Osirismythos

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Der Osirismythos ist eine Erzählung aus der altägyptischen Mythologie, die über die Ermordung des Osiris durch seinen Bruder Seth und die Bemühungen seiner Gemahlin und Schwester Isis berichtet. Der Mythos ist sehr alt und reicht wenigstens bis in das Jahr 4241 v. Chr. zurück, das noch vor dem Beginn der eigentlichen ägyptisch-chaldäischen Kulturepoche (2907 v. Chr.) und vor dem Anbruch des finsteren Zeitalters Kali-Yuga (3101 v. Chr.) liegt. Deutlich ausgeformt wurde der Osirismythos im Alten Reich (ca. 2707–2216 v. Chr.). Eine sehr viel spätere, aber sehr bekannte Variante wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. von Plutarch überliefert (Lit.: Dietzfelbringer, S. 55f).

Die Osirislegende

Die Ermordung des Osiris

Nach Osiris Heimkehr entsann Seth eine Hinterlist um ihn zu ermorden. Er heuerte 72 Männer als Mitverschwörer an und darüber hinaus die Königin Aso ("die Helferin") von Nubien. Seth ließ einen Sarkophag anfertigen, nachdem er die Maße von Osiris genommen hatte. Auf einem Gelage bot er im Scherz dem den Sarg, der genau hineinpasste. Nachdem alle anderen Gäste vergeblich versucht hatten in den Sarg zu passen, versuchte es auch Osiris. Als er im Sarg lag, verschlossen die 72 Männer den Sarg und versiegelten ihn mit Blei. Daraufhin ließ Seth ihn in den Nil werfen.

Die Zahl 72 ist dabei von hoher realsymbolischer Bedeutung, vornehmlich in der jüdisch-christlichen Tradition, die ihrerseits wesentlich von der ägyptischen Religion beeinflusst wurde. Sie spiegelt die kosmischen Verhältnisse wider, die für die Entwicklung des einzelnen Menschen und für die Menschheitsentwicklung insgesamt entscheidend sind. 72 Jahre währt die kosmisch bestimmte durchschnittliche Lebensdauer des Menschen, wobei 72 * 360 = 25920 etwa die Länge des Platonischen Weltenjahres ist. 72 Jahre entsprechen damit ziemlich genau einem Tag des großen Weltenjahres. Ein Zwölftel dieses Weltenjahres, also 2160 Jahre, ergibt die Dauer einer Kulturepoche, die damit einem Weltenmonat mit 30 Weltentagen entspricht (72 * 30 = 2160). Überdies ist 72 die Zahl der Namen Gottes in der jüdischen Kabbala.

„In Wahrheit ist die Isis-Sage der bildliche Ausdruck für eine tiefe Wahrheit. Welches sind die Zeiten, in welchen Osiris über die Menschen geherrscht hat? Das sind keine andern Zeiten als diejenigen, in welchen die Menschen noch geistig-seelische Wesen waren, wo sie noch in der geistig-seelischen Welt weilten unter solchen Wesen, die ihnen gleich, also auch geistig-seelischer Wesenheit waren. Wenn also von dem Reich des Osiris gesprochen wird, so ist damit nicht das physische Reich gemeint, sondern ein Reich der Vergangenheit, in dem der Mensch als eine geistig-seelische Wesenheit waltete. Und mit dem feindlichen Bruder des Osiris ist jene Wesenheit gemeint, die den Menschen umgeben hat mit dem physischen Leibe, die einen Teil seines geistig-seelischen Wesens zum physischen Leibe verdichtet hat. Nun sehen wir, wie der einstmals rein geistige Osiris hineingelegt wird in einen Kasten. Dieser Kasten ist nichts anderes als der physische Menschenleib. Weil aber Osiris eine Wesenheit ist, die ihrer ganzen Natur nach nicht hinuntersteigen kann bis in die physische Welt, die in der göttlich-geistigen Welt verbleiben soll, so ist das Hineinlegen in den Kasten - den menschlichen Leib - für Osiris gleichbedeutend mit dem Tode. Es wird hier also dargestellt in weiterem Sinne der Übergang von jenem geistig-seelischen Reiche zu der physischen Entwickelungsepoche der Menschheit. In dieses physische Reich konnte Osiris nicht hinein, da starb Osiris für die äußere physische Welt und wurde der König in demjenigen Reiche, das die Seele betritt, wenn sie aus der physisch-sinnlichen Welt fortgeht oder wenn sie die hellseherischen Kräfte entwickelt.“ (Lit.:GA 57, S. 392f)

Während der Einbalsamierung spielten die Ägypter insbesondere diesen Teil des Mythos für jeden Toten nach, obwohl im Normalfall der Tod nicht durch Ermordung eintrat. Da es jedoch im mythischen Denken keinen natürlichen Tod gibt, setzte man das gewaltsame Ende des Lebens allgemein mit einer Ermordung gleich. Auf dieser mythologischen Grundlage basierte ebenso die Erzählung von der Ermordung des Osiris durch Seth.

