Stimmung

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Die Stimmung (auch Seelenstimmung) ist - im Gegensatz zu Affekten oder Emotionen - ein länger anhaltender, mit verschiedenen positiven oder negativen Gefühlen verbundener Gemütszustand, der einerseits von der leiblichen und seelischen Gesamtverfassung, andererseits aber auch von äußeren Gegebenheiten abhängt und in diesem Sinn auch objektivierbar ist. Einzelne Gegenstände, z.B. Mineralien, Pflanzen usw., aber auch Kunstwerke u. dgl., haben oft eine ganz spezifische Anmutung. Weniger die einzelnen Gegenstände selbst, sondern ihr Zusammenwirken zu einem fühlbaren Gesamtbild erzeugen oft eine charakteristische Atmosphäre. Der deutsche Philosoph Gernot Böhme schreibt dazu:

„In der Wahrnehmung der Atmosphäre spüre ich, in welcher Art Umgebung ich mich befinde. Diese Wahrnehmung hat also zwei Seiten: auf der einen Seite die Umgebung, die eine Stimmungsqualität ausstrahlt, auf der anderen Seite ich, indem ich in meiner Befindlichkeit an dieser Stimmung teilhabe und darin gewahre, dass ich jetzt hier bin. Wahrnehmung qua Befindlichkeit ist also spürbare Präsenz. Umgekehrt sind Atmosphären die Weise, in der sich Dinge und Umgebungen präsentieren.“

Gernot Böhme: Atmosphäre, S. 96

„Atmosphären haben also als gestimmte Räume etwas quasi Objektives. Ob es sehr geschickt ist, dieses Gefühle zu nennen, sei dahingestellt. Wenn man aber von quasi objektiven Gefühlen spricht, so ist deutlich, daß sie von dem unterschieden sind, was man empfindet. Die Melancholie mag atmosphärisch in der Luft liegen, aber wenn ich melancholisch bin, dann im Sinne meiner affektiven Betroffenheit durch Melancholie. Nenne ich letzteres meine Melancholie, dann ist sie eine subjektive Tatsache im Sinne von Hermann Schmitz[1], während die quasi objektive Melancholie, die atmosphärisch in der Luft liegt, etwas ist, das viele Menschen spüren können, und zwar sogar so, daß sie trotz der Subjektivität des Spürens sich über den Charakter dessen, was sie spüren, verständigen können.“

Gernot Böhme: Aisthetik, S. 49

Die subjektiven und objektiven Anteile der Stimmung voneinander zu klar zu trennen, erfordert allerdings einige Übung in seelischer Beobachtung. Insbesondere muss man dazu von der eigenen Befindlichkeit und von jeder persönlichen Sympathie und Antipathie, die sich oft sehr stark geltend machen, absehen können. Jede Landschaft, jede Stadt, jede Wohnung, jedes Zimmer, jede Menschenversammlung hat, objektiv betrachtet, eine charakteristische Stimmung, die dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen wird. Aber auch jede einzelne Form, jede Farbe, jeder Laut usw. ist mit einer typischen Stimmung verbunden, wie es etwa schon Goethe in seiner Farbenlehre als „sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe“ beschrieben hat.

Das Erleben objektiver Stimmungen als Ausgangspunkt für übersinnliche Erfahrungen

Objektiv erlebte Stimmungen sind bereits ein Hinweis auf real vorhandene ätherische und astrale Kräfte und Wesenheiten. Durch entsprechende geistige Schulung können diese Erlebnisse zu Imaginationen und Inspirationen verdichtet werden.

„Weder Goethe noch Herder hatten in ihrer Zeit schon die Möglichkeit, hineinzuschauen in die geistige Welt, wie das heute durch Geisteswissenschaft geschehen soll; aber wie ein Vorahnen dieser Geisteswissenschaft war in ihnen die Stimmung vorhanden, die in besonderer Verstärkung, in besonderer Intensität beim Inspirieren und Imaginieren auftritt. Herder und Goethe fühlten sich in Inspirationsstimmung, indem sie Spinoza lasen, und Goethe fühlte sich in Imaginationsstimmung, als er sich durch die italienischen Kunstwerke zu einer Naturanschauung hindurcharbeitete. Goethe empfand aus der Inspirationsstimmung des Spinozismus heraus die Sehnsucht nach der Imaginationsstimmung, und was Goethe als Urbilder der Pflanze, des Tieres fand, es war noch nicht wirkliche Imagination. Die Methode, wirkliche Imagination zu erwerben, hatte Goethe nicht. Aber dasjenige, was er hatte, war die Stimmung, die man beim Imaginieren hat. Diese Stimmung konnte er in sich anfachen, indem er zwar nicht zu wirklichen, reinen, frei innerlich geschaffenen Imaginationen aufrückte, sondern indem er, sich anlehnend an dasjenige, was Pflanze, Tier, was die Wolkenwelt darleben, in sich sinnlich-übersinnliche Bilder erlebte. Er konnte sich in die beim Imaginieren verlaufende Stimmung finden, wie er sich beim Lesen des Spinoza gefunden hat in die Stimmung des Inspiriertwerdens. Er kannte den Seelenzustand, in dem der Mensch, was er ausspricht, so erlebt, daß er sich der Worte nur als Mittel bedient, um gewissermaßen die Geheimnisse des Weltenalls von der Welt selber aussprechen zu lassen.“ (Lit.:GA 325, S. 87)

