Über die ästhetische Erziehung des Menschen

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Über die ästhetische Erziehung des Menschen

Über die ästhetische Erziehung des Menschen ist eine Abhandlung Friedrich Schillers in Briefform, die sich mit Kants Ästhetik und dem Verlauf der Französischen Revolution auseinandersetzt.

Rudolf Steiner über die ästhetischen Briefe

Schiller war vornehmlich Dramatiker, aber bedingt durch eine Schaffenskrise hat er sich auch gründlich mit der Philosophie Kants beschäftigt, und hat selbst philosophische Arbeiten angefertigt, unter denen die Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen hervorzuheben sind. Diese Briefe sollen neben Goethes Märchen für Rudolf Steiner eine Inspirationsquelle für die Entwicklung seiner Dreigliederungsidee gewesen sein (GA 200, S. 65). Rudolf Steiner hält diese vielgelobten, aber selten wirklich gelesenen Briefe Schillers für eines der bedeutendsten Werke der deutschen Geistesgeschichte überhaupt, dessen inhaltlicher Reichtum geradezu unerschöpflich sei. Die Briefe werden von ihm auch empfohlen als Meditationsbüchlein und inspirierender Text für die Selbsterziehung. Steiner bedauert, daß der Text unnötig schwierig geraten sei, was auf die Beschäftigung Schillers mit Kant zurückgeht, und daß die Briefe deshalb bis zu seiner Zeit (und auch bis heute) nicht die verdiente Würdigung und praktische Relevanz finden konnten.

„Eine neue Stufe in seiner Selbstentwickelung sind seine ästhetischen Briefe, die «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Sie sind ein Juwel in unserem deutschen Geistesleben. Nur der kann fühlen und empfinden, was geheimnisvoll zwischen und aus den Worten - auch den späteren Dramen Schillers - herausströmt, der diese seine ästhetischen Briefe kennt; sie sind wie Lebensbalsam. Wer sich ein wenig befasst hat mit dem hohen geistigen, pädagogischen Ideale, das in seinen ästhetischen Briefen lebt, wird sagen müssen: Ein Volksbuch müssen wir diese ästhetischen Briefe nennen. Erst dann, wenn in unseren Schulen nicht nur Plato, nicht nur Cicero, sondern mit gleicher Geltung die ästhetischen Briefe Schillers für die Jugend durchgenommen werden, wird man erkennen, wie ein Eigenes, ein Geniales darin lebt. Was in den ästhetischen Briefen lebt, wird erst fruchtbar werden, wenn die Lehrer unserer höheren Schulen durchdrungen sein werden von diesem geistigen Lebensblut, wenn sie in ihre Zöglinge etwas hineinströmen lassen werden von dem, was Schiller hat heranerziehen wollen dadurch, dass er dieses herrliche Werk uns geschenkt hat. In den heutigen philosophischen Werken finden Sie keinen Hinweis auf diese ästhetischen Briefe. Sie sind aber bedeutender als vieles, was von Fachphilosophen geleistet worden ist, denn sie appellieren an das Innerste des Menschen und wollen dieses Innerste eine Stufe höher hinaufheben. (...) Nur in einzelnen Strichen konnte ich die Gedanken von Schillers ästhetischen Briefen ausdrücken. Aber nur dann wirken sie, wenn sie nicht bloß gelesen und im Lesen studiert werden, sondern wenn sie wie ein Meditationsbuch den Menschen begleiten durchs ganze Leben, so dass er werden will, wie Schiller werden wollte.“ (Lit.:GA 53, S. 403f (1905))

„Zunächst stellt Schiller zwei unablässig sich geltend machende Triebe des Menschen einander gegenüber. Der erste ist der sogenannte Stofftrieb oder das Bedürfnis, unsere Sinne der einströmenden Außenwelt offenzuhalten. Da dringt ein reicher Inhalt auf uns ein, aber ohne dass wir selbst auf seine Natur einen bestimmenden Einfluss nehmen könnten. Mit unbedingter Notwendigkeit geschieht hier alles. Was wir wahrnehmen, wird von außen bestimmt; wir sind hier unfrei, unterworfen, wir müssen einfach dem Gebote der Naturnotwendigkeit gehorchen. Der zweite ist der Formtrieb. Das ist nichts anderes als die Vernunft, die in das wirre Chaos des Wahrnehmungsinhaltes Ordnung und Gesetz bringt. Durch ihre Arbeit kommt System in die Erfahrung. Aber auch hier sind wir nicht frei, findet Schiller. Denn bei dieser ihrer Arbeit ist die Vernunft den unabänderlichen Gesetzen der Logik unterworfen. Wie dort unter der Macht der Naturnotwendigkeit, so stehen wir hier unter derjenigen der Vernunftnotwen-digkeit. Gegenüber beiden sucht die Freiheit eine Zufluchtsstätte. Schiller weist ihr das Gebiet der Kunst an, indem er die Analogie der Kunst mit dem Spiel des Kindes hervorhebt. Worin liegt das Wesen des Spieles? Es werden Dinge der Wirklichkeit genommen und in ihren Verhältnissen in beliebiger Weise verändert. Dabei ist bei dieser Umformung der Realität nicht ein Gesetz der logischen Notwendigkeit maßgebend, wie wenn wir zum Beispiel eine Maschine bauen, wo wir uns strenge den Gesetzen der Vernunft unterwerfen müssen, sondern es wird einzig und allein einem subjektiven Bedürfnis gedient. Der Spielende bringt die Dinge in einen Zusammenhang, der ihm Freude macht, er legt sich keinerlei Zwang auf. Die Naturnotwendigkeit achtet er nicht, denn er überwindet ihren Zwang, indem er die ihm überlieferten Dinge ganz nach Willkür verwendet; aber auch von der Vernunftnotwendigkeit fühlt er sich nicht abhängig, denn die Ordnung, die er in die Dinge bringt, ist seine Erfindung. So prägt der Spielende der Wirklichkeit seine Subjektivität ein; und dieser letzteren hinwiederum verleiht er objektive Geltung. Das gesonderte Wirken der beiden Triebe hat aufgehört; sie sind in Eins zusammengeflossen und damit frei geworden: das Natürliche ist ein Geistiges, das Geistige ein Natürliches. Schiller nun, der Dichter der Freiheit, sieht so in der Kunst nur ein freies Spiel des Menschen auf höherer Stufe und ruft begeistert aus: «Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, ... und er spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist.» Den der Kunst zugrunde liegenden Trieb nennt Schiller den Spieltrieb- Dieser erzeugt im Künstler Werke, die schon in ihrem sinnlichen Dasein unsere Vernunft befriedigen und deren Vernunftinhalt zugleich als sinnliches Dasein gegenwärtig ist. Und das Wesen des Menschen wirkt auf dieser Stufe so, dass seine Natur zugleich geistig und sein Geist zugleich natürlich wirkt. Die Natur wird zum Geist erhoben, der Geist versenkt sich in die Natur. Jene wird dadurch geadelt, dieser aus seiner unanschaulichen Höhe in die sichtbare Welt gerückt.

In Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» - in diesem Evangelium der von den Schranken sowohl des Naturzwanges wie der logischen Vernunftnotwendigkeit befreiten Menschlichkeit - lesen wir die ethische und religiöse Physiognomie Goethes. Man darf diese Briefe als die aus allseitiger persönlicher Beobachtung geschöpfte Goethe-Psychologie bezeichnen. «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt.» So schreibt Schiller an Goethe am 23. August 1794. Wodurch Goethe zur Harmonie seiner Geisteskräfte gelangt ist, das konnte Schiller am besten beobachten. Unter dem Eindruck dieser Beobachtungen entstehen die genannten Briefe. Wir dürfen sagen, dass Goethe zu dem «ganzen Menschen, der spielend die Vollkommenheit erreicht», Modell gesessen hat.“ (Lit.:GA 30, S. 18f (1900))

