Tat Tvam Asi

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Tat Tvam Asi

Tat Tvam Asi (Sanskrit: तत् त्वम् असि oder तत्त्वमसि; "Das bist Du") ist eines der großen Worte der indischen Vedantaphilosophie und verweist auf die ursprüngliche Identität des eigenen Selbst mit dem Urgrund des Daseins, von Atma und Brahman, wie sie im Zustand der Erleuchtung (Moksha) in der mystischen Vereinigung erfahren werden kann. Erstmals erwähnt wird das Tat Tvam Asi im Chandogya Upanishad 6.8.7 (ca. 6. Jh. v. Chr.) im Dialog zwischen Uddalaka und seinem Sohn Shvetaketu, in dem dieser über das Seiende und seine Entfaltung zur Welt belehrt wird. Im Schlaf, so erfährt Shvetaketu, vereinigt sich der Mensch mit dem Seienden, allerdings unbewusst, denn vom bewussten Manas tritt er hinüber in das unbewusste, aber lebendige Prana. Mit dem Tod geht dann auch Prana über in die Glut und diese in die höchste Gottheit, in deren Feinheit und Unerkennbarkeit, vergleichbar dem Nirvana (skrt., n., निर्वाण, nirvāṇa, "Ver-wehen") bzw. dem Ain Soph (hebr. אין סוף nicht endlich), die wahre und fundamentalste Wirklichkeit gegründet ist: das ist Atma und das bist du!

1. Uddalaka Aruni sprach zu seinem Sohne Shvetaketu: „Lass dir von mir, o Teurer, den Zustand des Schlafes erklären. Wenn es heißt, dass der Mensch schlafe, dann ist er mit dem Seienden, o Teurer, zur Vereinigung gelangt. Zu sich selbst ist er eingegangen, darum sagt man von ihm „er schläft“ (svapiti), denn zu sich selbst eingegangen (svam apita) ist er. –

2. Gleichwie ein Vogel, der an einen Faden gebunden wurde, nach dieser und jener Seite fliegt, und nachdem er anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, sich an der Bindungsstelle niederlässt, so auch, o Teurer, fliegt das Manas nach dieser und jener Seite, und nachdem es anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, so lässt es sich in dem Prana nieder, denn der Prana, o Teurer, ist die Bindungsstelle des Manas.

3. Lass dir von mir, o Teurer, den Hunger und den Durst erklären. Wenn es heißt, ein Mensch hungert, so kommt das, weil die Wasser das von ihm Gegessene hinwegführen (ashitam nayante). Und wie man von einem Kuhführer, Rossführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Wasser als „Nahrungsführer“ (asha-naya = Hunger). Hierbei erkenne dieses (den Leib), o Teurer, als den daraus entsprungenen Schössling: derselbe wird nicht ohne Wurzel sein;

4. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in der Nahrung? Und in derselben Weise, o Teurer, gehe von der Nahrung als Schössling zurück zu dem Wasser als Wurzel, von dem Wasser, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

5. Ferner, wenn es heißt, ein Mensch dürstet, so kommt das, weil die Glut das von ihm Getrunkene hinwegführt. Und wie man von einem Kuhführer, Rossführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Glut als „Wasserführer“ (uda-nya = Durst). Hierbei erkenne dieses (den Leib), o Teurer, als den daraus entsprungenen Schössling; derselbe wird nicht ohne Wurzel sein;

6. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in dem Wasser? Von dem Wasser, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

Wie aber, o Teurer, von diesen drei Gottheiten, wenn sie in den Menschen gelangen, jede einzelne dreifach wird, das ist vorher auseinandergesetzt worden.

