr geeignet sein, Botschaften von den Toten entgegenzunehmen. Nur würden diese Botschaften uns so erscheinen, als wenn sie aus unserem eigenen Inneren aufsteigen.“ (Lit.:GA 181, S. 56f)

Mit dem Einschlafen versinken wir in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, der zeitweise von Träumen unterbrochen wird. An die Einschlafträume können wir uns morgens nur selten erinnern. Leichter ist dies bei den Aufwachträumen, aber auch diese werden sehr schnell durch das Wachbewusstsein überdeckt und rasch vergessen. Dennoch kann es immer wieder vorkommen, dass wir uns an Träume erinnern, in denen der Tote zu uns gesprochen zu haben scheint. Doch dem ist nicht so. In den Träumen von den Toten verdichten sich vielmehr in der Regel bildhaft die Fragen, die wir an ihn gerichtet haben.

„Was der Mensch im Einschlafen erlebt als das Von-sich-aus-Fragenstellen an die Toten, setzt sich in einer gewissen Weise durch den Schlafzustand hindurch fort. Wir blicken, indem wir weiterschlafen, unbewußt zurück zu dem Moment des Einschlafens, und durch diese Tatsache können sich Träume einstellen. Solche Träume können tatsächlich Wiedergaben sein der Fragen, die wir an die Toten stellen. Das ist schon einmal so, daß wir in den Träumen viel mehr, als wir meinen, uns den Toten nähern, zu den Toten hinsprechen, wenn auch das, was im Träume erlebt wird, unmittelbar schon beim Einschlafen gesprochen war. Aber der Traum holt es herauf aus den undifferenzierten Tiefen der Seele. Doch der Mensch mißdeutet es leicht; er nimmt die Träume, wenn er sich dann später an sie als Träume erinnert, meistens nicht als das, was sie sind. Träume sind eigentlich immer ein aus unserem Gefühlsleben hervorgehendes Zusammenleben mit den Toten. Wir haben uns zu ihnen hinbewegt, und der Traum gibt uns eigentlich oft Fragen, die wir an Tote gestellt haben. Er gibt uns schon unser subjektives Erlebnis, aber so, als wenn es von außen kommen würde. Der Tote spricht zu uns, aber wir sprechen es eigentlich selber. Es scheint nur so, als wenn der Tote spricht. Es sind in der Regel nicht Botschaften, die von den Toten kommen, was uns in den Träumen entgegentritt, sondern der Traum, den wir von den Toten haben, ist der Ausdruck des Bedürfnisses dafür, daß wir mit den Toten zusammen sind, daß es uns gelungen ist, mit den Toten im Momente des Einschlafens zusammenzukommen.“ (Lit.:GA 181, S. 58)

Es sind also zumeist nicht die Träume, durch die der Tote zu uns spricht. Diese sind nur der bildhafte Ausdruck der Fragen, die wir beim Einschlafen an ihn gerichtet haben. Seine Antwort taucht vielmehr morgens wie ein spontaner Einfall aus unserem Inneren auf.

„Der Moment des Aufwachens überbringt uns die Botschaften von den Toten. Dieser Moment des Aufwachens wird ausgelöscht durch das nachfolgende Sinnesleben. Aber es kommt doch auch die Tatsache vor, daß wir im Aufwachen, wie aus dem Inneren der Seele heraufsteigend, irgend etwas haben, von dem wir, wenn wir nur eine genauere Selbstbeobachtung haben, sehr gut wissen können: Es kommt nicht aus unserem gewöhnlichen Ich heraus. Das sind oftmals Botschaften der Toten.