Korrespondenz verschiedener Sinnesqualitäten

Dass im Erleben einer Gesamtstimmung auch verschiedene Sinnesqualitäten gesetzmäßig miteinander korrespondieren können, hat Rudolf Steiner etwa in seinen Ausführungen zur Eurythmie am Beispiel von Lauten und Farben gezeigt. Daraus ergeben sich auch Hinweise für die Farben der Bekleidung, die etwa zur Gesamtstimmung eines bestimmten Gedichtes passen. Die Farbe erscheint hier als „der an der Außenwelt fixierte Gemütsinhalt“.

„Denn die Sache ist schon so, daß man in den Laut so recht nur dann hineinkommt, wenn man ihn auch farbig empfindet.

Denken Sie doch nur einmal, der a-Laut: die Verwunderung, das Erstaunen! Es ist ja eine Farbe im Grunde genommen nur dasjenige, was außer uns unseren Gemütsinhalt gibt. Eine Farbe gibt außerhalb unserer unseren Gemütsinhalt. Deshalb ist so viel Streit über das Wesen der Farben, weil man nicht beachtet, daß die Farbe eigentlich der an der Außenwelt fixierte Gemütsinhalt ist.

Nun, nehmen Sie das Erstaunen, die Verwunderung. Als Geste werden Sie Erstaunen, Verwunderung fühlen in der a-Geste. Nun müssen Sie sich fragen: Was kann mich denn veranlassen, im rein Farbigen diese Geste zu bilden? Und da werden Sie aus dem Gefühl heraus auf diese Farbenkombination eben kommen, diese Farbenkombination, die aus dem Blau und Violett, also aus den sogenannten dunklen Farben heraus arbeitet.

Nehmen Sie aber die o-Stimmung. Die o-Stimmung ist diejenige des Umfassens, des In-sich-Aufnehmens, des Mit-sich-Vereinigens. Sie brauchen dabei helle Farben. Sie haben sie hier (Eurythmiefigur o).

Nun können Sie diese Farben zunächst nicht so gebrauchen, wie sie hier dargestellt sind, aus dem vorhin angegebenen Grunde. Aber von größter Bedeutung wird es für Sie sein, wenn Sie dann übend die Empfindung davon haben, wie in der Farbe ein a oder ein o oder ein i ist, oder wiederum ein u, die Ängstlichkeit; denn Sie verwachsen dadurch intimer mit der Natur der Geste. So daß es geradezu beim Üben gut ist, die Sache so zu machen, daß man wirklich, wenn auch nur in der Vorstellung, sich in der Art bekleidet, wie das hier ist. Besonders gut ist es, wenn man sich eben in Gedanken bekleidet.

Denken Sie nur einmal die ganze e-Stimmung in diesem blassen Gelb mit etwas Grün in der Mitte, blasses Gelb mit etwas Grün. Man fühlt, wie das Rot und Blau sich im Grün verlieren. Während Sie beim Blau und Violett das Hingegebensein haben, a und u, haben Sie bei alledem, was Selbstbehauptung ist, oder was In-sich-Aufnehmen ist, die helle Farbe. Sie haben bei dem, was e ist, Berührtwerden und Sich-Behaupten nach dem Berührtwerden, eben Grün. Sie bekommen Grün, wenn Sie Gelb und Blau mischen, also Helles und Dunkles in der Farbe mischen. Da haben Sie direkt das e durch das Farbige selbst ausgedrückt. So wachsen Sie zusammen mit der Geste, wenn Sie diese Farbe wählen.

Nun, nehmen Sie aber an, man ist einmal dahintergekommen hinter solche Sachen - man kann nicht mit dem Verstande dahinterkommen, man kann nur mit dem Gemüte dahinterkommen -, nehmen wir an, man ist einmal dahintergekommen, daß irgendeine Stimmung, zum Beispiel die e-Stimmung dieses ist (Eurythmiefigur e). Man kommt dann auch wiederum von selber darauf, daß ganze Gedichte die e-Stimmung atmen. Da können die mannigfaltigsten Vokale drinnen sein, die Gedichte haben eben die e-Stimmung. Nehmen Sie zum Beispiel ein Gedicht oder irgend etwas, was zu eurythmisieren ist, wo wir, sagen wir, fortwährend unangenehm berührt werden und doch dieses unangenehme Berührtwerden in einer gewissen Weise nicht fortgehen lassen, das ist die e-Stimmung. Wenn das Gedicht diese Stimmung hat, dann werden wir gut tun, diese Bekleidung zu wählen für das ganze Gedicht. Es handelt sich darum, daß wir uns an den Lauten selber die Färbungen aneignen, dann können wir schon auch aufsteigen zu der Bekleidung ganzer Gedichte.“ (Lit.:GA 279, S. 126ff)

Der «innere Sinn»

Hauptartikel: Innerer Sinn

Dieses Phänomen hängt mit dem inneren Sinn des Menschen zusammen, von dem schon Aristoteles in seiner Schrift «Über die Seele» gesprochen hat[2]. Mit den Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne schwingen oft auch ganz andere Sinnesqualitäten mit, die zwar nicht äußerlich sinnlich wahrgenommen, aber doch deutlich gefühlt werden können, sodass wir zurecht von warmen und kalten Farben, hellen oder dunklen bzw. hohen oder tiefen Tönen usw. sprechen. In diesen Bereich gehören auch die sinnlich-sittlichen Wirkungen der Farben, von denen Goethe in seiner Farbenlehre gesprochen hat, oder das Phänomen der Synästhesie.