Bei diesem Menschen, o Teurer, wenn er dahinscheidet, geht die Rede ein in das Manas, das Manas in den Prana, der Prana in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit. –

7. Was jene Feinheit (die "Unerkennbarkeit", d.h. die Subtilität, die eigentliche geistige Substanz, als das zugrunde liegende Seiende (sat), in der die angesprochene rätselhafte Erscheinung wurzelt) ist, ein Bestehen aus dem (aitadâmyam = dieses als Wesen habend) ist dieses Weltall, das ist das Reale (sat-yam), das ist die Seele (Atma), das bist du, o Shvetaketu!“ - „Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!“ sprach er. – „So sei es“, sprach er. (Lit.: Deussen [1])

Die in der siebenten Strophe gegebene Formel (Sanskrit: sa ya' esho 'nimâ, aitadâtmyam idam sarvam, tat satyam, sa âtmâ, tat tvam asi, Shvetaketo!) kehrt in den folgenden Khandas (Unterkapiteln) des sechsten Prapathaka (Hauptkapitels) zum Zweck der meditativen Vertiefung immer wieder.

In den feinen Details wird das Tat Tvam Asi von den drei großen Schulen des Vedanta unterschiedlich interpretiert. Nach der Schule des Advaita-Vedanta bedeutet es die Identität des eigenen Selbst mit Brahman, während man im Vishishtadvaita davon ausgeht, dass des Selbst nur ein Teil des umfassenden Seins ist. Die Schule des Dvaita-Vedanta behauptet sogar, dass die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes 'Atat Tvam Asi' - "Das bist nicht Du" - gewesen sei.

Rudolf Steiner gab dazu folgende Erläuterungen:

"In der indischen Vedantaphilosophie wird besonders geübt ein Spruch, den sich die Mystiker immer wieder und wieder sagten. Dieser Spruch wird in den entsprechenden Sprachen überall geübt, und dieser Spruch heißt: Das bist du. - Wenn der Mystiker sich das immer und immer wieder sagt, so meint er damit, daß der Mensch wahrhaft nicht bloß das ist, was in seiner Haut physisch eingeschlossen ist. Der Mensch könnte nicht als Einzelwesen im Universum bestehen; er hängt zusammen mit Kräften und Daseinsstufen, die außerhalb seines physischen Leibes liegen, so daß, wo er auch hinsieht, eine Wirklichkeit ist, zu der er gehört. Und wie er selbst von dieser Wirklichkeit abgegliedert ist, so ist jeder andere Mensch von dieser Wirklichkeit abgegliedert. Da erlebt der Mensch, daß er im Grunde genommen nichts anderes ist als ein Blatt von einem großen Baume. Und dieser Baum bedeutet die Menschheit. Wie das eine Blatt verdorrt, wenn es vom Baume abfällt, so müßte der einzelne Mensch zugrunde gehen, wenn er sich trennen wollte von dem Baume der Menschheit. Aber das kann er ja nicht! Der physische Mensch weiß das nur nicht; auf dieser Ebene wird es ihm aber Wirklichkeit." (Lit.: GA 053, S. 157)

"Zunächst erlebt der Mensch seine Seele in seinem Inneren, indem er Lust und Leid, Freude und Schmerz erlebt. Dann aber gehen dieser Seele die Vorstellungen auf, welche wieder verschwinden. Es lebt da etwas auf, was den bloßen Sinnen verborgen ist. Was da in der Seele auflebt, hat der Mensch zunächst als den bloßen Gedanken in sich. Aber er verbindet im Laufe des Lebens diesen Gedanken mit seiner Seele. Er lernt fühlen und mitempfinden mit dem Geistigen und hat zuletzt das Geistige gern und liebt es, wie er vorher nur das Sinnliche gern und lieb gehabt hat. Die Begierde erstreckt sich schließlich über alles Geistige. Die Selbstsucht wird zu einer selbstlosen Liebe zum Unvergänglichen. In der Selbstsucht wird des Menschen Liebe in der Seele erfaßt. Aber indem wir sie tief im Inneren als Geist erfassen, wird uns klar, daß wir dieses Selbst in der ganzen übrigen Welt finden, daß wir verbunden sind mit der ganzen übrigen Welt und daß, wie wir aus dem Physischen geboren sind, es ebenso wahr ist, daß wir als Geist stündlich aus dem geistigen Universum, der geistig-göttlichen Welt heraus geboren werden. Suchen wir daher unser höheres Selbst, das wie ein Funke in uns vorhanden ist, dann werden wir das Geistige in der ganzen Umwelt sehen. Das ist die große Weisheitserkenntnis, welche die Vedantaphilosophie zusammengefaßt hat in dem Spruch: Tat tvam asi — Das bist du. - Wenn der Mensch seines Geistes sich bewußt ist und seine Entwickelung beginnt im Hinausschreiten in die Welt, dann erweitert sich sein Selbst zu dem Geiste des Universums, zu einem Geistselbst-Dasein, und wir sind dann unserer ureigenen Wesenheit nach überall. Dann wird für uns das, was bloßes Begreifen war, seelisch verwandter Inhalt, und das ist wirkliche Erhebung der Seele zum Geist, Erhebung in wirkliches geistiges Leben." (Lit.: GA 054, S. 76f)

