Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen

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Fünftes apokalyptisches Siegel: Die entschleierte Isis
William Blake: The Red Dragon and the Woman Clothed with the Sun (etwa Mai 1803)

Die Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen ist ein im 12. Kapitel der Apokalypse des Johannes geschildertes Motiv. Dieses imaginative Bild kann in vielfachen, miteinander verwandten Nuancen gelesen werden. Grob umrissen steht es für die Christuskraft, das makrokosmische Ich, das in der jungfräulich reinen Seelenkraft der Sonne empfangen wird und auf die Erde, die auch der Wohnort der Widersacher ist, absteigt, um sich dort in einem menschlichen Leib zu inkarnieren. Dieses Bild wird auch auf dem fünften apokalyptischen Siegel gezeigt, das von Clara Rettich nach dem Entwurf von Rudolf Steiner gefertigt wurde.

Die mit der Sonne bekleidete Frau wird von dem großen roten Drachen mit sieben Häuptern und zehn Hörnern verfolgt, der dem luziferischen Drachen, der alten Schlange, enspricht, die Adam und Eva im Garten Eden dazu verführte, von den Früchten des Baums der Erkenntnis zu essen. Von Michael und seinen Scharen wird der große rote Drache auf die Erde gestürzt.

„1 Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. 2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. 3 Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, 4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße. 5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron. 6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage[1]. 7 Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, 8 und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. 9 Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. 10 Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder und Schwestern ist gestürzt, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. 11 Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum Tod. 12 Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kam zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. 13 Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. 14 Und es wurden der Frau gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt werden sollte eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange. 15 Und die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, damit er sie fortreiße. 16 Aber die Erde half der Frau und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache ausstieß aus seinem Rachen. 17 Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die Übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu.“

Offenbarung des Johannes: 12,1-17 LUT

Unmittelbar beschrieben wird hier die Wiedervereinigung der Sonne mit der Erde. Der Keim dazu wurde durch das Erdenleben des Christus und seinen Durchgang durch das Mysterium von Golgatha gelegt. Die Wiedervereinigung der Sonne mit der Erde wird stattfinden, wenn gemäß der Apokalypse des Johannes die siebente Posaune erklingt.

„Erde und Sonne waren ein Körper. Die Erde hat sich aus der Sonne herausentwickelt und der Mond hat sich abgespalten. Wir haben gesagt, daß das hat geschehen müssen wegen des richtigen Maßes der Entwicklung. Nun aber, wo der Mensch diese Entwickelungsstufen durchgemacht hat, nachdem er sich vergeistigt hat, ist er reif, sich wiederum mit den Kräfteverhältnissen zu vereinigen, welche auf der Sonne sind. Er kann das Tempo der Sonne mitmachen. Es findet nun ein wichtiger Weltenvorgang statt: die Erde vereinigt sich wiederum mit der Sonne. Während dasjenige vorgeht, was wir besprochen haben, vereinigt sich die Erde mit der Sonne. Wir haben gesagt, daß die Sonnengeister auf die Erde herabgestiegen sind bei dem Ereignis von Golgatha. Wir haben gesagt, daß dieses Christus-Prinzip es so weit bringen wird, wie wir es haben beschreiben können. Jetzt wird die Erde reif, sich mit der Sonne zu vereinigen. Und das, was notwendig war, damit die Entwickelung nicht zu schnell vor sich geht, der Mond, der wird überwunden sein, den braucht der Mensch nicht mehr. Der Mond wird in seinen Kräften überwunden werden. Der Mensch kann sich in dieser Zeit mit der Sonne vereinigen. Er wird in der vergeistigten Erde drinnen leben und zu gleicher Zeit verbunden sein mit der Kraft der Sonne, und er wird der Überwinder des Mondes sein. Das wird, indem es geschaut wird, dargestellt durch diese symbolische Figur des fünften Siegels: das Weib, das die Sonne in sich trägt und den Mond zu ihren Füßen hat. Wir sind an dem Zeitpunkt angekommen, da der Mensch vergeistigt ist, da der Mensch sich wiederum mit den Kräften der Sonne verbindet, da Erde und Sonne ein Körper ist und die Mondenkräfte überwunden sein werden. (Siehe das fünfte Siegelbild.)“ (Lit.:GA 104, S. 185f)