„Die Natur von einem einheitlichen Entwickelungszentrum aus als ein schaffendes Ganzes zu überblicken und das Hervorgehen des Einzelnen aus dem Ganzen im Geiste nachzuschaffen, das ist die Aufgabe. Nicht auf das fertig gewordene Einzelne, sondern auf das Naturgesetz, nicht auf das Individuum, sondern auf die Idee, den Typus, der uns jenes erst begreiflich macht, kommt es an. Bei Goethe kommt diese Tatsache in der denkbar vollkommensten Form zum Ausdrucke. Was wir aber gerade an seinem Verhalten der Natur gegenüber lernen können, das ist die unumstößliche Wahrheit, dass für den modernen Geist die unmittelbare Natur keine Befriedigung bietet, weil wir nicht schon in ihr, wie sie als Erfahrungswelt ausgebreitet vor unseren Sinnen liegt, sondern erst dann das Höchste, die Idee, das Göttliche erkennen, wenn wir über sie hinausgehen. In der von aller Wirklichkeit losgelösten, rein ideellen Form ist nun die „höhere Natur in der Natur“ in der Wissenschaft enthalten. Während aber die bloße Erfahrung zur Aussöhnung der Gegensätze von idealer und wirklicher Welt nicht kommen kann, weil sie wohl die Wirklichkeit, aber nicht mehr die Idee hat, ist der Wissenschaft dasselbe aus dem Grund nicht möglich, weil sie wohl die Idee, die Wirklichkeit aber nicht mehr hat. Zwischen beiden bedarf der Mensch eines neuen Reiches, in dem das Einzelne schon und nicht erst die Idee ein Ganzes darstellt, in dem schon das Individuum nicht erst die Gattung mit dem Charakter der Notwendigkeit ausgestattet ist. Eine solche Welt kommt uns aber nicht von außen, der Mensch muss sie sich selbst erschaffen; und diese Welt ist die Welt der Kunst, ein notwendiges drittes Reich neben dem der Sinne und dem der Vernunft. Aufgabe der Ästhetik ist es nun, die Kunst als dieses dritte Reich zu begreifen und von diesem Gesichtspunkte ausgehend die Bestrebungen der Künstler zu verstehen. Das Problem zuerst in der von uns angedeuteten Weise angeregt und damit alle ästhetischen hauptfragen eigentlich in Fluss gebracht zu haben, ist das Verdienst der im Jahre 1790 erschienenen „Kritik der Urteilskraft“ Immanuel Kants. Die hierinnen ausgesprochenen Ideen in Verbindung mit der großartigen Ausgestaltung, die sie durch Schiller (in den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen») erfahren haben, sind der Grundstein der Ästhetik. Kant findet, dass nur dann das Wohlgefallen an einem Objekte ein rein ästhetisches ist, wenn es unbeeinflusst ist von dem Interesse am realen Dasein desselben, so dass die reine Lust am Schönen nicht durch die Einmischung des Begehrungsvermögens, das nur nach Zweck und Nutzen fragt und die Welt danach beurteilt, getrübt wird. Schiller findet nun, dass die geistige Tätigkeit, die sich im Schaffen und Genießen des Schönen auslebt, sich darinnen kennzeichnet, dass sie weder durch eine Naturnotwendigkeit gebunden ist, an die wir uns zu halten haben, wenn wir einfach die Erfahrungswelt auf unsere Sinne einwirken lassen, noch dass sie einer logischen Notwendigkeit untersteht, die sofort in Betracht kommt, wenn wir zum Zwecke wissenschaftlicher Forschung oder technischer Verwertung der Naturkräfte (zum Beispiel beim Bau einer Maschine) an die Wirklichkeit herantreten. Der Künstler gehorcht nun weder einseitig der Naturnotwendigkeit noch der Vernunftnotwendigkeit. Er gestaltet die Dinge der Außenwelt so um, dass sie erscheinen, als ob ihnen schon der Geist eingeboren wäre, und den Geist behandelt er so, als ob er unmittelbar natürlich wirkte.

Dadurch entsteht der ästhetische Schein, in dem sowohl die Natur - wie die Vernunftnotwendigkeit aufgehoben ist; jene, weil sie nicht ohne Geist, und diese, weil sie aus ihrer ideellen Höhe herabgestiegen ist und wie Natur wirkt. Die Werke, die dadurch entstehen, sind nun freilich nicht naturwahr im gewöhnlichen Sinne des Wortes, weil ja in der Natur sich Idee und Wirklichkeit nirgends decken, aber sie müssen Schein sein, wenn sie wahrhafte Kunstwerke sein sollen. Mit dem Begriffe des Scheines in diesem Zusammenhange steht Schiller als Ästhetiker einzig da, unübertroffen, ja unerreicht. Hier hätte die Ästhetik anknüpfen und von da aus weiterbauen sollen. Statt dessen tritt Schelling mit einer vollständig verfehlten Grundansicht auf den Plan und leitet die Ästhetik damit auf einen Irrweg, so dass sie sich nie wieder zurechtgefunden hat.“ (Lit.:GA 30, S. 260f (1888))

„In seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» sagt er: Der Mensch handelt unfrei in der Sinnenwelt aus Notwendigkeit; in der Vernunftwelt ist er unterworfen der Notwendigkeit der Logik. So ist der Mensch eingeschränkt von der Wirklichkeit und dem Vernunftideale. Es gibt aber einen anderen, mittleren Zustand zwischen Vernunft und Sinnenwelt, den ästhetischen. Derjenige, der künstlerisch empfindet, genießt den Geist im Sinnlichen; er sieht den Geist in die Natur hineinverwoben. Die Natur ist ihm ein schönheitsvolles Bild des Geistigen. Das Sinnliche ist dann nur der Abdruck des Geistes; im Kunstwerk ist das Sinnliche durch den Geist geadelt. Der Geist ist herabgeholt aus dem Reiche der Notwendigkeit. In der Schönheit lebt der Mensch als in der Freiheit. Die Kunst ist also die Vermittlerin zwischen dem Sinnlichen und dem Vernünftigen im Reiche der Freiheit. Auch Goethe empfand so vor den Kunstwerken in Italien. Im Schönen fand der Freiheitsdrang dieser Menschen seine Befriedigung; hier ist er der ehernen Notwendigkeit enthoben. Nicht durch Zwang, durch staatliche Gesetze: im ästhetischen Genüsse sah Schiller eine Erziehung zur Harmonie. Als Mensch fühlt er sich frei durch die Kunst: so möchte Schiller die ganze Welt in ein Kunstwerk umwandeln. Wir sehen hier den Unterschied jener Zeit von der unseren. Heute steht die Kunst im Winkel; damals wollte Schiller dem Leben durch die Kunst einen unmittelbaren Eindruck geben. Tolstoi muß heute die Kunst verdammen, Ibsen wird in seiner Kunst zum Kritiker des gesellschaftlichen Lebens: Damals wollte Schiller durch seine Kunst eingreifen in das Leben selbst. Als er, während seiner Tätigkeit als Mannheimer Theaterreferent, seine Abhandlung über die «Schaubühne als moralische Anstalt» schrieb, geschah es, um durch die Kunst unmittelbar einen Kulturimpuls zu geben.“ (Lit.:GA 51, S. 224f (1905))

„Aus dem Kantianismus hat Schiller nun zunächst ein neues Weltbild gewonnen, das bis zur Mitte der neunziger Jahre vorhält. Das Welträtsel ist ihm zum Menschenrätsel geworden; das Problem der Freiheit ist es zunächst, das ihn beschäftigt. Die Frage tritt vor seinen Geist: Wie kann der Mensch seine Vollkommenheit erlangen? Am reinsten und schönsten tritt uns hier Schillers Weltanschauung in den «Ästhetischen Briefen» entgegen: Auf der einen Seite ist der Mensch seiner niederen Natur, seinen Trieben unterworfen; die Natur ist hier Notwendigkeit in den Sinnendingen, die auf ihn einstürmen. Auf der anderen Seite liegt im Denken des Menschen die geistige Notwendigkeit; da ist die Logik, der er sich unterwerfen muß. Er ist Sklave der Naturnotwendigkeit und zugleich Sklave der Vernunftnotwendigkeit. Kant antwortet auf diesen Widerspruch mit einer Herabdrückung der Naturnotwendigkeit gegenüber der geistigen Notwendigkeit. Schiller erfaßte in ganzer Tiefe die Kluft zwischen Natur- und Vernunftnotwendigkeit. Er sah hier ein Problem, das über alle menschlichen Verhältnisse sich ausbreitet. Die Gesetze, die die Menschen regieren, sind teils hergenommen aus der Naturnotwendigkeit, aus den dynamischen Kräften, die in den Menschen wirken; teils aus der moralischen Ordnung, die sie in sich tragen. Disharmonie, Unterdrückung muß daraus folgen. So haben wir den dynamischen Staat und den moralischen Staat; beide wirken als eine eiserne Notwendigkeit. Derjenige Mensch nur kann sich frei nennen, der sich die ehernen Gesetze der Vernunft und Logik so zu eigen gemacht hat, daß er ihnen ohne Zwang folgt, der so weit sein sittliches Gefühl geläutert hat, daß er gar nicht anders kann, als das Reine wollen, weil seine Neigungen sich hinauforganisiert haben zum geistigen Leben. Der Mensch, der die Vernunftgesetze heruntergeholt hat in die Triebe und Neigungen der Seele, und die menschlichen Leidenschaften heraufgeholt zur Erkenntnis der moralischen Ordnung, der wird die dynamischen Gesetze so beherrschen, daß Harmonie entsteht zwischen seinen Trieben und der Vernunft. Schiller nennt die Stimmung, in der der Mensch sich befindet, der seine Triebe so gereinigt hat, die ästhetische Stimmung, und den Staat, in dem solche Menschen wirken, die ästhetische Gesellschaft. Der Mensch muß verwirklichen, was ihm als seine höchste Würde erscheint.“ (Lit.:GA 51, S. 243f (1905))

„In diese Zeit fällt die Abfassung eines Werkes, eine Frucht des Studiums Goethescher Weltanschauung, das tief bedeutsam wurde für die Erziehung und Kultivierung des deutschen Geisteslebens: die Briefe Schillers über die ästhetische Erziehung des Menschen. Nur skizzenhaft können wir darauf hinweisen, was Schiller mit diesen Briefen wollte.

Er fragt sich, wie gelangt der Mensch dahin, seine Kräfte immer höher und höher zu entwickeln, damit er in einer freien und vollkommenen menschlichen Art in die Geheimnisse der Welt eindringen kann. Dieses Werk ist in Briefform an den Herzog von Augustenburg geschrieben, und Schiller schrieb darin den bedeutungsvollen Satz: «Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist.» Und nun sucht Schiller auseinanderzusetzen, wie sich der Mensch zu den höheren Stufen des Menschendaseins hinaufzuentwickeln hat.