Sie werden mit diesen Vorstellungen zurechtkommen, wenn Sie nicht schief denken über ein Verhältnis, das Ihnen ja jetzt vor die Seele getreten sein wird. Sie werden sagen: Dann ist der Moment des Einschlafens geeignet, um an den Toten Fragen zu stellen; der Moment des Aufwachens ist geeignet, um von dem Toten die Antworten zu bekommen. Das liegt also auseinander. Sie werden dies nur richtig beurteilen, wenn Sie die Zeitverhältnisse in der übersinnlichen Welt richtig ins Auge fassen. Dort ist das wahr, was in einer merkwürdigen Intuition Richard Wagner in dem Satz ausgesprochen hat: Die Zeit wird zum Raume. - Es wird wirklich in der übersinnlichen Welt die Zeit zum Raume, so wie ein Raumpunkt dort ist, ein anderer dort. Also ist die Zeit nicht vergangen, sondern ein Raumpunkt ist nur in einer größeren oder geringeren Entfernung. Die Zeit wird wirklich übersinnlich zum Raume. Und der Tote spricht nur die Antworten, indem er etwas weiter von uns absteht. Das ist natürlich wieder ungewohnt. Aber das Vergangene ist nicht vergangen in der übersinnlichen Welt; das ist da, es bleibt da. Und mit Bezug auf das Gegenwärtige handelt es sich nur um das Sich-Gegenüberstellen an einem andern Ort gegenüber dem Vergangenen. Das Vergangene ist ebensowenig fort in der übersinnlichen Welt, wie das Haus fort ist, aus dem Sie heute abend weggegangen sind, um hierher zu kommen. Das ist an seinem Orte, und so ist das Vergangene in der übersinnlichen Welt nicht weg, es ist da. Und ob Sie nun nahe oder mehr entfernt sind von dem Toten, das hängt von Ihnen selbst ab, wie weit Sie mit dem Toten gekommen sind. Es kann sehr weit sein, kann aber auch sehr nahe sein.“ (Lit.:GA 181, S. 59)

Die Frage und die Antwort sind zeitlich voneinander getrennt. Oftmals muss man mehrere Nächte darüber schlafen, um eine Antwort zu bekommen.

„Sie bekommen in der Regel nur eine Verständigung mit dem Toten, wenn Sie verstehen, in der richtigen Weise Fragen an ihn zu stellen. Man muß manchmal mit diesen Fragen so vorgehen, daß man an einem Tage möglichst in vollständiger Ruhe sich auf den Toten konzentriert, mit ihm in etwas lebt, was recht konkret ist - denn Bilder hat er nach dem Tode mehr in seiner Seele als abstrakte Vorstellungen —, also man muß sich auf etwas konzentrieren, was ein reales konkretes Erlebnis ist, das er gern hier gehabt hat im Leben, da kann man allmählich an den Toten herankommen.

Man bekommt in der Regel nicht gleich Antwort. Man muß oftmals darüber schlafen, vielleicht mehrmals schlafen, und man bekommt nach Tagen Antwort. Aber man bekommt eigentlich nie von Toten Antwort, wenn man die Frage an sie stellt mit Substantiven. Man muß versuchen, alles Substantivische in Verbalform zu kleiden. Diese Vorbereitung ist durchaus notwendig. Das beste, was der Tote versteht, sind Verben, die man recht anschaulich macht. Also der Tote versteht zum Beispiel niemals das Wort «Tisch»; aber wenn es einem gelingt, etwas lebhaft vorzustellen von dem, was in Tätigkeit ist, wenn ein Tisch gemacht wird, was also ein Werdendes ist, dann kann man allmählich für den Toten so verständlich werden, daß er die Frage auffaßt und daß man Antworten bekommt, die immer in Verbalform sind, die aber sehr häufig nicht einmal in Verbalform sind, sondern die in dem sind, was wir hier auf der Erde als Interjektion, als Empfindungswörter ansprechen würden.

Namentlich spricht der Tote in Buchstaben-, in Lautzusammensetzungen. Und er kommt, je länger er in der geistigen Welt verweilt nach dem Tode, desto mehr dazu, in einer Sprache zu sprechen, die man sich erst aneignet, wenn man für die irdische Sprache ein Unterscheidungsverständnis sich erwirbt, wenn man sich nicht mehr hält an die abstrakte Bedeutung der Worte, sondern wenn man eindringt in den Empfindungsgehalt der Laute.