„Wenn die siebente Posaune erklingt, wird es wie eine Art Seligkeitszustand über die Menschheit kommen. Damit kommen wir zur Wiederholung des Zeitpunktes der Trennung der Sonne von der Erde: der Mensch wird mit der Erde soweit sein, sich wieder mit der Sonne zu vereinen. Die Erde wird in das übergehen, was man den astralen Zustand nennt. Die Menschen, die dann fähig sind, im Astralen zu leben, heben den feinen Teil der Erde heraus und vereinigen sich mit der Sonne. Der grob gebliebene Teil der Erde wird sich mit dem Monde vereinigen und eine Art neuen Mond bilden. Es wird wieder eintreten eine Art des Zustandes wie in der hyperboräischen Zeit, doch auf höherer Entwickelungsstufe. Das wird charakterisiert durch das mit der Sonne bekleidete Weib, das den Mond zu ihren Füßen hat.“ (Lit.:GA 104a, S. 116f)

In seinen Vorträgen über die Apokalypse des Johannes, die Rudolf Steiner 1924 für die Priester der Christengemeinschaft gehalten hat, beschrieb er dieses Bild und seine vielfältigen Bedeutungen sehr ausführlich. Er setzte es dabei in enge Beziehung zur Menschenweihehandlung, die mit dem wahren Sinn der gesamten Erd- und Menschheitsentwicklung zusammenhängt, durch die der Mensch durch die Kommunion mit dem Christus sein freies, von der Christuskraft erfülltes Ich entwickeln soll. Genauer besehen beginnt diese Entwicklung erst in der atlantischen Zeit. Die drei vorangegangen Hauptzeitalter der physischen Erdentwicklungen - die polarische Zeit, die hyperboräische Zeit und die lemurische Zeit - waren nur die in der physisch-ätherischen Welt ablaufenden Wiederholungen der drei früheren planetaren Zustände, die der eigentlichen Erdentwicklung vorangegangen waren.

Das imaginative Bild der mit der Sonne bekleideten Frau, die in sich das Christuskind gebiert, wurde erstmals schon in der atlantischen Zeit geschaut, als der Mensch das Göttlich-Geistige noch unmittelbar in dem Fest-Flüssigen Element erlebte, das ihn umgab. Die griechisch-lateinischen Zeit, in deren erstes Drittel das Erdenleben des Christus fällt, war in gewisser Weise eine Wiederholung der atlantischen Zeit auf seelischer Ebene. Damals schaute man dasselbe Bild im Flüssig-Luftförmigen.

„In der alten Atlantis sah man das Geistige physisch. Nun folgte auf Atlantis die nachatlantische Zeit mit ihren sieben Zeiträumen. Die Wiederholung des Atlantischen, die Wiederholung dessen, was physisch vorgegangen ist in der Atlantis, ging in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum seelisch vor sich. Jene mächtigen Erschütterungen, von denen ich gesprochen habe: Den Jahren 333, 666, die seelische Erschütterungen in der Entwickelung der Menschheit sind, entsprechen durchaus physische Erschütterungen in der atlantischen Zeit. Und die Seher des griechisch-lateinischen Zeitalters spürten durchaus, daß, wenn sie so etwas sahen wie die Offenbarungen im Flüssig-Luftförmigen, sich in ihren Seelen etwas zeigte wie eine Wiederholung früherer Erdzustände, die damals im Physischen verliefen. Es war das Bewußtsein dafür schon vorhanden, wenn auch in jenem herabgedämpften Zustande, wie das Bewußtsein damals überhaupt war. Aber in all dem, was da lebte in solchen Schulen wie zum Beispiel in der Schule von Chartres, die ich jetzt in den anthroposophischen Vorträgen erwähnte, da lebten durchaus noch solche Darstellungen, die zeigen, wie das seelische Erleben dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes eine seelische Wiederholung des dichteren physischen Erlebens und Geschehens in der atlantischen Zeit war.“ (Lit.:GA 346, S. 171f)