Das hier von Steiner angesprochene Geistselbst-Dasein (Manas) hat seinen Ursprung in der fünften Region des Devachans, also dem untersten Gebiet des oberen Devachans, wo die Keimpunkte des Seelischen zu finden sind.

"In der fünften Region des Devachan findet der Mensch sein wahres Wesen. «Tat tvam asi - das bist du», das große Mittelpunktswort der Vedantaphilosophie, tönt ihm dort entgegen." (Lit.: GA 094, S. 146)

"Das höhere Selbst sind die höherentwikkelten Individualitäten. Der Mensch muß sich klar darüber sein, daß das höhere Selbst außer ihm ist. Wenn er es in sich suchte, würde er es nie finden. Er muß es bei denjenigen suchen, die den Weg schon gegangen sind, den wir gehen wollen. In uns ist nichts als unser Karma, das, was wir schon erlebt haben in früheren Inkarnationen. Alles andere ist außer uns. Das höhere Selbst ist um uns herum. Wenn wir uns ihm nähern wollen für die Zukunft, so ist es vor allen Dingen zu suchen bei denjenigen Individualitäten, die nächtlicherweile auf unseren Ätherkörper wirken können. Es ist im Universum; deshalb sagt der Vedantist: «Tat tvam asi» = Das bist du!" (Lit.: GA 093a, S. 153)

Aus anderer Perspektive betrachtet kann das Tat Tvam Asi auf das Urbild des physischen Leibes bezogen werden, das der ersten Region des Devachans angehört (siehe unten).