Zweierlei ist es, was den Menschen unfrei macht, ihm keinen freien Blick in die Geheimnisse des Daseins gibt. Auf der einen Seite ist es das Beherrschtsein von der Sinnlichkeit, auf der anderen Seite die ungenügende Entwickelung der Vernunft. Und nun setzt Schiller diese Dinge so auseinander: Nehmen wir einen Menschen, der in sich nicht das Zwingende, Logische der Begriffe, auch nicht den Pflichtbegriff verspürt, sondern seinen Neigungen und Instinkten folgt -er kann die Kräfte seiner Natur nicht frei entwickeln, er steckt in der Sklaverei der Triebe, Begierden und Instinkte, er ist unfrei. Aber auch derjenige ist nicht frei, der seine Begierden, Triebe und Instinkte zunächst bekämpft und einzig nur einer rein begrifflichen und logischen Ver- nunftnotwendigkeit folgt. Ein solcher Mensch wird entweder ein Sklave der Naturnotwendigkeit oder ein Sklave der Vernunftnotwendigkeit.

Wodurch kann der Mensch seine inneren Kräfte entwickeln? Schiller antwortet:Er muß seine inneren göttlichen Zustände entwickeln, sich bemühen, daß sie gereinigt und geläutert werden und zusammentreffen mit dem, was wir Logik nennen. Wenn seine Triebe und Instinkte dann geläutert sind, so daß er gern tut, was er als Pflicht empfindet, wenn die Vernunftnotwendigkeit nicht als zwingend empfunden wird, dann wird der Mensch gern tun schon aus dem gewöhnlichen Trieb heraus, was vernünftig ist, dann hat Vernunft den Menschen hinunter zur Sinnlichkeit geführt, und Sinnlichkeit führt ihn wieder hinauf zur Vernunft. Sehen wir einen Menschen an, der einem Kunstwerke gegenübersteht. Er sieht sich etwas Sinnliches an. Aber durch jedes Glied des Sinnlichen offenbart sich ihm etwas Geistiges, denn in dem Sinnlichen kommt dasjenige zum Ausdruck, was der Künstler als Geistiges in das Kunstwerk hineingelegt hat. Geist und Sinnlichkeit in der Anschauung der Schönheit, das wird zum Mittlerzustand. So wird die Kunst, das Leben in Schönheit, für Schiller ein großes Erziehungsmittel, ein Mittel zur ästhetischen Erziehung, eine Befreiung der Natur, so daß sie ihre eigenen Kräfte entfalten kann. Wie entwickelt sich also der Mensch im Sinne Schillers. Er muß seine Natur hinunterführen, daß sie sich bewährt in sinnlicher Natur, und die Sinne hinaufentwikkeln, daß sie sich bewähren in der vernünftigen Natur. Ein wunderbar schönes Wort spricht Goethe über diese Briefe aus: Sie wirken auf mich so, daß sie mir darstellen, was ich lebte oder zu leben wünschte immerdar. — Man kann nachweisen, daß Goethe angeregt worden ist, sein Märchen zu schreiben, durch das, was Schiller ausgesprochen hat in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Goethe spricht darin dasselbe in seiner Art aus. Goethe wollte nicht in abstrakten Begriffen die Rätsel der Seele aussprechen. Für Goethe waren die einzelnen Seelenrätsel zu reich und zu gewaltig, als daß er sie in Naturnotwendigkeit und Logik hätte fassen können. So bildete sich in Goethe das Bedürfnis, des Menschen einzelne Seelenkräfte in den Gestalten seines Märchens zu personifizieren.“ (Lit.:GA 57, S. 46f (1908))

„Wer in echter Menschen-Erkenntnis die kindliche Wesenheit auf dem Wege von dem Spiel zur Lebensarbeit belauschen kann, der erlauscht auf der Zwischenstation die Natur des Lehrens und Lernens. Denn beim Kinde ist das Spiel die ernste Offenbarung des inneren Dranges zur Tätigkeit, in welcher der Mensch sein wahres Dasein hat. Es ist eine leichtsinnige Redensart, zu sagen: die Kinder sollen «spielend lernen». Ein Pädagoge, der seine Tätigkeit danach einrichtete, würde doch nur Menschen erziehen, denen das Leben mehr oder weniger ein Spiel ist. - Es ist aber das Ideal der Erziehungs- und Unterrichtspraxis, in dem Kinde den Sinn dafür zu wecken, dass es mit demselben Ernste lernt, mit dem es spielt, so lange das Spielen der einzige seelische Inhalt des Lebens ist. Eine Erziehungs- und Unterrichtspraxis, welche dies durchschaut, wird der Kunst die rechte Stelle anweisen und ihrer Pflege die rechte Ausdehnung geben.

Das Leben ist ein oft strenger Lehrmeister auch für den Pädagogen. Es stellt für die Verstandesausbildung seine Forderungen. Deshalb wird man in bezug auf diese Ausbildung eher zu viel als zu wenig tun. Das Moralische macht den Menschen erst wirklich zum Menschen. Ein unmoralischer Mensch offenbart nicht den vollen Menschen in sich. Deshalb wäre es Sünde gegen die Menschennatur, die moralische Entwickelung des Kindes nicht im vollsten Ausmaße zu pflegen. Die Kunst ist die Frucht der freien Menschennatur. Man muss die Kunst lieben, wenn man ihre Notwendigkeit für das volle Menschenwesen einsehen will. Zur Liebe zwingt das Leben nicht. Es gedeiht aber nur in der Liebe. Es will sein Dasein in dem zwanglosen Element.

Das hat in einziger Art Schiller empfunden; und diese Empfindung hat ihm den Anlass gegeben, seine «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» zu schreiben. In der Durchdringung des Menschen mit der ästhetischen Seelenverfassung sieht Schiller das wichtigste Element aller Erziehungskunst. Der Mensch soll den Erkenntnistrieb so von Erkenntnisliebe durchdringen, dass er sich in seiner Betätigung wie der schaffende Künstler oder der ästhetisch Empfangende verhält. Und er soll die Pflicht so als die Äußerung seines innersten Menschenwesens erleben, wie er sich im ästhetischen Erleben empfindet. (Es darf bei dieser Gelegenheit auf die vorzügliche Darstellung von Schillers Wollen in der Schrift Heinrich Deinhardts «Beiträge zur Würdigung Schillers» hingewiesen werden, die vor kurzem im Kommenden Tag Verlag in Stuttgart erschienen ist.)

Es ist schade, dass von Schiller's «Ästhetischen Briefen» eine so geringe Wirkung auf die Pädagogik ausgeübt worden ist. Für die Stellung der Kunst in der Erziehungs- und Unterrichtspraxis hätte sich durch eine stärkere Wirkung manches Wichtige ergeben.“ (Lit.:GA 36, S. 290f (1923))

„Schiller philosophiert. Er lernt sogar von Kant das Philosophieren, bis ihm die Kantsche Art dennoch zu bunt wird und er sie wieder läßt. Aber Schiller macht das nicht ohne die Abstraktheit der Begriffe, die wiederum nicht zum Wesenhaften kommen können. Und wenn wir Goethe und Schiller gegenüberstehen, dann fühlen wir gerade dieses als den Gegensatz, der eigentlich niemals zwischen den beiden überbrückt wor- den ist, der nur ausgeglichen worden ist durch das Großmenschliche, das in beiden lebte.

Aber dieser Gegensatz zeigte sich, als nun in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts vor beide, vor Goethe und Schiller, die Frage hintrat: Wie erlangt der Mensch eigentlich ein menschenwürdiges Dasein? - Schiller legte sich die Frage in seiner Art, in der Form des abstrakten Denkens vor, und er sprach das, was er auszusprechen hatte, in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» aus. Da sagte er sich: Der Mensch ist auf der einen Seite unterworfen der logischen, der Vernunftnotwendigkeit. Er hat keine Freiheit, wenn er der Vernunftnotwendigkeit folgt. In der Vernunftnotwendigkeit geht seine Freiheit unter. Aber er hat auch keine Freiheit, wenn er sich nur seinen Sinnen hingibt, der sinnlichen Notwendigkeit; da zwingen ihn die Instinkte, die Triebe, da ist er wiederum nicht frei. Nach beiden Seiten, nach dem Geiste und nach der Natur hin wird der Mensch eigentlich zum Sklaven, zum Unfreien. Und es kann der Mensch nur frei werden, meint Schiller, wenn er die Natur so anschaut, als wenn sie ein lebendiges Wesen wäre, als wenn in ihr Geist und Seele wäre, wenn er also die Natur heraufhebt. Aber dann muß er auch die Vernunftnotwendigkeit herunterbringen bis zur Natur. Der Mensch muß gewissermaßen die Natur so für sich betrachten, als ob sie Vernunft hätte. Dann verschwindet aus der Vernunft die starre Vernunftnotwendigkeit, die starre Logik. Andererseits, wenn der Mensch sich bildlich ausspricht, so gestaltet er, statt daß er logisch analysiert und synthetisiert; und indem der Mensch bildet, nimmt er der Natur ihre bloß sinnliche Notwendigkeit. Aber das alles kann man nur ausdrücken, sagte Schiller, im künstlerischen Schaffen und im ästhetischen Genießen. Steht man einfach der Natur gegenüber in irgendeiner Weise, so unterliegt man den Instinkten, den Trieben der Naturnotwendigkeit. Bewegt man sich in seinem Geiste, so muß man der logischen Notwendigkeit folgen, wenn man nicht dem Menschlichen untreu werden will. Wenn man die beiden verbindet, dann senkt sich die Vernunftnotwendigkeit und gibt etwas von ihrer Notwendigkeit ab in das Sinnliche hinein; das Sinnliche gibt von seiner Triebnatur etwas ab. Und wir stellen zum Beispiel den Menschen in den Bildhauerwerken so hin, als ob schon in dem Sinnlichen selber Geist enthalten wäre. Wir führen den Geist hinunter in die Sinnlichkeit, indem wir die Sinnlichkeit hinaufführen zum Geiste, und es entsteht das Bilden, das Schöne. Nur indem der Mensch das Schöne schafft oder das Schöne genießt, lebt er in der Freiheit.