Heute, im Bewusstseinsseelenzeitalter, kann dieses imaginative Bild geistig mit der vollen Klarheit des Gedankenlebens im luftförmig-feurigen Element geschaut werden. Darauf zielte schon die viel zitierte Aussage Rudolf Steiners aus seinen Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1884 - 1897): «Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen» (Lit.:GA 1, S. 125f)

„Und jetzt stehen wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Das unmittelbare seelische Erleben im Luftförmig-Flüssigen ist erloschen. Aber, man möchte sagen, wie durch eine Art Katastrophe, mit der der fünfte, der nachatlantische Zeitraum begonnen hat, bereitet sich ja zunächst die weitere Entwickelung der Bewußtseinsseele der Menschheit vor. Wir stecken immer noch ein wenig im Chaos dieser Entwickelung der Bewußtseinsseele in bezug auf die äußere Zivilisation. Aber gerade der Anbruch des Michaelzeitalters soll in dieses Chaos ordnende Anschauung bringen. Diese Anschauung, sie wird darin bestehen, daß, so wie Erinnerungen in den Menschen heraufkommen, ganz geistig - nicht mehr wie in der atlantischen Zeit physisch, in der griechisch-lateinischen Zeit seelisch, sondern ganz geistig - Bilder auftauchen werden, etwas wie gedankliche Fata-Morgana-Bildungen, namentlich nach der Erscheinung des ätherischen Christus. In den Gedanken der Menschen werden innerlich eine Art von inneren Fata-Morgana-Bildern auftauchen, die einen visionären Charakter haben, die aber im Zeitalter der Bewußtseinsseele vollständig bewußt sein werden. Und so wie man in der Wüste, durch die Wärme der Luft bewirkt, die Fata Morgana sieht - sie wird ja durch die Wärme der Luft bewirkt -, so wird der menschliche Gedanke getragen werden zum Verständnis desjenigen, was luftförmig-feurig, luftförmig-wärmeartig ist.

Wir können sagen: In der atlantischen Zeit nimmt der Mensch das Göttliche wahr im Fest-Flüssigen, das heißt mehr in der äußeren physischen Materie, im vierten nachatlantischen, im griechisch- lateinischen Zeitraum, nimmt der Mensch das Geistige wahr in den wunderbaren Gebilden des Flüssig-Luftförmigen, und jetzt - also im fünften nachatlantischen Zeitraum, wo es die Bewußtseinsseele wahrnehmen wird - werden wir erleben, wie immer mehr und mehr im Bewußtsein auftauchen wird dasjenige, was luftförmig-feurig, was luftförmige Wärme ist; das wird vor dem Menschen in gewaltigen geistigen Bildern dasjenige aufsteigen lassen, was die Griechen seelisch erlebt haben und was die Bewohner der Atlantis physisch erlebt haben.

Ein Zeitraum steht also in der Menschheitsentwickelung bevor, in dem mit der Klarheit der Gedanken Visionen über die Erdenvorzeiten und über die Herkunft des Menschen und alles, was damit zusammenhängt, auftauchen werden. Die darwinistische Anschauung, die ganz und gar aus reinen Schlußfolgerungen heraus den Menschen eine niedere Abkunft gab, geht voran der Entwickelung des inneren Anschauens, der Entwickelung der wunderbaren Imaginationen, die aus der menschlichen Innenwärme, verbunden mit dem Atemprozeß, wie konkrete, kolorierte, inhaltsvolle visionäre Gedanken auftauchen werden. Der Mensch wird wissen, was er war, indem er zuerst wie in einer Spiegelung schauen wird in den griechisch-lateinischen Zeitraum, und dann dahinter, was da war in der Atlantis.

Sehen Sie, meine lieben Freunde, dieses Schauen, das geht uns eigentlich recht unmittelbar an, weil es in der nächsten Epoche der Menschheit eintreten wird; dieses Schauen ist dasjenige, wo wir, weil es uns so naheliegt, geradezu den Apokalyptiker im Herzen schauen. Denn das Schauen, das unmittelbar bevorsteht, ist das, was er in dem Bilde andeutet: Das Weib, mit der Sonne bekleidet, den Drachen unter ihren Füßen, ein Knäblein gebärend (Off 12,1 LUT).