Seths zweiter Versuch und die Wiederbelebung

Als Isis von dieser Schandtat erfuhr, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Gemahl. Der Sarkophag war unterdessen bis nach Byblos getrieben, wo er von einem Akazienbaum umwachsen wurde. Dieser Stamm wurde als Pfeiler für ein Gebäude am Hofe des Königs verwendet. Isis erfuhr auch das und konnte den Sarg bergen. Seth erfuhr von Isis' Fund, raubte den Sarkophag und zerstückelte die darin liegende Leiche. Der Nil verteilte die Leichenteile des Osiris über das ganze Land.

Isis suchte und fand die Leichenteile des Osiris. Daraufhin setzte sie Osiris mithilfe von Anubis wieder zusammen, um ihn wiederzubeleben. Nachdem Anubis die Organe in die Kanopen verstaut hatte, benutzte Isis ihre Magie und versuchte, mit Flügeln dem Toten das Leben einzuhauchen. Sie verwandelte sich zum Milan (habichtartiger Greifvogel) und konnte so Horus empfangen. Osiris blieb in der Duat und wurde durch das Totengericht zum Herrscher über das Totenreich erklärt.

Der mythologische Hintergrund in diesen Handlungen ist in der ägyptischen Zweitbestattung zu sehen. Nachdem der Tod eingetreten war und der Tote vor der Mumifizierung bei seinem Erstbegräbnis in den Sarkophag gelegt wurde, folgte die siebzigtägige Einbalsamierung. Damit verbunden symbolisierte die Suche der Isis die Entnahme der wichtigsten Körperorgane mit der anschließenden Wiedervereinigung mit der Mumie. Ergänzend folgte die rituelle Reinigung des toten Körpers, um ihn auf das Weiterleben in der Duat vorzubereiten. Die Empfängnis der Isis und Geburt des Horus wird nur sehr selten in altägyptischen Texten erwähnt:

„Isis kommt jubelnd aus Liebe zu dir (Osiris), so dass dein Same in sie herauskomme. Horus, der aus dir hervorkommt in seinem Namen Horus, der in Sopdet (Sothis, Sirius) ist. Möge es wohl sein durch ihn in deinem Namen Geist in der Djendjeru-Barke. Horus hat dich beschützt in seinem Namen Horus, Schützer deines Vaters. Die (Isis) seinen Samen aufnahm und den Erben schuf, die das Kind säugte, man weiß nicht wo. Die Neunheit freute sich: Willkommen Sohn des Osiris, Gerechtfertigter, Sohn der Isis, Erbe des Osiris.“

Pyramidenspruch 366[1]

Die so vollzogene Errettung des toten zerrissenen Osiris übernahm Isis in ihrer Eigenschaft als liebende Schwester und Gattin. Isis verkörperte in der Todesheilung die belebenden Kräfte, die aus der familiären Liebesbeziehung entsprangen, weshalb das Bild der Isis sehr oft als Motiv auf Sargwänden verwendet wurde. Die wichtigste Waffe, die Isis gegen den Tod einzusetzen vermag, ist die Rezitation von Zaubersprüchen, die die Körperteile des toten Osiris wieder magisch zusammensetzen vermögen. Da der Sonnengott Re am Tag über das irdische Reich wachte, fungierte Osiris als Herrscher im Totenreich, der als Vater der Toten über sie gebietet und sich für die tägliche Wiedergeburt des Sonnengottes Re verantwortlich zeichnet. Jene Rolle des Sonnengottes hatte in der Frühzeit der ägyptischen Geschichte Horus inne, der in dieser Eigenschaft den Sohn des Osiris repräsentierte.

Der kosmisch-geistige Hintergrund der Osirislegende

„Erst in dem Augenblicke, als der Mond von der Erde fortging, wurde der Mensch fähig, ein Ich-Bewußtsein in seiner allerersten Anlage aufzunehmen, da begann er erst, sich sozusagen als ein besonderes Wesen zu fühlen. Vorher fühlte er sich im Schöße von anderen Wesenheiten. Und nun erst begann für ihn die Möglichkeit, äußeres Physisches in seinen ersten Anflügen mit dem Ich-Bewußtsein wahrzunehmen. Sie können sich sehr leicht klarmachen, daß dies äußere Sehen mit dem Ich-Bewußtsein zusammenhängt; denn solange man sich nicht von dem Äußeren unterscheiden kann, so lange ist man kein Ich. Die erste Fähigkeit, das erste Aufblitzen des Ich-Bewußtseins fällt deshalb zusammen mit dem öffnen der Augen nach außen. Das ist auch mit dem Hinausgehen des Mondes verknüpft. Früher, als der Mond noch mit der Erde verbunden war, leitete er in der Erde die Wachstumskräfte des einzelnen Menschen von der Geburt an bis zum Tode, so wie er es auch jetzt noch, aber von außen her, tut. Damit aber der Mensch nicht nur zwischen Geburt und Tod eingeschlossen sei, mußten von außen her diejenigen Kräfte kommen, welche von der Sonne hereinwirkten. Fortwährend war also mit der Erdentwickelung verbunden ein Zusammenwirken der inneren Mondenkräfte und der äußeren Sonnenkräfte. Und jetzt versuchen Sie sich recht lebhaft und genau vorzustellen, was da geschah.