Bedenken Sie, indem Schiller diese ästhetischen Briefe verfaßt hat, hat er mit aller inneren Seelenkraft darnach gestrebt, etwas für den Menschen zu finden, zum Beispiel wann dieser Mensch frei sein könne. Und einzig und allein findet er die Möglichkeit, die menschliche Freiheit zu verwirklichen - in dem Leben im schönen Schein. Der Mensch muß die grobe Wirklichkeit fliehen - so sagt schon Schiller, wenn er es auch nicht deutlich ausspricht —, wenn er frei werden will, also ein menschenwürdiges Dasein erringen will. Nur im Scheine kann eigentlich die Freiheit erreicht werden.

Nietzsche, der von all diesen Dingen noch durchsetzt war und eben doch auch nicht zu einer wirklichen Anschauung des Geistes durchdringen konnte, verfaßte ja sein erstes Buch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», worin er zeigen wollte: Die Griechen hätten die Kunst erfunden, um etwas zu haben, wodurch sie sich als freie Menschen in Menschenwürde über die Wirklichkeit der äußeren Sinne erheben könnten, in der man niemals seine Menschenwürde erringen kann; sie hätten sich über die Wirklichkeit der Dinge hinweggesetzt, um im Schein, im künstlerischen Schein die Möglichkeit der Freiheit zu erringen. Nietzsche interpretierte das ins Griechentum hinein. In dieser Beziehung sprach Nietzsche bloß in radikaler Weise aus, was schon in Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» liegt. Man kann also sagen, Schiller lebte in einer abstrakten Geistigkeit, aber in ihm lebte zugleich der Impuls, dem Menschen seine Würde zu geben. Sehen Sie sich das Großartige, das Herrliche, das Bewundernswürdige dieser ästhetischen Briefe an. Sie sind im Grunde genommen in bezug auf die Dichtung und in bezug auf die menschliche Seelenkraft großer als alle anderen Schillerschen Werke. Sie sind eigentlich das Größte, was Schiller geleistet hat, wenn wir seine Gesamtleistungen ins Auge fassen. Aber Schiller kämpft damit von seinem abstrakten Standpunkt aus, bei dem er im Sinne des abendlän- dischen Geisteslebens auch beim Intellektualismus angekommen war. Von diesem seinem Standpunkt aus zu der wahren Wirklichkeit kommen, das konnte er nicht. Er konnte nur den Schein der Schönheit erreichen.

Als Goethe diese «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen » bekam, da konnte er nicht leicht sich zurechtfinden. Im abstrakten Gang der menschlichen Vernunft war eigentlich Goethe nicht bewandert. Aber auch für ihn war das ein Problem, wie der Mensch seine Menschenwürde erringt, wie da die geistigen Wesenheiten zusammenarbeiten müssen, um dem Menschen seine Menschenwürde zu geben, so daß er erwacht gegenüber der geistigen Welt, sich hineinlebt in die geistige Welt. Schiller konnte aus dem Begriff nicht herauskommen zu der Wirklichkeit. Goethe wollte nun das, was Schiller in den ästhetischen Briefen ausgesprochen hatte, in seiner Art auch aussprechen.

Er sprach es in seiner Art bildhaft aus in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». In all den Gestalten haben wir ja Seelenkräfte zu sehen, die zusammenwirken, um dem Menschen seine freie Menschenwürde zu geben, seine Menschenwürde in Freiheit zu geben. Aber Goethe konnte den Weg von dem, was er bloß in Imaginationen ausdrücken konnte, hinauf zum wirklichen Geistigen nicht finden. Daher blieb es bei Goethe beim Märchen, beim Bilde, bei einer Art höherer Symbolik, allerdings einer außerordentlich lebendigen Symbolik, aber doch nur bei einer Art von Symbolik. Schiller prägte abstrakte Begriffe, konnte in keine Wirklichkeit herein, blieb beim Schein. Goethe prägte, indem er den Menschen in seiner Freiheit begreifen wollte, viele Bilder, die anschaulich waren, sinnlich anschaulich, aber mit denen er auch nicht hinein konnte in die Wirklichkeit. Er blieb an der Beschreibung des Sinnlichen haften. Sehen Sie, wie wunderschön diese Beschreibung des Sinnlichen im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie ist; aber eigentlich anschaulich wird die Befreiung des gelähmten Prinzen nicht, nur symbolisch anschaulich. Die gegensätzlichen Strömungen, die heraufgekommen waren, und die ich Ihnen charakterisiert habe, von denen keine eigentlich in die geistige Welt hinein konnte, die sprechen sich hier in den zwei Persönlichkeiten aus. Sowohl Schiller wie Goethe strebten im Grunde genommen in die geistige Welt hinein von entgegengesetzten Seiten, aber sie konnten nicht hinein.“ (Lit.:GA 214, S. 52ff (1922))

„Man nehme die beiden Strömungen, die in der Scholastik vorhanden sind. Einmal die Vernunfterkenntnis, die aus der Sinnlichkeit ihre Eigenschaften schöpft, aber nicht bis zum Wirklichen vordringt. Durch die mannigfaltigsten Gestaltungen kommt diese Strömung weiter und weiter, von einer Persönlichkeit zu der anderen, auch auf Schiller herunter. Er wird gewissermaßen hineingezogen in eine solche Erkenntnisart, von der die Scholastik gesagt hat: Man kann damit nur die Ideen aus dem Sinnlichen gewinnen. — Doch Schiller ist außerstande, dazu ist er ein viel zu starker Vollmensch, in der Sinnlichkeit etwas anzuerkennen, was der Mensch sein darf, wenn er seine Menschenwürde haben soll. Die scholastische Erkenntnis bringt nur herauf die Ideen aus der Sinnenwelt. Schiller läßt die Sinnenwelt weg, und da bleiben nur die Ideen. In denen bringt er es zu keiner Wirklichkeit, sondern nur zu dem schönen Schein. Er also ringt damit: Was soll man eigentlich machen mit dieser scholastischen, aus dem Menschen gewonnenen Erkenntnis, um dem Menschen irgendwie seine Würde zu geben? Da kann man sich gar nicht mehr an die Wirklichkeit halten, da muß man zum schönen Schein seine Zuflucht nehmen. — Sie sehen, in welcher Weise bei Schiller sich der Ausläufer der scholastischen Vernunfterkenntnis- Strömung findet.“ (Lit.:GA 214, S. 56 (1922))

„Also Goethe lebt dar, man möchte sagen, ein Leben in Offenbarungserkenntnis, in übersinnlicher Erkenntnis, das er nur bis zu einer gewissen Stufe bewältigt. Schiller lebt dar die Vernunfterkenntnis, die andere Art, welche die Scholastik ausgebildet hat, die er aber nicht ertragen kann, weil er sie bis zu einer Wirklichkeit bringen will, es aber nur bis zur Wirklichkeit des Scheins in der Schönheit bringt. Man kann sagen: Die ungeheure innerliche Wahrheit in den beiden Persönlichkeiten, die läßt sie so aufrichtig sein, daß keiner mehr sagt, als er sagen kann. Daher stellt Goethe das Seelische dar, wie wenn es eine Vegetation wäre, undSchiller stellt den freien Menschen dar, wie wenn dieser freie Mensch überhaupt nur ästhetisch leben könnte. Die ästhetische Gesellschaft, die ästhetische Sozietät ist das, was Schiller zum Schluß in seinen ästhetischen Briefen als die «soziale Forderung», möchte man sagen, aufstellt: Werdet so, daß die soziale Gesellschaft sich als schön darstellt - sagt Schiller -, wenn der Mensch frei werden soll.“ (Lit.:GA 214, S. 58 (1922))

„Dasjenige aber, was Staatsleben war, das ist erstrebt so, daß man im rhythmischen Menschen lebte und es hinauftrug in die Gedanken. Das ist insbesondere beim mittleren Menschen zum Vorschein gekommen. Es strahlte dann herüber nach dem Westen. Da liegt eine eigentümliche Erscheinung vor, die man nur versteht, wenn man die Dinge innerlich anschaut. So sonderbar es manchem erscheinen wird, da ging etwas vor in Mitteleuropa. Es blieb selbstverständlich in dem rhythmischen System der Drang nach einem menschlichen Zusammenleben, nach einem sozialen menschlichen Zusammenleben in Freiheit. Das blieb zunächst tief im Unbewußten stecken (siehe Schema). Aber es lebt ja auch dasjenige unter den Menschen, was die Menschen nicht im Bewußtsein haben. Sagen wir also, im 18. Jahrhundert lebte zunächst unbewußt da etwas Bestimmtes in Mitteleuropa, ohne daß es herauf konnte ins Bewußtsein; aber es strahlte nach dem Westen hinüber. Indem es hinüberstrahlte nach dem Westen, indem es aufgenommen wurde, indem es sich nicht selbstverständlich im Innern entwickelte, wurde es zur Leidenschaft, wurde es zur Empfindung und wurde die Französische Revolution.