Es ist ja so, wie ich auch in den Vorträgen über Erziehung gesagt habe: Bei A empfinden wir etwas wie Staunen. Das Staunen nehmen wir gewissermaßen in unsere eigene Seele herein, wenn wir nicht bloß A sagen, sondern Ach. Das heißt: A = ich staune, und das Staunen geht in mich herein: eh. Und wenn ich jetzt noch m voranstelle und sage: mach - so habe ich ein Verfolgen desjenigen, was mich erstaunen macht, so wie wenn es in Schritten - m - herankäme, und ich bin völlig drin! In diesen Lautverständnissen kommen oftmals die Antworten der Toten. Die sprechen nicht englisch, die sprechen nicht deutsch, nicht russisch, die sprechen so, daß es nur Seele und Herz verstehen kann, wenn Seele und Herz mit den Ohren zusammenhängen.

Ich habe Ihnen vorhin gesagt: Das Herz ist majestätischer als die Sonne. Für die irdische Anschauung ist das Herz da irgendwo drinnen, und wenn wir es anatomisch herausschneiden, bietet es keinen schönen Anblick. In Wahrheit ist das Herz im ganzen Menschen, durchdringt alle übrigen Organe, sitzt auch im Ohre. Wir müssen uns immer mehr gewöhnen an diese Herzenssprache der Toten, wenn ich sie so nennen darf.

Daran gewöhnen wir uns, wenn wir nach und nach alles Substantivische wegwerfen, ins Verbale hineinkommen. Die Tätigkeit, das Werden, das versteht der Tote noch ziemlich lange nach dem Tode. Aber später versteht er eine Sprache, die keine wirkliche Sprache ist. Das, was wir dann vom Toten empfangen, müssen wir erst rückübersetzen in eine irdische Sprache.“ (Lit.:GA 214, S. 150f)

Sprache und Sprachverständnis der Toten

Die Sprache und das Sprachverständnis des Toten verwandelt sich in bedeutsamer Weise. Der Tote versteht schon sehr bald keine Hauptwörter mehr. Am längsten verständig bleibt er für alle Verben, d.h. für alles alles, was eine Tätigkeit, ein Werden oder Vergehen ausdrückt. Das fertige Sinnessein ist dem Toten unzugänglich - den Werdeprozess kann er miterleben, weil darin die Seele aktiv ist. Wenn man Fragen an die Toten richtet, muß man auch alles Substantivische in Verbalformen kleiden. Am besten versteht der Tote Verben, die man recht anschaulich macht. Die Antworten der Toten kommen ebenfalls in Verbalform, oder häufig auch als Empfindungswörter, besonders als Interjektionen. Namentlich spricht der Tote in Buchstaben-, in Lautzusammensetzungen, d.h. aus jener tieferen Schicht der Sprache, wo ihre Formkräfte (Konsonanten) und Empfindungen (Vokale) wohnen. Dann verliert er die Konsonanten (Bildekräfte) und lebt in den Vokalempfindungen. Nicht der begriffliche, sondern der empfindungsmäßige Gehalt der Sprache ist wichtig. Bedeutsam ist nicht der intellektuelle, sondern der rein künstlerische Umgang mit der Sprache. Sehr hilfreich kann dabei die von Rudolf Steiner und Marie Steiner gemeinsam entwickelte Sprachgestaltung sein, durch welche die Formkraft und der Empfindungsgehalt jedes Lautes bewusst und objektiv erfasst und gestaltet werden kann. Von jeder persönlichen Sentimentalität muss sich dabei aber völlig freihalten.

„Zunächst ist es ja nur möglich, mit den Toten zu verkehren, indem man sich versetzen kann in ihr Erinnerungsvermögen an die physische Welt. Die Toten, haben noch einen Anklang an die menschliche Sprache, sogar an die besondere Sprache, die sie hier auf der Erde hauptsächlich gesprochen haben. Aber es verändert sich ihr Verhältnis zur Sprache. So zum Beispiel bemerkt man, wenn man mit einem Toten verkehrt, daß er sehr bald kein Verständnis, nicht das geringste Verständnis mehr hat für Hauptwörter, für Substantiva. Die Substantiva sind Wörter, die der Lebende hier an den Toten richten kann, der Tote, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, hört sie einfach nicht. Dagegen behält der Tote für alle Verben, also Tätigkeitswörter, verhältnismäßig lange noch ein Verständnis.“ (Lit.:GA 214, S. 149f)