Durch das, was in diesem Bilde sich ausdrückt, werden in der Tat viele Menschen sehend werden noch im Laufe dieses Jahrhunderts. Von diesem Bild strahlt vieles aus, das den Menschen ein Verständnis bringen wird. Zunächst leuchtet dieses Bild zurück in das griechisch-lateinische Zeitalter, wo auf seelische Art sich vorbereitet hat das Verständnis für die Gestalt des Bildes, wie es in der nächsten Zukunft erscheinen wird. Es hat die mannigfaltigsten Formen angenommen: Isis mit dem Horuskind, die Christus- Gebärerin mit dem Christus-Kind; diese Dinge haben wunderbar tief gerade im griechisch-lateinischen Zeitalter gelebt in vielen Metamorphosen, die noch traditionell erhalten sind.

In der nächsten Zukunft werden die Menschen zurückschauen auf die Art des Schauens, wie die Menschen des vierten nachatlantischen Zeitraumes in den Wolken, das heißt im Luftförmig-Flüssigen dieses Bild gesehen haben. Und weiter wird zurückgeschaut werden auf dasjenige, was in den physischen Vorgängen der Atlantis lebte. Es wird geradezu so sein, wie wenn dieses Bild des sonnebekleideten Weibes, das ein Knäblein gebiert und den Drachen unter seinen Füßen hat, wie durch eine Art geistiges Fernrohr, eine Art Okular hinwiese auf eine weit zurückliegende Zeit, in der das Irdisch-Physische zusammenhing mit dem Überirdisch-Kosmischen. Es war dazumal ein viel innigerer Kontakt, der sich zwischen Erde und Planetenwelt und Sonnenwelt abspielte.

Denn sehen Sie, wir wissen ja: In der Zeit, als sich die alte Saturnzeit wiederholte, da war in der Erdenentwickelung viel von der Eigentümlichkeit des alten Saturns, wenn auch in einem verdichteten Zustand. Als der zweite Zeitraum in der Erdenentwickelung die Wiederholung der alten Sonnenzeit brachte, trennte sich die Sonne von der Erde, die während der Saturnentwickelung noch mit ihr verbunden war, und mit ihr alle Wesen, die zur Sonne gehörten. In der dritten Zeit der Erdenentwickelung, der lemurischen, trennte sich auch der Mond von der Erde, so daß diese Dreiheit: Erde, Sonne und Mond, die nächste irdische Realität ist. Wie die Planeten dazukamen, finden Sie in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft» charakterisiert. Aber wir müssen dann hinblicken auch auf alle die Vorgänge, die ich geschildert habe in bezug auf das Wiederzurückkommen der Menschenseelen während der atlantischen Zeit. Das sind Erdenvorgänge, von der Erdenperspektive aus gesehen.

Wir wollen jetzt noch ein anderes hinzufügen. Sehen Sie, meine lieben Freunde, seit dem Mysterium von Golgatha wurde von denjenigen, die als Initiierte die Weltengeheimnisse erfaßten, der Christus als das Sonnenwesen angesehen, das vor dem Mysterium von Golgatha mit der Sonne verbunden war. Die Mysterienpriester der vorchristlichen Zeit sahen zur Sonne hinauf, wenn sie sich mit dem Christus verbinden wollten. Christus ist seit dem Mysterium von Golgatha Erdengeist geworden. Im Erdenleben, im Erdenwirken haben wir ihn zu suchen: Christus, den Sonnengeist. Die ihn schauen wollten, die mit ihm Gemeinschaft haben wollten vor dem Mysterium von Golgatha, mußten sich zur Sonne erheben.