Schiller besann sich - (es wird auf das Schema gezeigt) da die Französische Revolution —; es gibt ja sogar ein Symbol davon, daß Schiller sich besonnen hat auf dasjenige, was da eigentlich vorging. Sie wissen ja, daß Schiller die Ehre widerfahren ist, zum französischen Bürger gemacht zu werden -, Schiller also, er besann sich; aber bei ihm lebte es zunächst im rhythmischen System. Nun, durch eigene Anschauung hob er es herauf und schrieb seine Briefe, die ästhetische Erziehung des Menschen betreffend.

Darinnen haben Sie das, was man damals sagen konnte über menschliches Zusammenleben, über menschliches Zusammenleben in einem wirklich freien Staat. Hume hat ja dann nur, ich möchte sagen, dieses staatliche Glied, das Schiller da ins Bewußtsein heraufgehoben hat in seinen «Ästhetischen Briefen», etwas pedantisch ins System gebracht. Das ist gerade etwas außerordentlich Bedeutsames, was in diesen Briefen über ästhetische Erziehung von Schiller da aus den Tiefen des Volkstums herausgeholt ist. Weil es so tief ist, wurde es ja dann auch, als überall der Nerven-Sinnesmensch herrschend wurde, nicht verstanden. Ich habe öfter erzählt, daß in Wien ein einsamer Mensch lebte, Heinrich Deinhardt hieß er. Er hat Briefe über Briefe über diese ästhetische Erziehung des Menschen geschrieben, sehr geistvolle Briefe. Der Mann hatte das Malheur, daß er einmal ein Bein brach auf der Straße, als er hinfiel. Das Bein konnte eingerichtet werden, aber er konnte nicht genesen, er starb an dem Beinbruch, weil er unterernährt war. Das heißt, derjenige, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Schillers «Ästhetische Briefe» in gewissenhaftester Weise ausgelegt hat, starb den Hungertod. Und diese Deinhardtschen Briefe über Schillers ästhetische Erziehung des Menschen sind völlig vergessen!

Diese «Ästhetischen Briefe» Schillers, sie wären eine gute Vorbereitung wiederum, um die Seele hinaufzuläutern zu einem geistigen Anschauen der Welt. Schiller konnte das noch nicht selber. Aber es wirkt immer, wenn der andere etwas aufnimmt, die Seele selbst erziehend, was von einem Menschen herrührt, der noch nicht hinaufkommt in die geistige Welt, es wirkt da so, daß er in die geistige Welt hineinsehen kann. Allerdings hat man in Europa statt dessen Ralph Waldo Trine und Marden und ähnliche Oberflächlichkeiten als ein besonderes Heilmittel für die Seelen verehrt, und die andern Dinge vergessen, die nun wirklich in die geistige Welt hinaufführen würden.

Diese Dinge müssen eben auch im ganzen Zusammenhange des Lebens und des Weltwesens erfaßt und begriffen werden. Man muß sich klar darüber sein, wie differenziert die verschiedenen menschlichen Fähigkeiten über die Erde hin sind. Und das ist schon zu sagen: während bisher dafür gesorgt worden ist, daß die tumultuarischen Schillerschen Jugendwerke «Die Räuber» oder «Fiesko» oder «Kabale und Liebe» bekannt werden, und während die Menschen sich höchstens aufschwingen zu den Sentimentalitäten der «Maria Stuart» oder zu den doch sehr veräußerlichten dramatischen Szenen der «Jungfrau von Orleans» oder der «Braut von Messina», sollte man heute damit beginnen, die «Ästhetischen Briefe» Schillers, in denen er sich selber - mit all seinen «Räubern», mit der ganzen «Maria Stuart» und mit dem «Wallenstein » - an Bedeutung für die Menschheit überragt, man sollte damit beginnen, diese «Ästhetischen Briefe» nicht bloß zu studieren, sondern auf sich wirken zu lassen. Denn wir sind heute darauf angewiesen, nicht bloß das Schulphilistergewäsche, das es gibt über unsere Klassiker, über Goethe, Schiller, vorzutradieren, sondern vor allen Dingen hier Revision zu machen und selber aufzusuchen, was an diesen Klassikern das Große war. Wir schwätzen fort dasjenige, was über den «Wallenstein» und die «Maria Stuart» und so weiter geredet worden ist von der Schulphilisterei mehr als ein Jahrhundert. Wir haben heute die Aufgabe, die Größe auf elementare Art selbst zu begreifen, denn nur dadurch kann die Menschheit vorwärtsschreiten. So liegt auch da die Notwendigkeit einer Umwandelung, einer Erneuerung. Auch dasjenige, was durch unsere Schulen die Menschen über «Maria Stuart», über den «Wallenstein », über die «Räuber» und so weiter lesen und hören, auch das muß umgestaltet werden. Wir bedürfen in dieser ernsten Zeit einer völligen Erneuerung, denn die Zeiten sind ernst.“ (Lit.:GA 199, S. 137ff (1920))

„Dann ist wiederum ein bedeutender Höhepunkt in der Erfassung des ästhetischen Menschen bei Schiller in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Es war damals eine mehr abstrakte Zeit. Das Geistig-Konkrete, das Spirituelle haben wir erst jetzt zu dem Idealistischen hinzuzufügen. Aber wenn wir auf dieses mehr Abstrakte der Goethe-Schiller-Zeit sehen, so sehen wir doch in den Abstraktionen, die sich in Schillers ästhetischen Briefen finden, etwas von dem, was hier gesagt worden ist, nur daß hier der Prozeß scheinbar mehr ins Materielle hinuntergetragen wird; aber nur, weil dieses Materielle noch mehr durch die Kraft des intensiv erfaßten Geistigen durchdrungen werden soll. Was sagt Schiller? Er sagt: Der Mensch, wie er hier lebt auf der Erde, hat zwei Grundtriebe, den Vernunfttrieb und den Naturtrieb. Der Vernunfttrieb wirkt durch Naturnotwendigkeit logisch. Man ist gezwungen, in einer gewissen Weise zu denken, man hat keine Freiheit zu denken; denn was hilft es einem, auf diesem Gebiete der Vernunftnotwendigkeit von Freiheit zu sprechen, wenn man doch gezwungen ist, nicht zu denken, daß drei mal drei zehn, sondern neun ist. Die Logik bedeutet eine strenge Vernunftnotwendigkeit. So daß Schiller sagt: Wenn der Mensch sich der reinen Vernunftnotwendigkeit fügt, dann steht er unter einem geistigen Zwang.

Der Vernunftnotwendigkeit stellt Schiller die sinnliche Notdurft entgegen, die in alledem, was in den Trieben, in den Emotionen ist, lebt. Da folgt der Mensch auch nicht seiner Freiheit, sondern der Naturnotwendigkeit. Nun sucht Schiller den mittleren Zustand zwischen der Vernunftnotwendigkeit und der Naturnotwendigkeit. Und diesen mittleren Zustand findet er darin, daß die Vernunftnotwendigkeit sich gewissermaßen herabneigt zu dem, was man liebt und nicht liebt, daß man nicht mehr einer starren logischen Notwendigkeit folgt, wenn man denkt, sondern dem inneren Triebe, die Vorstellungen zu fügen oder nicht zu fügen, wie es beim ästhetischen Gestalten der Fall ist. Aber dann geht auch die Naturnotwendigkeit herauf. Dann ist es nicht mehr die sinnliche Notdurft, der man wie unter einem Zwang folgt, sondern es wird die Notdurft verseeligt, vergeistigt. Der Mensch will nicht mehr bloß dasjenige, was sein Leib will, sondern es wird der sinnliche Genuß vergeistigt. Und so nähern sich Vernunftnotwendigkeit und Naturnotwendigkeit.

Sie müssen das natürlich in Schillers ästhetischen Briefen, die zu den bedeutendsten philosophischen Erzeugnissen in der Weltentwickelung gehören, selber nachlesen. In dem, was da Schiller auseinandersetzt, lebt schon das, was wir hier eben gehört haben, nur in metaphysischer Abstraktion. Was Schiller das Befreien der Vernunftnotwendigkeit von der Starrheit nennt, das lebt in dem Lebendigwerden der Sinnesbezirke, die wiederum bis zum Lebensvorgang zurückgeführt werden. Und das, was Schiller die Vergeistigung - besser sollte er sagen «Verseeligung» - der Naturnotdurft nennt, das lebt hier, indem die Lebensprozesse wie Seelenprozesse wirken. Die Lebensprozesse werden seelischer, die Sinnesprozesse werden lebendiger. Das ist der wahre Vorgang, der - nur mehr in abstrakte Begriffe, in Begriffsgespinste gebracht - sich in Schillers ästhetischen Briefen findet, wie es eben in der damaligen Zeit noch sein mußte, wo man noch nicht spirituell stark genug war mit den Gedanken, um bis in das Gebiet hinunterzukommen, wo der Geist so lebt, wie es der Seher will: daß nicht gegenübergestellt wird Geist und Stoff, sondern erkannt wird, wie der Geist überall den Stoff durchzieht, daß man gar nirgends auf geistlose Stoffe stoßen kann. Die bloße Gedankenbetrachtung ist nur deshalb bloße Gedankenbetrachtung, weil der Mensch nicht imstande ist, seine Gedanken so stark, das heißt so dicht spirituell, so geistig zu machen, daß der Gedanke den Stoff bewältigt, also hineindringt in den wirklichen Stoff. Schiller ist noch nicht imstande, einzusehen, daß die Lebensprozesse wirklich als Seelenprozesse wirken können. Er ist noch nicht imstande, so weit zu gehen, daß er sieht, wie das, was im Materiellen als Ernährung, Wärmung, Atmung wirkt, sich gestalten, wie das seelisch sprühen und leben kann, und aufhört, das Materielle zu sein; so daß die materiellen Teilchen zerstieben unter der Macht des Begriffes, mit dem man die materiellen Prozesse erfaßt. Und ebensowenig ist Schiller schon imstande, so zum Logischen hinaufzuschauen, daß er es wirklich nicht bloß in begrifflicher Dialektik in sich wirken läßt, sondern daß er in jener Entwickelung, welche erreicht werden kann durch Initiation, das Geistige als den eigenen Prozeß erlebt, so daß es wirklich lebend hineinkommt in das, was sonst bloß Erkenntnis ist. Was in Schillers ästhetischen Briefen lebt, ist deshalb ein «Ich trau mich nicht recht heran an das Konkrete». Aber es pulsiert schon darinnen, was man genauer erfaßt, wenn man das Lebendige durch das Geistige und das Stoffliche durch das Lebendige zu erfassen versucht.“ (Lit.:GA 170, S. 154ff (1916))