„So gibt es also sehr geistvolle Philosophen, die überhaupt nicht glauben, daß man ohne innerliche Wortpräsenz denken kann. Man kann es. Aber im gewöhnlichen alltäglichen Denken denkt der Mensch in Worten, besonders dann, wenn er einen Verkehr mit den Toten spirituell entwickeln soll. Denn Sie wissen ja, daß dieser Verkehr mit den Toten nicht in Abstraktionen verlaufen darf - das ist so, wie wenn wir ins Blaue hineindenken würden - , sondern er muß in Konkretheit verlaufen, der Verkehr mit den Toten. Deshalb sagte ich: Bestimmte Bilder, die sehr konkret vorgestellt werden, die kommen an die Toten heran, nicht abstrakte Gedanken. Besonders weil das so ist, sind wir dann auch sehr geneigt, in diesem Gedankenverkehr mit den Toten in der Sprache zu denken, die Sprache innerlich mit anklingen zu lassen. Da machen wir die eigentümliche Erfahrung - Sie mögen es glauben oder nicht, aber es ist eben eine Erfahrung -, daß zum Beispiel die Toten Substantive nicht hören. Das sind wie Lücken in unseren Sätzen im Verkehr mit den Toten. Eigenschaftswörter sind schon besser, aber auch noch sehr schwach. Aber bei Verben, Tätigkeitswörtern, da greift ihr Verstehen ein. Das lernt man erst ganz allmählich. Man weiß nicht, warum manches so schlecht geht in diesem Verkehr. Man kommt erst nach und nach darauf, daß man bei diesem Verkehr nur ja nicht viele Hauptwörter anwenden darf. Man kann es ja für sich übersetzen, damit man es versteht. Und man kommt darauf, daß das davon herrührt, daß der Mensch, indem er Tätigkeitswörter, Verben gebraucht, nicht anders kann, als innerlich selber dabei sein, bei den Wörtern. Es ist etwas Persönliches in den Verben. Man erlebt die Tätigkeit mit, während das Substantiv immer zu etwas ganz Abstraktem wird.“ (Lit.:GA 192, S. 54f)

„Es gehört ja zu den schwierigsten Aufgaben der Initiationserkenntnis, Beziehung zu gewinnen zu den Seelen, die vor kürzerer oder längerer Zeit die Erde verlassen haben, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Es ist aber möglich, solche Beziehungen durch Erweckung tieferer Seelenkräfte zu gewinnen. Da muß man zunächst sich aber klar sein darüber, daß man sich eigentlich erst hineinzugewöhnen hat durch Exerzitien in die Sprache, die man mit den Toten zu sprechen hat. Diese Sprache ist, ich möchte sagen, in einer gewissen Weise ein Kind der Menschensprache. Aber man würde ganz fehlgehen, wenn man glaubt, daß einem diese Menschensprache hier etwas helfen würde, um Verkehr mit den Toten zu pflegen. Denn das erste, was man gewahr wird, das ist dieses, daß die Toten nur ganz kurze Zeit noch verstehen dasjenige, was hier in der Erdensprache als Hauptwörter, als Substantive lebt. Dasjenige, was ein Ding ausdrückt, ein abgeschlossenes Ding, das durch ein Substantiv bezeichnet wird, das ist in der Sprache der Toten nicht mehr vorhanden. In der Sprache der Toten bezieht sich alles auf Regsamkeit, auf innere Beweglichkeit. Daher finden wir, daß nach einiger Zeit, nachdem die Menschen durch die Pforte des Todes gegangen sind, sie nur noch für die Verben, für dasjenige, was wir Tätigkeitsworte nennen, eine wirkliche Empfindung haben. Wir müssen ja, um mit den Toten zu verkehren, zuweilen die Fragen an sie richten, indem wir sie so formulieren, daß sie den Toten verständlich sind. Dann kommt nach einiger Zeit, wenn wir darauf acht zu geben verstehen, die Antwort. Gewöhnlich müssen mehrere Nächte vergehen, bis der Tote uns antworten kann auf Fragen, die wir an ihn stellen. Aber wir müssen, wie gesagt, uns in die Sprache der Toten hineinfinden, und zuletzt erst findet sich die Sprache für uns ein, die der Tote eigentlich hat, in die er sich hineinleben muß, weil er ja mit seinem ganzen Seelenleben von der Erde sich entfernen muß. Da finden wir uns hinein in eine Sprache, die überhaupt nicht mehr nach irdischen Verhältnissen geformt ist, in eine Sprache, die aus der Empfindung, aus dem Herzen heraus ist, in eine Art Herzenssprache. Da formen wir so das Sprachliche, wie wir etwa in der Menschensprache nur die Empfindungslaute formen, wo wir ein «Ach» aussprechen, wenn wir verwundert sind, wo wir ein «I» aussprechen, wenn wir auf uns selber zurückleiten wollen. Da bekommen die Laute und die Lautzusammensetzungen erst ihre große, ihre wirkliche Bedeutung.“ (Lit.:GA 214, S. 190f)