Solange die Sonne schon abgespalten, der Mond aber noch mit der Erde verknüpft war, sah der Mensch in innerlichen Bildern die Wirkung der Sonnenkräfte; er spürte das Wohltätige der Sonnenkräfte, denn diese verbanden sich immer mit den Mondkräften innerhalb des Erdenkörpers, und das bewirkte den Menschen in seiner Konstitution; aber sehen konnte er die Sonnenkräfte nicht. Jetzt ging auch der Mond heraus. Der Mensch erhielt seine Sinne geöffnet, dadurch verschwand für ihn die Möglichkeit, das Seelisch-Geistige der Sonnenkräfte wahrzunehmen. Denken Sie sich den Moment, wo sozusagen die geistigseelische Wahrnehmung in Bildern entschwindet und die ersten Anfänge einer äußeren Anschauung der Sonne, eines wirklichen Sehens beginnen. Aber in Wahrheit konnte der Mensch die Sonne noch nicht sehen, denn die Erde war mit dichten Dämpfen bedeckt. Gegenüber dem früheren dumpf-hellseherischen Spüren dieser Sonnenkräfte wäre er jetzt in der Lage gewesen, die Sonne, wenn auch erst allmählich, äußerlich zu sehen, wenn sie ihm nicht durch die dunstige, dichte Atmosphäre verhüllt gewesen wäre. So ist also dem Menschen durch seine Höherentwickelung die wohltuende Wirkung der Sonne entschwunden. Die alten Ägypter, indem sie sich an diesen Zustand erinnerten, nannten die Kräfte der Sonne, die reinen Strahlen, die der Mensch einst im dumpfen Hellsehen wahrnahm, Osiris. Dieses Wahrnehmen des Osiris verschwand, und durch die Wolkenhülle war auch ein äußerliches Wahrnehmen noch nicht möglich: tot war, was der Mensch früher gesehen hatte. «Der Gegner Typhon hat den Osiris getötet», und diejenigen Kräfte, die als Mond herausgegangen waren, die zwischen Geburt und Tod wirkenden Kräfte, sie suchten jetzt sehnsüchtig den alten Osiris.

Und nach und nach verzog sich der Nebel; freilich lange, lange Zeiten dauerte das, bis hinein in die spätatlantische Zeit. Und der Mensch fing an, die Sonne wiederum zu sehen, aber nicht mehr wie früher, wo er in einem gemeinsamen Bewußtsein war, sondern in jedes einzelne Auge fielen die Strahlen der Sonne, als der Mensch die Sonne nun sah: der zerstückelte Osiris.

Da haben wir einen gewaltigen kosmischen Vorgang. Und während wir verkörpert waren in der alten ägyptischen Zeit, haben wir ihn in der Wiederholung erkannt. Das war es, was die ägyptischen Priesterweisen ursprünglich im Sinne hatten, und sie kleideten es in ein Bild. Sie sagten: Damals, als der Mond und die Sonne zuerst draußen standen, da war der Mensch in der Mitte, wie im Gleichgewicht gehalten von den Sonnen- und Mondenkräften. Früher gab es noch keine geschlechtliche Fortpflanzung, es wirkte dasjenige, was man eine jungfräuliche Fortpflanzung nennt. Diejenigen Kräfte, die unsere Erde beherrschten, gingen über aus dem Zeichen der Jungfrau durch die Waage, die Gleichgewichtslage, in das Zeichen des Skorpions; daher sagte der ägyptische Priester weise: Als die Sonne im Zeichen des Skorpions stand, als die Erde in der Waage war und die Strahlen als Stachel wirkten, indem sie die Sinnesorgane durchstachen - dieses Eintreten der äußeren Gegenständlichkeit, das ist der Skorpionstachel, der trat als etwas Neues auf gegenüber der alten jungfräulichen Fortpflanzung -, da wurde Osiris getötet. Und da tritt das Suchen, die Sehnsucht der Menschheit nach der alten Kraft, nach der Anschauung des Osiris ein.

Sie sehen, wir dürfen nicht bloß irgend etwas Astronomisches suchen in einem solchen Mythos wie die Osirissage, sondern wir müssen in ihm erblicken das Ergebnis tiefer, hellseherischer Einsicht der alten ägyptischen Priesterweisen.“ (Lit.:GA 105, S. 75ff)

Literatur

Einzelnachweise

  1. Jan Assmann: Tod und Jenseits im alten Ägypten. S. 33.


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