In dem zuletzt angeführten Zitat nimmt Rudolf Steiner eine Sichtweise ein, die Schillers ästhetische Briefe als eine Art abstrakte, theoretisierende Vorstufe zu der von ihm selbst vertretenen anthroposophischen Geisteswissenschaft erscheinen läßt. Schiller halte sich in dürrer Abstraktheit auf und komme noch nicht recht heran an das Konkrete, an den lebendigen Geist und den durchseelten Stoff. In der Anthroposophie würde dann im einzelnen ausgeführt und mit konkreten, lebendigen Anschauungen erfüllt, was Schiller erst nur in einem abstrakten, an Kant orientierten, philosophischen Zugriff zu fassen suchte. Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, der aber noch im abstrakten Theoretisieren stecken blieb. Abgesehen von der impliziten Bewerbung seiner Anthroposophie, bzw. der Empfehlung, in ihr nach Lebenshilfe zu suchen, was dann ja eine eingehendere Beschäftigung mit den Schillerschen Briefen überflüssig machen würde (man hat ja heute Anthroposophie), stehen diese Ausführungen Rudolf Steiners im Widerspruch zu der Empfehlung der schillerschen Briefe als Meditationsbüchlein, wie im ersten Zitat wiedergegeben.

Er betont zwar, man müsse die schillerschen Briefe selbst lesen, meint aber eigentlich nur, um zu verstehen, wie sie doch heute etwas ganz überflüssiges sind. (Man hat ja Anthroposophie)[1]. Dabei ist, was Schiller unter dem Vernunfttrieb versteht, schonmal verkürzt und falsch dargestellt. Schillers Vernunfttrieb ist nicht mit dem logischen Denken gleichzusetzen. Eine Interpretation dahingehend, daß dann das abstrakte, logische Denken verlebendigt werden müsse, und dadurch in anthroposophisches Leben einmünde, ist ganz falsch, und führt ab von der Lösung, die Schiller für den Konflikt zwischen Geist und Sinnlichkeit vorschlägt, nämlich die Entfaltung des Spieltriebs. Der Formtrieb, Vernunfttrieb ist für Schiller nicht allein das logische Denken, sondern das "Gesetz", das kantische innere Gesetz, das sittliche Gesetz. "Der Sternenhimmel über mir. Das Sittengesetz in mir". Man muß dieses Gesetz also umfassender verstehen. Aus ihm kommen auch die Forderungen des Gewissens und die Normvorschriften des Sollens. Der schillersche Formtrieb entspricht in manchem dem, was Freud unter dem Über-Ich verstand.

Wildheit und Barbarentum

Die Problematik, die Schiller entfaltet, ist einerseits die Niedergedrücktheit einer frohen, sinnlichen Hingegebenheit an das Leben durch einen barbarischen Geist, und andererseits die Mißachtung oder Vernachlässigung von Vernunft und sittlichen Anforderungen durch eine wilde, rücksichtslose Sinnlichkeit. Form und Stoff kämpfen im Menschen gegeneinander. Sowohl durch die Notwendigkeiten des Geistigen im erläuterten Sinne, als auch der Notwendigkeiten des Sinnlichen (unabweisbare Bedürfnisse) ist der Mensch unfrei.

Schiller führt als Lösung den Spieltrieb ins Feld, der zwischen Form und Stoff künstlerisch vermittelnd eingreift und beide Seiten, die vereinseitigt entweder in die barbarische (Geist) oder in die wilde Unfreiheit (Sinnlichkeit) führen, zu ihrem Recht kommen läßt, indem das freie Spiel es zu Wege bringt, daß beide, für sich alleine einseitige Notwendigkeiten, sich frei ausleben können[2]. Im freien Spiel verwirklicht sich das "Gesetz" in ganzer Vollständigkeit und Güte, aber gleichzeitig ist die Sinnlichkeit in keiner Weise unterdrückt und kann sich voll entfalten, und sich an den begehrten und geliebten Stoffen gütlich tun.

„Die beiden Ausdrücke [Wilder/Barbar] bezeichnen die spiegelbildlichen charakterlichen Verfehlungen des Menschen: Der Wilde ist der einseitig sinnlich bestimmte, der Barbar der einseitig vernunftorientierte Mensch. Die Definition des Wilden ist konventionell. Mit seiner Definition des Barbaren aber setzt Schiller einen rationalismuskritischen Akzent. Die Unterdrückung der Sinnlichkeit durch die Vernunft "barbarisch" zu nennen ist ein starkes Wort.“ (Lit.: Matuschek, S. 262 (aus dem Begriffsglossar))

Die Lektüre der Briefe

Die oft beklagte Abstraktheit der Ausführungen Schillers beginnt mit dem 11. Brief. Nur wenigen, entsprechend vorgebildeten, Lesern und Leserinnen kann sich ohne die Zuhilfenahme von Sekundärliteratur erschließen, was Schiller ab diesem 11. Brief ausführt. Es reicht dazu nicht, über einzelne Sätze zu "meditieren", daß sich ihr Sinn erschließe. Man muß sich die einzelnen Begriffe, und den Kontext, in dem sie eine klare Bedeutung erhalten, unter Zuhilfenahme von Kommentaren und Analysen, die es aber mittlerweile zuhauf gibt, erarbeiten. Die Sekundärliteratur zu den ästhetischen Briefen ist heute von riesigem Umfang[3]. Es finden sich allgemeine Einführungen, aber auch spezielle Untersuchungen zu einzelnen Briefen, Aspekten und Begriffen. Auch der philosphische Laie kann sich daher den Inhalt der Texte erarbeiten. Erst nach solchem Verstehen[4] kann sich die Frage stellen, ob man die Briefe oder einzelne Sätze oder Passagen zu einem Meditationsinhalt wählen will.

Da es sich bis zum 10. Brief relativ leicht liest, kann dies zu dem Eindruck führen, man habe eine Einleitung ins Thema gelesen, und ab dem 11. Brief gehe es dann richtig los. Aber warum nimmt Schiller da Rekurs auf die Transzendentalphilosophie, und hantiert mit sperrigen Begriffen, die von Kant und Fichte stammen?

„Das Vorhaben einer ästhetischen Erziehung des Menschen hatte im gedachten Gewesensein des Griechischen seine Rechtfertigung gefunden. So konnte die Untersuchung über das Schöne und die Kunst gegen die Einwände der dogmatischen Philosophie und des alltäglichen Denkens ebenfalls gerechtfertigt werden. Das zweite Stück der ästhetischen Briefe fängt trotzdem mit der Umbildung der Methode zum transzendentalen Weg an. Die Frage nach dem Grund der Aufstellung eines neuen Untersuchungswerkzeugs ist in der Schiller-Forschung ungestellt geblieben, so dass alle Kommentare über die Deduktion der Begriffe der Schönheit aus dem Menschenbegriff erst vom 11. Brief ausgehen. Sie verkennen mithin den Wert des ersten Teils der Schrift.[FN 71] (...) [N]ur durch den Fund der methodologischen Krise im 10. Brief, dessen Voraussetzung das Ganze der Unterscheidungen des Denkens und der Sache im ersten Teil der Schrift ist, [kann] das Bedürfnis eines transzendentalen Wegs erklärt werden. (FN 71: Die Kommentartoren sparen sich die Arbeit, eine Begründung für die neue Methode zu finden, dadurch, dass ihre Analysen entweder ohne weiteres auf den 11. Brief eingehen, oder es bei der Erklärung belassen, dass es sich dabei um eine Vertiefung der Methode handelt. Kein Kommentar, abgesehen von K. Hamburgers Kommentar, (vgl. 1966: 117) macht auf die hier auszulegende Krise aufmerksam. (vgl. u.a. E. Kühnemann 1895: 64; W. Janke 1967; ders. 1977; F. Heuer 1970; M. Tielkes 1973; H.-G. Pott 1980: 25; G. Schröder 1998: 202; M. Thiel 2005: 134 ff.)“ (Lit.: Emiliano Acosta: Schiller versus Fichte, S. 131)