„Wer heute in der Lage ist, durch seine okkulte Erfahrung mit den Toten zu verkehren, der bemerkt sehr bald - man verkehrt mit den Toten ja durch Gedanken - , daß sehr viele Gedanken, durch die man sich selber mit den Toten verständigen will, von diesen Toten nicht verstanden werden. Viele von den Gedanken der Menschen hier auf Erden, von den Gedanken, an die sich die Menschen gewöhnt haben, klingen für die Toten - Sie müssen das natürlich entsprechend nehmen, ich rede von Gedankenverkehr mit den Toten —, wie eine unverständliche, eine fremde Sprache. Und wenn man näher auf dieses ganze Verhältnis eingeht, so findet man namentlich, daß Verben, Zeitwörter, auch Präpositionen und vor allen Dingen Interjektionen von den Toten verhältnismäßig leicht verstanden werden, Substantiva, Hauptwörter hingegen fast gar nicht. Die bilden sozusagen im Sprachverstehen der Toten eine gewisse Lücke. Da versteht der Tote nimmer, wenn man viel in Hauptwörtern mit ihm sprechen will. Und man merkt, wenn man versucht, das Hauptwort in ein Verbum umzusetzen, daß er dann anfängt zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel zu einem Toten sagen: Der Keim für irgend etwas - , so bleibt ihm das Wort «der Keim» in den meisten Fällen unverständlich, ja, es ist, als ob er überhaupt nichts hörte. Wenn Sie sagen, etwas keimt, wenn Sie also «der Keim» verwandeln in das Verbum: etwas keimt - , dann fängt er an zu verstehen. Woran liegt das? Sie kommen darauf, daß das durchaus nicht an dem Toten liegt, sondern das liegt an einem selbst. Das liegt an dem Menschen, der mit dem Toten spricht, und zwar aus dem Grunde, weil die heutigen Menschen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, wenigstens für alle mittel- und westeuropäischen Sprachen - es ist um so mehr der Fall, je weiter man nach Westen kommt —, verloren haben für die Substantiva das lebendige Bildgefühl, was das Substantive ausdrückt: es ist so irgend etwas Nebuloses, was nur eigentlich im Verständnis anklingt, wenn der Mensch heute ein Substantivum sagt; die wenigsten Menschen denken überhaupt noch etwas Wirkliches, wenn sie in einem Substantivum sprechen. Wenn sie dann das Substantivum in ein Verbum verwandeln müssen, dann sind sie innerlich gezwungen, ein bißchen konkreter zu denken. Wenn einer sagt «der Keim», so werden Sie in den meisten Fällen, insbesondere wenn er in abstrakten Reden redet, nicht finden, daß er sich konkret irgendeinen Pflanzenkeim, etwa eine keimende Bohne, irgendwie noch im Bilde vorstellt; er stellt sich etwas ganz Nebuloses im Bilde vor, so irgend etwas im Prinzip. Wenn Sie sagen «was keimt», oder «dasjenige, welches keimt», so sind Sie wenigstens gezwungen, dadurch daß Sie die Verbalform haben, an das Herauskommen zu denken, also doch an irgend etwas, das sich bewegt. Das heißt: Sie gehen aus dem Abstrakten ins Konkrete hinein. Dadurch, daß Sie selbst aus dem Abstrakten ins Konkrete hineingehen, beginnt der Tote Sie zu verstehen. Aber die Menschen werden genötigt werden, weil aus Gründen, die ich hier oftmals angeführt habe, die lebendigen Zusammenhänge zwischen den hier auf der Erde lebenden und den durch die Pforte des Todes gegangenen, unverkörperten Seelen immer enger und enger werden müssen, weil die Impulse der Toten immer mehr und mehr hereinwirken müssen auf die Erde, allmählich in ihre Sprache, in ihr Sprechen und damit in ihr Denken etwas aufzunehmen, welches vom Abstrakten ins Konkrete herüberführt. Das muß geradezu ein Bestreben der Menschen werden, wiederum bildhaft, imaginativ zu denken, wenn gesprochen wird.“ (Lit.:GA 190, S. 62f)