Dieser Sonnengeist, den wir in der Art, wie er zur Erde gekommen ist, durchaus zu Recht als ein männliches Wesen ansprechen, der ist in dieser Form - obwohl ähnliche Ereignisse auch für frühere Zeiträume geschildert werden können, wie ich es wiederholt getan habe - glänzend geschildert im Gesichte des Apokalyptikers, in jener tiefen Schauung, jener Vision, die unmittelbar, wie materiell, in der Mitte des atlantischen Zeitraumes in glänzender physischer Erscheinung dasteht. Nach diesem Zeitpunkt sahen die Mysterienweisen, wenn sie hinauf zur Sonne sahen, in der Sonne den Christus sich heranentwickeln und reif werden, bis zu dem Punkte, wo er durch das Mysterium von Golgatha gehen konnte. Sahen sie hin zu jenem Punkt der Entwickelung in der atlantischen Zeit, so sahen sie in dieser atlantischen Zeit eine Geburt sich vollziehen im Kosmos draußen innerhalb der Sonne.

Die Priester, die in der Mitte der atlantischen Zeit die Geburt des Christus als männliches Wesen in der Sonne sahen, sie sahen vorher in der Sonne ein weibliches Wesen. Das ist der bedeutungsvolle Umschwung, der sich vollzog in der Mitte der atlantischen Zeit, daß man vor der Mitte der atlantischen Zeit innerhalb der geistigen Sonnenaura das kosmische Weib sah, «das Weib, mit der Sonne bekleidet». Dies ist wirklich dasjenige, was dazumal dem Geschehen im Überirdischen, im Himmel entsprach: «das Weib, mit der Sonne bekleidet, das dann ein Knäblein gebiert». Es wird von dem Apokalyptiker richtig bezeichnet als die Geburt eines Knäbleins, das dieselbe Wesenheit ist, die dann durch das Mysterium von Golgatha ging und die früher andere Formen durchgemacht hat. Eine Art Geburt, die allerdings eine komplizierte Art von Metamorphose war, ging damals in der atlantischen Zeit vor sich. Man konnte sehen, wie die Sonne ihr Männliches, ihr Sohnhaftes gebar. Nun, was bedeutet das für die Erde? In der Mitte der atlantischen Zeit empfand man so etwas wie das Sonnendasein natürlich ganz anders als heute. Heute schaut man die Sonne so an, wie wenn sie eine Ansammlung von Kratern und brennenden Massen wäre; es ist das ein greulicher Anblick, den die heutigen Physiker beschreiben. Aber dazumal sah man so etwas, wie ich es jetzt beschrieben habe. Man sah wirklich das mit der Sonne bekleidete Weib, den Drachen unter ihren Füßen, ein Knäblein gebärend. Diejenigen, die so etwas sahen und verstanden, sagten sich: Das ist für den Himmel die Geburt des Christus, das ist für uns die Geburt unseres Ich - auch wenn dieses Ich erst viel später in das Innere des Menschen einzog.“ (Lit.:GA 346, S. 172ff)

Tafel 9

„Heute, wo wir in bezug auf das seelische Erleben solche Zärtlinge geworden sind, können wir gar nicht ermessen, wie wogend und stürmend die Seelenerlebnisse der Menschen in früheren Zeiten waren. Denn gegenüber dieser Tatsache, daß dem Menschen das Ich aus dem Kosmos geschenkt wurde, empfand der Mensch dazumal auf der Erde so, daß alles das, was seine frühere Natur gewesen war, nun eine andere wird. Früher war er ja im wesentlichen auf seinen astralischen Leib angewiesen, auf dasjenige, was im Astralischen lag, und das wirkte in dem Seelisch-Geistigen so, daß der Mensch während dieser alten Zeit die Vorstellung hatte: Hier (siehe Zeichnung auf Tafel 9, links) steht er, da oben ist die Sonne, das Ich ist noch nicht da, aber von der Sonne wirkt herunter das Astralische. Der Mensch trägt von der Sonne den astralischen Leib in sich, den astralischen Leib, der noch nicht durch das Ich beherrscht wird, der innerlich noch zwar verfeinerte, aber tierähnliche Emotionen trägt. - Jetzt ist er ein ganz anderer Mensch geworden, der Ich-Gewordene, der vorher nur von dem astralischen Leib durchsprudelt war. Das alles kam von der Sonne her.