„[D]er vertrauensvolle Enthusiasmus, mit dem die sie [die Briefe] beginnen, [läuft], wie wir später zeigen werden, schließlich in eine Art von Resignation [aus]. Diese Resignation haben wir zu begreifen, ohne sie zu theilen, d.h. wir müssen es uns als Aesthetiker und Pädagogen zumuthen, den Grundgedanken der "Briefe", die durch die moderne Civilisation insbesondere bedingte Nothwendigkeit der ästhetischen Erziehung, "realistischer" zu fassen, als es von Schiller geschah, und mit demselben Ernst zu machen.“ (Lit.: Deinhardt: Beiträge zur Würdigung, S. 3)

Siehe auch

Über die ästhetische Erziehung des Menschen - Artikel in der deutschen Wikipedia (enthält Zusammenfassungen der einzelnen Briefe)

Werkausgaben und Sekundärliteratur

  • Die ästhetischen Briefe Schillers (Online-Volltext)
  • Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Mit den Augustenburger Briefen hrsg. v. Klaus L. Berghahn, Reclam Nr. 18062, Stuttgart (2000) 2010, umfangreicher und informativer Anmerkungsteil zur Entstehungsgeschichte, auch Kommentare zu den einzelnen Briefen sowie ein Nachwort des Herausgebers, ISBN 3150180627; Ausgabe 2013: durchgesehen und bibliographisch ergänzt, Inhaltsverzeichnis
  • Friedrich Schiller, Stefan Matuschek: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Kommentar, Begriffsglossar, Bibliografie. ISBN 3518270168,Inhaltsverzeichnis
  • Friedrich Schiller, Wolfgang Düsing: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Text, Materialien, Kommentar, Carl Hanser 1981, Reihe Hanser Literatur-Kommentare, Nr. 17, ISBN 3446130055, Inhaltsverzeichnis und Vorbemerkung, (Zu seiner Zeit maßgebliche Studienausgabe, (lt. Matuschek heute überholt, sei aber weiter nützlich wegen der ausgewählten Dokumente zur Wirkungsgeschichte). Es lohnt sich weiter, den ausführlichen Kommentar Düsings mit seinen vielen Literaturverweisen ergänzend hinzuzuziehen)
  • Friedrich Schiller, Heinz Zimmermann, Rudolf Steiner: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen., Verlag Freies Geistesleben, 3. Aufl. 2009, Mit Ausführungen Rudolf Steiners über Wesen und Bedeutung von Schillers Ästhetischen Briefen und mit einer Einleitung und einem Nachwort von Heinz Zimmermann.[1], ISBN 3772503195

GA Zitierte Literatur

Weitere GA

Sekundärliteratur mit anthroposophischem Bezug

  • Heinz Zimmermann: Schillers Freiheitsphilosophie. "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", in: Erziehungskunst, 69 (2005) 7/8, S. 777-782. Als PDF: [2]
  • Maja Rehbein: Schillers ästhetische Briefe und die Zukunft der Menschheit, in: Literaturstraße. Deutsch-Chinesisches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur. Band 7, 2006, S. 71-82, Google-View
  • Prokofieff, Sergej O.: Friedrich Schiller und die Zukunft der Freiheit. Zugleich einige Aspekte seiner okkulten Biographie, Dornach bei Basel: Verlag am Goetheanum, 2007, (= Beiträge zur Geistesgeschichte Mitteleuropas. 2). – ISBN 978-3-7235-1309-5, Inhaltsverzeichnis
  • Selg, Peter: Friedrich Schiller. Die Geistigkeit des Willens, herausgegeben vom Ita-Wegman-Institut für Anthroposophische Grundlagenforschung. Dornach (Schweiz): Verlag am Goetheanum, 2., überarbeitete Aufl. 2010, 279 S. – ISBN 978-3-7235-1407-8, Verlagsauskunft
  • Soetebeer, Jörg: Selbsttätige Bildungskraft heute. Schiller, Stuttgart: Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen (edition waldorf), 2010, 203 S. – ISBN 978-3-940606-73-0, Inhaltsverzeichnis, Verlagsauskunft
  • Peter Guttenhöfer: Spiel als Weg zur Freiheit, Vortragstext
  • Wolfgang Zumdick: Erste Liebe, oder: Schillers ästhetische Briefe kommen in der Gegenwart an, in Die Drei, Heft 5 (Mai) 2005
  • Ilse Staedke: Schiller und die Waldorfpädagogik, Diss. Univ. Jena, veröffentlicht bei Klinkhardt in Leipzig, 1929, sowie in der Zeitschrift "Die deutsche Schule", Jg. 33, 1929, in 4 Teilen (Jg. 33, Heft 1 bis 4): Teil 1 Teil 2 Teil 3 [Teil 4, (Die Diss. behandelt das Verhältnis der Waldorfpädagogik zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung, zu Heinrich Marianus Deinhardt vgl. Teil 2, S. 79f. "IV. Deinhardts Würdigung Schillers")
"Übersetzungen" in bessere Verständlichkeit
  • Friedrich Schiller, Lorenzo Ravagli, Peter Bubenik, Christian Schacherreiter: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, neugefaßt von Lorenzo Ravagli, 2008, mit einem didaktischen Kommentar von Peter Bubenik und Christian Schacherreiter, Edition Neue Impulse, Perchtoldsdorf bei Wien, ISBN 978-3-200-01161-8, (die Briefe Schillers von Lorenzo Ravagli ins heutige Deutsch übertragen und für Schüler/den Unterricht sprachlich inhaltlich zu Zwecken besserer Verständlichkeit und Lesbarkeit angepaßt), Rezension1, Rezension2 (Schiller reloaded, S. 85f)
  • Sigismund von Gleich: Die ästhetischen Briefe in Umschreibungen, (Zur Freiheit durch die Schönheit. Briefe über d. ästhetische Erziehung des Menschen von Friedrich von Schiller in Umschreibungen), Verlag der Kooperative Dürnau, 1987 (Neuausgabe), Inhaltsangabe, Verlagsauskunft, ISBN 3-88861-022-2

Weitere Sekundärliteratur

  • Heinrich Marianus Deinhardt (1821 -1880): Beiträge zur Würdigung und zum Verständnisse Schillers, Cotta, Stuttgart 1861, google ebook, pdf (60MB) und Txt-Version (fehlerhaft) verfügbar, deutsche-digitale-bibliothek (PDF-Download wählen (80 MB)), Vorwort in lateinischer Schrift PDF (Dieses lesenswerte Vorwort ist nicht in der Sonderausgabe 1922 enthalten); Sonderausgaben (diese enthalten nur Deinhardts Arbeiten zu den ästhetischen Briefen, nicht die weiteren Arbeiten über Schiller ("Der Spaziergang", "Die Glocke", "Der Demetrius-Plan", die die Orginalausgabe enthält: a) Der Kommende Tag 1922: Beiträge zur Würdigung Schillers. Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, Einleitung Guenther Wachsmuth, archiv.org TXT, archiv.org ebook, b) Reprint im Verlag "Let Me Print", 2012, ISBN 5883744117, c) Ausgabe 1987: Verlag Kooperative Dürnau: ISBN 3-88861-023-0, Einleitung, biographischer Abriss Thomas Meyer, Verlagsauskunft
  • Waibel, Violetta L.: Die Schönheit als zweite Schöpferin des Menschen. Schillers Idee des „Spieltriebs“ und der „aktiven Bestimmbarkeit“ in den Briefen ‚Über die ästhetische Erziehung‘, Beitrag für die Festschrift von Konrad Liessmann zum 60. Geburtstag im April 2013, Intellektuelle Interventionen: Gesellschaft, Bildung, Kitsch, hrsg. von Katharina Lacina und Peter Gaitsch, 2013, PDF
  • Meier, Lars: Konzepte ästhetischer Erziehung bei Schiller und Hölderlin, Aisthesis-Verl. Bielefeld, 2015, (Diss. Bonn 2012), ISBN 9783849810924, Inhaltsverzeichnis und Einleitung
  • Paul Schulte: Solgers Schönheitslehre im Zusammenhang des Deutschen Idealismus Kant, Schiller, W. v. Humboldt, Schelling, Solger, Schleiermacher, Hegel, Zugl.: Kassel, Univ., Diss. 2001, ISBN 3-933146-59-3, PDF
  • Friedauer, Denise: Form und Stoff in Schillers Theorie der Ästhetischen Erziehung, Janus Presse, 2015, Diss., ISBN 978-3-938076-40-8, PDF
  • Keiji Hirayama: Die Idee des ästhetischen Staates bei Friedrich Schiller und Joseph Beuys, in: Monika Schmitz-Emans / Uwe Lindemann (Red.): Komparatistik. Jahrbuch der deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft 2002/2003, ISBN 3-935025-52-1
  • Folko Zander: "Freies Spiel" und "Spieltrieb". Ästhetische Bildung bei Kant und Schiller, in: Die Bildung der Moderne, hrsg. von Michael Dreyer u.a., Francke 2013, ISBN 9783772084690, S. 69 - 82
  • Bolten, Jürgen (Hrsg.): Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung, Suhrkamp Taschenbuch Materialien, Frankfurt 1984, ISBN 3-518-38537-2, Inhaltsverzeichnis
  • Habermas, Jürgen: Exkurs zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung der Menschheit, in: Jürgen Habermas: Der philosophische Kurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1985, (stw 749, 1988, ISBN 3518283488: Seite 59-64)
  • Jung, C. G.: Über Schillers Ideen zum Typenproblem, in: C. G. Jung, Gesammelte Werke Bd. 6, S. 68 - 141, Patmos Verlag 2011, ISBN 978-3-8436-0124-5
  • Emiliano Acosta: Schiller versus Fichte. Schillers Begriff der Person in der Zeit und Fichtes Kategorie der Wechselbestimmung im Widerstreit, (Fichte-Studien, Supplementa), Editions Rodopi, 2011, ISBN 9042033924
  • Wolfgang Welsch: Schillers Ästhetik neu betrachtet, Vortrag 2014, PDF, (Rekurs auf Kallias-Briefe)