"Der Inder empfand: Ich stehe hier auf der Erde; ich als Mensch habe mich entwickelt durch lange, lange Zeiträume hindurch von dem ersten menschlichen Wesenskeim des alten Saturn bis herein zur Erdenzeit. Ich mußte in die dichte physische Materie heruntersteigen, um innerhalb dieser mir das Selbstbewußtsein zu erobern. Indem ich zu mir selber spreche, spreche ich von mir als einer Ich-Wesenheit. Ich war ein Genosse all der geistigen Wesenheiten, die da um mich herum sichtbar sind für den schauenden Blick von der ätherischen Welt aufwärts. Aus denen bin ich herausgewachsen nach unten und habe mich entsprechend verdichtet. Es finden sich alle, alle Vollkommenheiten der Menschen in diesen Welten, in die ich dahineinblicke; und nicht nur die, welche die Menschen haben; es finden sich dort auch Vollkommenheiten und Eigenschaften, welche die Menschen sich erst erringen müssen. Aber eines kann keine Wesenheit sich erringen, die nicht heruntersteigt zum physischen Plan. Es gibt ja noch andere hohe Vollkommenheiten im Weltenall, als die Erinnerung gerade eines menschlichen Bewußtseins; es gibt andere Arten des Bewußtseins. Um aber jene Eigenartigkeit des Bewußtseins zu entwickeln, die der Mensch auf der Erde entwickelt, dazu muß ein Wesen auf diese Erde heruntersteigen und durch eine Anzahl von Inkarnationen in dichter Materie verkörpert werden. Mögen daher, so sagte sich das indische Bewußtsein, diese geistigen Wesenheiten, in deren Welt ich hineinschaue, unendlich höhere Vollkommenheiten haben als die Menschen, die auf der Erde stehen: eines haben sie nicht in ihrer Welt, denn dazu war die Erdenwelt da, um es einer Wesensart, dem Menschen, zu geben; eines haben sie nicht: das menschliche Ich-Bewußtsein. So zu sich «Ich» zu sagen, wie es der Mensch tut, das ist nicht heimisch in diesen Welten, in die ich da hineinsehe. Ich bin selbst aus dieser Welt heraus; es lebt alles, was in dieser geistigen Welt da draußen lebt, auch in mir, nur summiert es sich in mir zu meinem menschlichen Ich-Bewußtsein. Daher hat es keinen Sinn, zu sagen: Da draußen in der geistigen Welt sei ein menschliches Ich-Bewußtsein. Das Wort Ich im menschlichen Sinne anzuwenden auf das, was da in diesen Welten ist, das hat keine Bedeutung, keinen Inhalt. Es kann nur ein Wort, welches ausschließt dieses Ich, angewendet werden auf all das, was sich geistig ausbreitet in der Umwelt, ein Wort, das von diesem Ich nicht berührt wird, welches man so gebraucht, daß man sagen kann: In dieser Welt ist alles, was in mir ist, aber ich darf das, was da draußen ist, nicht mit meinem Ich bezeichnen; ich muß es mit einem Wort bezeichnen, welches das Ich ausschließt.

Und das indische Bewußtsein nannte das, was da draußen sich ausbreitet, das «Tat», das «Das», im Gegensatz zum «Ich». Und um auszudrücken, daß der Mensch von derselben Wesensart ist, wie dieses «Tat», wie dieses «Jenes», wie dieses «Es» - daß er nur durch sein Heruntersteigen auf die Erde sich bis zum Ich entwickelt hat -, sprach er dieses Urteil aus: Ich bin dieses «Tat» - Du bist es [Tat twam asi]. Das da draußen, das bist du selbst. - So hat der Mensch seine Beziehung zur geistigen Umwelt, zu dieser schauenden Durchdringung unserer Welt im höchsten Sinne zusammengefaßt in die Worte: Es ist, aber das da draußen, das bist du selbst.

Aber es wußte diese alte indische Seele zu gleicher Zeit, daß dieselbe Wesenheit, die sich draußen ausbreitet, und die sie als «Tat» bezeichnete, auffindbar ist, wenn man in das eigene Innere hineinschaut, daß sie nur das eine Mal von außen, das andere Mal durch das Innere erscheint. Steige ich also in meine Seele hinunter, so finde ich dieselbe ursprungsgeistige Wesenheit, die ich draußen als «Tat» bezeichne. Dann aber stelle ich mich zu dem, was da drinnen in mir lebt als mein Urgrund, der verschleiert wird durch das physische Seelenleben, in richtige Beziehung, wenn ich das Urteil jetzt anders ausspreche, wenn ich sage statt: Das bist du selbst - Ich bin Brahman, Ich bin das All [Aham brahma asmi]. - Und die beiden Urteile: Das Es bin Ich und Ich bin das All, sagten im Grunde genommen, wenn man, sie zusammenstellte: Schaue ich hinaus in die Welt des «Tat», so finde ich eine geistige Welt; tauche ich unter in mein eigenes Seelenerlebnis, so finde ich eine geistige Welt; und die beiden sind eins. - Das war die Grundempfindung in der ersten Epoche der nachatlantischen Geisteskultur. Ganz einheitlich empfand man die beiden Geisteswelten." (Lit.: GA 113, S. 110ff)

"Heute ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß das «Tat tvam asi», das «Das bist du», als etwas unbestimmt Allgemeines aufzufassen sei, aber man muß sich etwas Bestimmtes darunter denken. Zum Beispiel beim Löwen muß der Mensch sich sagen: Das bist du! - So haben wir im warmblütigen Tierreich den kamarupischen Menschen vor uns ausgebreitet. Vorher bestand nur der reine Mensch: Adam Kadmon." (Lit.: GA 093a, S. 53)

In diesem Sinn verstanden, verweist das Tat Tvam Asi auf das Urbild des physischen Leibes, das der Geistesschüler zuerst erblickt, wenn er bewusst das Kontinentalgebiet, die unterste Region des Devachans betritt, in dem die Urbilder alles Physischen zu finden sind.