Vorlesen für die Toten

Hauptartikel: Vorlesen für die Toten

„Wir können zum Beispiel den Verstorbenen vorlesen. Das macht man in der Weise, daß man sich die lebendige Vorstellung bildet, der Tote sei vor einem: man stellt sich etwa seine Gesichtszüge vor und geht in Gedanken die Dinge mit ihm durch, die zum Beispiel in einem anthroposophischen Buche stehen. Man braucht es nur in Gedanken zu tun; das wirkt in einer unmittelbaren Weise auf den, der durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und solange er im Kamaloka-Zustand ist, ist die Sprache auch kein Hindernis; das wäre sie erst, wenn er im Devachan ist. Daher kann auch nicht die Frage aufgeworfen werden: Versteht denn der Tote die Sprache? - Während der Kamalokazeit ist durchaus noch eine Empfindung für die Sprache vorhanden. In einer solchen aktiven Weise kann der Mensch demjenigen Hilfe leisten, der durch die Pforte des Todes gegangen ist. Was so aus dem physischen Plan heraufströmt, das ist etwas, was eine Änderung in den Verhältnissen des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt hervorrufen kann, was dem Verstorbenen gegeben werden kann nur von der physischen Welt aus, was ihm aber nicht von der geistigen Welt direkt gegeben werden kann.“ (Lit.:GA 141, S. 57f)

„Eine Frage, die im Zusammenhang mit alledem sehr häufig sich ergibt, ist diese: Ja, wie kann man wissen, ob der Tote wirklich zuhören kann? Nun, ohne den hellsichtigen Blick ist es schwierig, das zu wissen, obwohl man sich allmählich, wenn man sich mit dem Andenken an die Toten beschäftigt, von einem Gefühl wird überrascht finden: der Tote hört zu. Man wird dieses Gefühl nur dann nicht haben, wenn man unaufmerksam ist und auf jene eigentümliche Wärme nicht achtet, die sich oft beim Vorlesen verbreitet. Man kann sich wirklich ein solches Gefühl aneignen. Kann man das aber nicht tun, meine lieben Freunde, so muß gesagt werden, daß in dem Verhalten zur geistigen Welt ja auch in diesem Falle eine Regel zur Anwendung kommen muß, die oftmals berücksichtigt werden muß. Das ist die Regel: Ja, wenn wir vorlesen dem Toten, so nützen wir ihm unter allen Umständen, wenn er uns hört! Hört er uns nicht, so erfüllen wir erstens unsere Pflicht, bringen es vielleicht dazu, daß er uns doch hört, sonst aber gewinnen wir wenigstens etwas, erfüllen uns mit Gedanken und Ideen, die ja ganz gewiß Nahrung sein werden für die Toten in der zuerst angedeuteten Weise. Also verloren ist unter allen Umständen nichts. Aber die Praxis hat gezeigt, daß tatsächlich dieses Vernehmen dessen, was vorgelesen wird, von seiten der Toten etwas außerordentlich Verbreitetes ist, daß ein ungeheurer Dienst geleistet werden kann denjenigen, denen wir in dieser Weise das, was heute an geistiger Weisheit herangezogen werden kann, vorlesen.“ (Lit.:GA 140, S. 337)

Literatur

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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
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Weblinks