Nun stellen wir uns einmal vor das Auge - ich will es ganz schematisch zeichnen (Tafel 9, unten links) -, wie das Bild, das Sonnenbild der ältesten atlantischen Zeit, durchdrungen war mit lebendigem Lichtschein, der sich sprudelnd in der unteren Hälfte des Sonnenwesens bewegte. Da heraus wird oben etwas geboren, man fühlte unbestimmt etwas von dem Antlitz hier. Da drunten im Sonnenwesen fühlte der Mensch den Ursprung dessen, was im eigenen astralischen Leib als Emotionen brodelte, aber auch alles dasjenige, was dem Menschen überhaupt sein seelisches und geistiges Wesen gab. Die nächste Phase, wie man die Sonne später gesehen hat, würde diese gewesen sein (siehe Tafel 9, unten Mitte): Deutlich sich herausschöpfend, das Antlitz klarer werdend, die Figur eines Weibes annehmend, noch undeutlich dasjenige, was dem Menschen bringen soll die Beherrschung durch das Ich. Immer kleiner wird der Raum, dasjenige, was sich da unten tierisch windet; endlich kommt die Zeit, wo eben das Weib da ist in der Sonne, das Knäblein gebiert, und unter den Füßen des Weibes nun dasjenige, was früher da war (Zeichnung), also wo das Ichgebärende Weib von der Sonne aus das Bild zeigt, den Drachen zu beherrschen: die astralische Welt der früheren Epoche, die jetzt unter ihren Füßen ist.

Da begann dazumal in der Sonne der Streit Michaels mit dem Drachen, und der führte dazu - das sah man durchaus in physischer Erscheinung -, daß alles dasjenige, was da in der Sonne war, sich langsam zur Erde hinbewegte und Erden-Ingredienz wurde, Erdeninhalt wurde, dadurch den Menschen nun in seinem Unbewußten beherrschend, während in sein Bewußtsein immer mehr einzog das Ich.

Das, was da kosmisch vorging im atlantischen Zeitalter, das hatte sein mythologisches Gegenbild im griechisch-lateinischen Zeitalter. Das frühere Bild der Isis mit dem Horuskinde, das dann das Bild der Jungfrau mit dem Jesusknaben wurde, das wird von der Menschheit rückschauend als Vision erlebt werden können im nächsten Zeitalter, das uns unmittelbar bevorsteht. Der Mensch wird in diesem Bilde das sonnenbekleidete Weib sehen, das den Drachen unter den Füßen hat, der von Michael auf die Erde geworfen wurde, so daß er nicht mehr im Himmel zu rinden ist. Dieses Bild, das sich dann verwandeln wird, wird erscheinen in dem Zeitalter, wo der Drache los sein wird und wo dasjenige eintritt, was ich Ihnen gestern beschrieben habe. Es ist tatsächlich so, daß der Menschheit ein vertieftes Schauen der Erdenvorzeit, des Menschheitsursprunges und zugleich ein ätherisches Schauen der Christus-Wesenheit bevorsteht, denn im Michaelzeitalter wird dasjenige eintreten, worauf der Apokalyptiker hindeutet, wenn er davon spricht, daß Michael das Drachengetier herabgeworfen hat auf die Erde, wo es in der Menschennatur wirkt. Aber Michael wird sich wiederum kümmern um dasjenige in der Menschennatur, was er da als das Drachengetier herabgeworfen hat.

Stellen wir uns lebhaft vor, meine lieben Freunde, wie das ist. Man wird wieder hinschauen in die atlantische Zeit. Der Apokalyptiker tut es voraus, er hat die Vision des sonnenbekleideten Weibes, das das Jesusknäblein gebiert und den Drachen unter den Füßen hat. - Dieses Bild wird immer schwächer und schwächer, je mehr die atlantische Entwickelung vorrückt. Und am Ende der atlantischen Entwickelung tritt ein, daß sich aus dem Meere erheben die neuen Kontinente, die Kontinente, welche die Kräfte enthalten, durch die die Menschen der nachatlantischen Zeit in ihre verschiedenen Verirrungen gekommen sind. Aus dem Meere steigt es auf, das Tier mit den sieben Köpfen (Apk. 13, 1) und siebenfaches Land steigt aus dem Meere empor, den Menschen hinunterziehend durch das, was aus seinen Emotionen geistig von der Erde ausdünstet.