"Die Astralwelt ist die Welt der Farben; höher noch steht die devachanische, die geistige Welt. Wenn der Schüler die geistige Welt kennenlernt, bemerkt er das an einem ganz bestimmten Vorgang; er lernt verstehen ein tiefes Wort indischer Weisheit, Tat tvam asi, das heißt: Das bist du! - Darüber ist viel geschrieben worden. Die wahre Bedeutung lernt der Schüler erst kennen, wenn er von der astralischen in die Devachanwelt eintritt. Da sieht er in einem Moment seine physische Gestalt außerhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. - Während er früher zu sich gesprochen hat: Das bin ich, - sieht er jetzt seine physische Gestalt außerhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. - In diesem Moment ist der Mensch in der Devachanwelt. Da tritt für ihn zu der Welt der Farben klar und deutlich noch eine andere Welt hinzu: die Welt der Töne, die in einem gewissen Sinne schon da war, aber nicht diese Bedeutung hatte. Die Devachanwelt ist die tönende Welt. Dieses Tönen bezeichnete Pythagoras als Sphärenmusik." (Lit.: GA 095, S. 24f)

"Wie Sie auf der Erde auf festen Felsen gehen, so gehen Sie dort auf den Urbildern der physischen Dinge herum. Daraus ist das Land dieser geistigen Welt zusammengesetzt. Wenn der Mensch dieses Land zuerst betritt, dann hat er immer einen ganz bestimmten Anblick: das ist der Moment, in dem er das Urbild seines eigenen physischen Leibes erblickt. Da sieht er zuerst klar daliegen seinen eigenen Leib. Denn er selbst ist ja Geist. Das geschieht bei einem normal verlaufenen Erdenleben etwa dreißig Jahre nach dem Tode; und dabei hat man die Grundempfindung: Das bist du. - Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Vedantaphilosophie das «Tat tvam asi - Das bist du», als einen grundlegenden Erkenntnissatz geprägt." (Lit.: GA 100, S. 52)

Wie dieses Erleben des Geistesschülers entsteht, wird aus einer Gedächtnisnotiz von Camilla Wandrey zu einer esoterischen Stunde in Berlin vom 29. November 1907 deutlich, in der Rudolf Steiner über die Hexagramm- und Pentagramm-Übung gesprochen hat:

"Das Ich ist nicht nur ein Punkt, der sich allmählich durch Herauswachsen der Stirnpartie und das Einziehen des Ätherkörpers an der oberen Nasenwurzel vereinigt hat, sondern es existiert noch ein zweiter Punkt vor ihm. Die Verbindungslinie zu diesem wechselt, die Richtung dieser Linie weist nach dem Mittelpunkt der Sonne. Je mehr sich der Mensch entwickelt, desto näher kommen sich die (beiden) Punkte. Der sich entwickelnde Mensch muß sich in diesen zweiten Punkt versetzen, das heißt nach außen, und er muß lernen, auf seinen Körper zu blicken wie auf sonst etwas Physisches außer ihm (Tat tvam asi [= Das bist Du! Berühmte Formel des Veda]); das löst den Menschen aus dem Egoismus. Ein lebhaftes Nacherleben des Mysteriums von Golgatha und der Tatsache, daß da das überflüssige, egoistische Blut der Menschheit geflossen ist, ist Hilfe dazu." (Lit.: GA 264, S. 193f, GA 266a, S. 277f, GA 291a, S. 215f)