Weblinks

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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
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Einzelnachweise

  1. Lorenzo Ravagli stellt die interessante These auf, Rudolf Steiners 'Philosophie der Freiheit' sei kein erkenntnistheoretisches Werk (das sei 'Wahrheit und Wissenschaft'), sondern eine Ästhetik. Und zwar habe Steiner für diese Ästhetik der Philosophie der Freiheit Schillers Briefe zum Vorbild gehabt. (Diese sind ja etwas abstrakt geraten, und Steiner bedauerte, daß der wertvolle Inhalt so vielen Menschen verschlossen bleiben würde, die sich nicht die Mühe machen könnten, die Leseschwierigkeit mit dem Text Schillers zu überwinden.) Die 'Philosophie der Freiheit' sei ein Buch, das das gleiche Thema wie Schiller in seinen ästhetischen Briefen bearbeite, dabei aber den Mangel der Schwerverständlichkeit behebe. Somit könne man, anstatt sich mit den Briefen Schillers abzumühen, stattdessen zur 'Philosophie der Freiheit greifen', könnte man die Ansicht Steiners dazu spekulativ annehmen, denn er äußert sich in einem Brief jener Zeit folgendermaßen: "Ich würde mich freuen, wenn es dahin käme, durch die Form den Inhalt so nahe zu bringen, dass man philosophische Gedanken wie einen unterhaltenden und lehrreichen Roman liest." (GA 38, S. 19). Allerdings ist die Philosophie der Freiheit auch nicht gerade ein leicht verständliches Buch. Steiner hat dazu sogar geäußert, sie hätte nicht leichter verständlich geschrieben werden dürfen, da es auch darauf ankäme, sich beim Lesen anzustrengen. Ravagli meint nun: "Wenn Steiner sein Vorhaben, eine ästhetische »Philosophie der Freiheit« zu schreiben, nicht aufgegeben hat, dann muss er erkannt haben, dass eine wirkliche Ästhetik sich nur am Wesen des Menschen ablesen lässt, an dem die Urformen des ästhetischen Handelns im Erkennen und freien Tun manifest werden. Die »Philosophie der Freiheit« ist diese Ästhetik. Sie ist keine Erkenntnistheorie, wie vielfach behauptet wird. Sie ist auch keine Anthropologie (»Menschenkunde des höheren Selbst«), wie man missverständlich formuliert hat. Wozu hätte Steiner noch einmal eine Erkenntnistheorie schreiben sollen, hatte er diese doch bereits in den »Grundlinien …« in Anknüpfung an Goethe und unabhängig von diesem in »Wahrheit und Wissenschaft« vorgelegt. Sein im eigentlichen Sinne erkenntnistheoretisches Werk stellt die Dissertation »Wahrheit und Wissenschaft« dar. Die »Philosophie der Freiheit« ist aber auch keine Ethik. Sie beschäftigt sich vielmehr mit der ästhetischen Dimension des menschlichen Erkennens und Handelns. Vorbild für diese Ästhetik dürften Schillers »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« gewesen sein, in denen auch die gedankliche Grundstruktur der »Philosophie der Freiheit« veranlagt ist, die Unterscheidung von Formtrieb und Stofftrieb, die durch den Spieltrieb vermittelt werden. Der erste Teil der »Philosophie der Freiheit«, die »Wissenschaft der Freiheit«, ist einer Untersuchung des Formtriebes – dem Erkennen – gewidmet, der zweite Teil, die »Wirklichkeit der Freiheit« dem Stofftrieb – dem Willen. Der erste Teil zeigt, wie sich der Formtrieb des Menschen im Widerspiel mit dem Stoff der Wahrnehmungswelt entfaltet und der Wirklichkeit eine menschliche Gestalt gibt. Der zweite Teil, die »Wirklichkeit der Freiheit«, beschreibt, wie der Mensch selbst, indem er seinem Stofftrieb den geistigen Gehalt der Welt einverleibt, eine ästhetische Gestalt annimmt und wie er der Welt eine ästhetische Gestalt gibt, indem er ihr seinen eigenen geistigen Gehalt einverleibt. Das Verdienst, diesen Grundcharakter des Werkes erkannt zu haben, kommt Herbert Witzenmann zu, der in seiner Untersuchung »Die Philosophie der Freiheit als Grundlage künstlerischen Schaffens« diese Eigentümlichkeiten des Werkes dargelegt hat." (Text auf anthroblog.anthroweb.info: Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie im Frühwerk Rudolf Steiners – II 2015)
  2. Das beinhaltet dann auch auf der geistigen Seite (Formtrieb) die Möglichkeit einer moralischen Freiheit im Sinne Kants (kategorischer Imperativ).
  3. Vgl. dazu: (Lit.: Friedauer 2015, S. 9 - 15)
  4. Eine andere Ansicht vertritt Philip Kovce in seiner Rezension zu Ravaglis "Übersetzung" der Schillerschen Briefe (s. Lit.:Ravagli, Rezension2): Die wenn auch anstrengende Lektüre des Schillerschen Originals selbst könne schon (bzw. überhaupt nur, im Gegensatz zur Lektüre des Ravaglischen Übersetzungsversuchs) ästhetische Erziehungswirkung entfalten. Ein Verständnis, was Schiller in einem theoretischen Sinne inhaltlich gemeint habe, sei dazu, also für die "meditative" Wirkung, nicht erforderlich. "Legt Schiller seine Gedanken in den »ästhetischen Briefen« so an, dass er nur über eine ästhetische Erziehung theoretisiert, oder gelingt es ihm eine Form zu schaffen, bei der der (ohne Zweifel schwierige) Mitvollzug der inhaltlichen Gedanken wie eine ästhetische Erziehung wirkt? Plakativ und verkürzt gefragt: Schreibt Schiller selbst unterjocht vom Form- und/oder Stofftrieb, oder aus dem ästhetischen Zustand heraus, also aus dem Spieltrieb, so dass der Leser beim Lesen ästhetisch erzogen wird, weil die Briefe selbst als ästhetische Erziehung wirken können? Sowohl die Argumentation meines Mitbewohners als auch meine eigene Leseerfahrung können Schiller letzteres bescheinigen." (Rezension2, S. 85). Würde solche Auffassung zutreffen, könnte zu dem Zwecke, den die Briefe eigentlich hätten: Selbsterziehung durch meditierende Lektüre, völlig auf irgendwelche Kommentare und Interpretationen der Schillerschen Briefe verzichtet werden. Man bräuchte sie nur immer und immer wieder zu lesen, (wenn man es denn tut). Heißt es nicht aber andererseits: "Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein". (Goethe, Faust I). Zu einem anderen großen Text, dem Vater unser hat sich Rudolf Steiner hinsichtlich seiner inhaltlichen Bedeutung ausführlich geäußert, auch aus dem Grunde, weil die heutigen Sprachen durch sich selbst nicht mehr so stark inhaltlich wirken können wie die alten, insbesondere das Aramäische. Als Ersatz müsse ein inhaltliches begriffliches Verständnis hinzukommen. Gemeint ist freilich ein anthroposophisches Verständnis. Dieses soll auch erst ein rechtes Verständnis der Schillerschen Briefe ermöglichen, wie auch des Goetheschen Märchens.

    „Wenn man sich mit innerem Verständnis einläßt sowohl auf Schillers Ästhetische Briefe wie auf Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», so merkt man, daß da etwas von einer ungeheuren Geistigkeit drinnen ist, die seither die Menschheit verlassen hat, die seither nicht mehr da ist. Da waltet etwas, wofür die wenigsten Menschen heute eigentlich so richtige Empfindung haben. Wer Schillers Ästhetische Briefe liest, müßte die Empfindung haben: Da waltet noch ein anderes seelischgeistiges Element in der Schreibart selbst, als es heute auch bei den hervorragendsten Geistern waltet, und zu glauben, daß heute jemand so unmittelbar etwas schreiben könnte wie Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», ist überhaupt eine Dummheit. Denn diese Geistigkeit ist so nicht mehr da seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das spricht nicht unmittelbar zum heutigen Menschen, das kann nur eigentlich sprechen durch das Medium der Geisteswissenschaft, die den Gesichtskreis erweitert, und die sich auch in Früheres wirklich einlassen kann. Und es wäre eigentlich am besten, wenn sich die Menschen gestehen würden: Ohne Geisteswissenschaft verstehen sie Schiller und Goethe gar nicht. Jede «Faust»-Szene kann Ihnen das beweisen.“ (Lit.:GA 188, S. 153f.)

    Zudem begeht Bildungsbürger Philip Kovce den Fehler, seine eigene philosophische Vorbildung und begriffliche Geschultheit bei anderen, insbesondere Schülern, für die Ravagli seine Übersetzung angefertigt hat, als gegeben zu unterstellen. Wem ein inhaltliches Begreifen der Schillerschen Briefe leicht fällt, bemerkt es wohl gar nicht mehr, wie sehr das meditative Wirken der reinen Form sehr wohl von einem hinreichend genauen inhaltlich-begrifflichen Verständnis abhängt. Ein guter Einstieg in solches Verständnis können die "Übersetzungen" von Ravagli und Sigismund von Gleich in jedem Fall sein.