In der Form dieses aus dem Meere heraufsteigenden siebenköpfigen Tieres erscheint ja auch dem Apokalyptiker die atlantische Katastrophe, und es wird wieder erscheinen in der Zukunft, wenn dasjenige, worauf der Apokalyptiker hindeutet, in dem Michaelischen Zeitalter wieder eintritt. Es sind durchaus reale Vorgänge, von denen der Apokalyptiker spricht, die uns sehr angehen in bezug auf das geistige Leben der Menschheit. Und gerade das, was hier in diesem Bilde ist, hängt zusammen mit der Wesenheit des Christus.

Wir leben einem Zeitalter entgegen, wo in der Tat wiederum gesehen werden wird, wie im Irdischen der Geist lebt, wo also auch die geistigen Vorgänge der Transsubstantiation vor der Menschenseele werden auftreten können. Dann wird gerade in der Transsubstantiation erscheinen der irdische Abglanz desjenigen, was sich in Himmelsregionen so vollzogen hat, daß das, was seit der Mitte der atlantischen Zeit geschehen ist, ein kleiner Ausschnitt dessen ist, und was alles zusammenhängt mit der Wesenheit des Christus. Da wird man verstehen, wie eben eine solche Metamorphose, wie sie in der Transsubstantiation sich vollzieht, möglich ist, wenn man in demjenigen, was heute physisch und chemisch ist, überhaupt nur eine Episode sehen wird und auch die Transsubstantiation auf ganz etwas anderes und nicht nur auf das scheinbar Materielle beziehen wird.

So dürfen wir schon vertiefen unser Gedenken an die erste Menschenweihehandlung vor zwei Jahren, dieses Gedenken an das wahrhaftig vom Himmel Heruntersteigende, vom Himmel Herunterscheinende der atlantischen Zeit, an das in den Wolken Erscheinende der griechisch-lateinischen Zeit, an den auf Erden wandelnden, von den Menschen in ihren Visionen begriffenen Christus, den in unserem Zeitalter ätherisch auf Erden wandelnden, aber von den Menschen in Imaginationen, in Visionen begriffenen Christus. In der Transsubstantiation ist der Christus anwesend und wird den Menschen immer mehr gegenwärtig sein. In den Vorgängen, die ich heute beschrieben habe, liegen die Wege, in denen der Christus allmählich den Erdenentwickelungsgeschehnissen innewohnend wurde.“ (Lit.:GA 346, S. 176ff)

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Nach Rudolf Steiner handelt es sich hier um einen Schreibfehler; tatsächlich sei nicht die Zahl 1260, sondern vielmehr die Zahl 2160 gemeint, die genau einem Zwölftel des platonischen Jahres bzw. der Dauer einer Kulturepoche entspricht:

    „Nun, es war wirklich für mich lange Zeit eine außerordentlich beschwerliche Crux, gerade an der Stelle mit der Apokalypse zurechtzukommen, von der ich jetzt spreche. Denn da wird von dem Apokalyptiker angegeben, daß er weissagt: 1260 Tage. In Tagen spricht man oft, wenn eigentlich Jahre gemeint sind. Aber wie kommen wir da beim Apokalyptiker auf die Zahl 1260? Es bedurfte schon eingehender Forschung, um dahinter zu kommen, daß diese 1260 Tage (Off 11,3 LUT und 12,6 LUT) - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck - ein wirklicher Druckfehler in den Überlieferungen der Apokalypse sind. An der Stelle soll es heißen «2160 Tage», dann stimmt es mit dem, was man auch heute sehen kann. Es ist sehr leicht möglich, daß irgend einmal in einer Schule, wo die Überlieferung besorgt worden ist, gerade weil man sehr viele Zahlen beim Schauen in Spiegelbildern sieht, eine Undeutlichkeit entstanden ist.“ (Lit.:GA 346, S. 204f)