Der Mensch hat dieses Erlebnis auch, wenn er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt die Marsregion betritt. In diese Region wurde der Buddha zu Beginn des 17. Jahrhunderts versetzt, um dort seine besondere Mission zu erfüllen (→ Mission des Buddha auf dem Mars):

"So sehen wir, daß der Mensch, wenn man sein Eingehen in die Region des Mars schildert, in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt die volle Bedeutung des «Das bist du» lernt, des «Tat tvam asi» und des «Ich bin Brahman». Und wenn hier auf der Erde in oder außer der Seele das Wort ertönt: «Ich bin Brahman», oder das andere Wort: «Tat tvam asi», «Das bist du», so ist das eine irdische Nachbildung desjenigen, was wie ein selbstverständliches Erlebnis in der Marsregion, in der untersten Region des Geisterlandes, in der Seele erklingt. Wenn wir uns nun fragen, woher die urindische Weisheit dasjenige entlehnt hat, was innerhalb dieser Weisheit immer zu dem tief bedeutsamen Worte «Tat tvam asi», «Das bist du», «Ich bin Brahman» geführt hat, so haben wir jetzt diese Region gefunden, und es erscheinen uns jene Lehrer des alten Indiens wie auf die Erde versetzte Angehörige der Marsregion. Und zu dem, was so über die Marsregion, über die unterste Region des Devachan in der «Theosophie» vor Jahren gesagt worden ist, vernehmen wir nun das hinzu, was wir in diesem Winter betrachten durften: daß mit der Morgenröte der neueren Zeit der Buddha in diese selbe Region versetzt worden ist, in die Marsregion der Erde. Daß er hineinversetzt worden war in die Erde und auf dieser sozusagen als Vorbereiter des Mysteriums von Golgatha, geistig angesehen als Vorbereiter, ein halbes Jahrtausend vor diesem Mysterium von Golgatha in das Gebiet hineintrat, in welchem Marsweisheit seit uralten Zeiten ertönt hat. Und nach dem Mysterium von Golgatha wurde er, wie wir wissen, durch das Rosenkreuzertum nach der Marsregion geschickt, um dort weiter zu wirken. Was so im Kosmos sich abspielte: daß in uralter Zeit in der Marsregion der alte Brahmanismus heimisch war, daß im Beginne des 17. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha, wie wir gesehen haben, dieser Brahmanismus überging in den Buddha-Impuls, davon spielte sich ein Bild hier auf der Erde ab: der Übergang des Brahmanismus in den Buddhismus in der indischen Kultur." (Lit.: GA 141, S. 180f)

Literatur

  1. Paul Deussen: Sechzig Upanishads des Veda, F.A. Brockhaus, Leipzig, 1897
  2. Rudolf Steiner: Ursprung und Ziel des Menschen, GA 53 (1981), ISBN 3-7274-0532-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54 (1983), ISBN 3-7274-0540-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1987), ISBN 3-7274-0935-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Kosmogonie, GA 94 (2001), ISBN 3-7274-0940-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Vor dem Tore der Theosophie, GA 95 (1990), ISBN 3-7274-0952-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100 (1981), ISBN 3-7274-1000-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Der Orient im Lichte des Okzidents, GA 113 (1982), ISBN 3-7274-1130-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen, GA 141 (1997), ISBN 3-7274-1410-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914, GA 264 (1987), ISBN 3-7274-2650-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  11. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I: 1904 – 1909, GA 266/1 (1995), ISBN 3-7274-2661-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  12. Rudolf Steiner: Farbenerkenntnis, GA 291a (1990), ISBN 3-7274-2915-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Weblinks

  1. Die Chandogya Upanishad - aus „Sechzig Upanishads des Veda“ von Paul Deussen, Leipzig 1897
  2. Die Chândogya-Upanishad des Sâmaveda - Übersetzung von Paul Deussen (Kiel 1897/19052)
  3. Chandogya Upanishad - Translation by Swami Nikhilananda (englisch)