„Jeder einzelne Sinn nimmt ein gewisses Gebiet der Außenwelt wahr: der Gesichtssinn Farben und Licht, der Gehörsinn die Töne und so weiter. Wir stehen gleichsam durch diese Tore unseres Wesens, die wir als Sinne bezeichnen, in Beziehung zu der Umwelt, wir öffnen uns der Umwelt, aber wir nähern uns durch jeden einzelnen Sinn einem ganz bestimmten Gebiete der Umwelt.

Nun zeigt uns schon unsere gewöhnliche Sprache, daß wir in unserem Inneren etwas tragen wie ein Prinzip, das diese verschiedenen Gebiete, denen sich unsere Sinne neigen, zusammenfaßt. Wir sprechen zum Beispiel von warmen und kalten Farben, wenn wir auch empfinden, daß das für unsere Verhältnisse zunächst nur vergleichsweise ist, daß wir doch durch den Gefühlssinn Kälte und Wärme und durch den Gesichtssinn Farben, Hell und Dunkel wahrnehmen. Wir sprechen also von warmen und kalten Farben, das heißt, wir wenden aus einer gewissen inneren Verwandtschaft, die wir fühlen, das, was der eine Sinn wahrnimmt, auf den anderen an. So drükken wir uns aus, weil in unserem Inneren verschmilzt eine gewisse Gesichtswahrnehmung mit dem, was wir durch unseren Wärmesinn wahrnehmen. Feiner empfindende Menschen, sensitive Menschen können bei gewissen Tönen innerlich regsam fühlen wiederum gewisse Farbenvorstellungen, so daß sie sprechen können von gewissen Tönen, die in ihnen die Farbenvorstellung des Rot, andere, die in ihnen die Farbenvorstellung des Blau hervorrufen. In unserem Inneren lebt also etwas, was die einzelnen Sinnesbezirke zusammenfaßt, was aus den einzelnen Sinnesbezirken ein Ganzes für die Seele bildet.

Man kann, wenn man sensitiv ist, noch weiter gehen. Es gibt Menschen, die zum Beispiel, wenn sie eine Stadt betreten, so empfinden, daß sie sagen: Diese Stadt macht auf mich den Eindruck einer gelben Stadt, - oder wenn sie eine andere Stadt betreten: Diese macht auf mich den Eindruck einer roten Stadt, eine andere macht den Eindruck einer weißen, einer blauen Stadt. - Wir übertragen eine ganze Summe dessen, was auf uns wirkt, in unserem Inneren auf eine Farbenvorstellung, wir fassen die einzelnen Sinneseindrücke in unserem Inneren mit einem Gesamtsinn zusammen, der sich nicht auf ein einzelnes Sinnesgebiet richtet, sondern der in unserem Inneren lebt und uns wie mit einem einheitlichen Sinn erfüllt, indem wir die einzelnen Sinneseindrücke hineinverarbeiten. Den inneren Sinn können wir das nennen. Wir können das um so mehr den inneren Sinn nennen, als alles das, was wir sonst nur innerlich erleben an Leid und Freude, an Leidenschaften und Affekten, wir auch wiederum zusammenbringen können mit dem, was uns dieser innere Sinn gibt. Bestimmte Leidenschaften können wir als dunkle, kalte Leidenschaften bezeichnen, andere als warme, lichtvolle, helle Leidenschaften.

Wir können auch sagen: Also unser Inneres wirkt wiederum zurück auf das, was den inneren Sinn bildet, - Gegenüber den vielen Sinnen, welche wir den einzelnen Gebieten der Außenwelt zuwenden, können wir von einem solchen uns die Seele erfüllenden Sinn sprechen, von dem wir wissen, daß er nicht mit einem einzelnen Sinnesorgan zusammenhängt, sondern unsere ganze menschliche Wesenheit in Anspruch nimmt als sein Werkzeug. Diesen inneren Sinn mit Manas zu bezeichnen, ist ganz im Sinne der Sankhyaphilosophie. Das, was substantiell formt diesen inneren Sinn, ist das, was schon als ein späteres Formprodukt heraus sich entwickelt aus Ahamkara im Sinne der Sankhyaphilosophie. So daß wir sagen können: erst die Urflut, dann Buddhi, dann Ahamkara, dann Manas, was wir antreffen in uns als unseren inneren Sinn. Wenn wir diesen inneren Sinn betrachten wollen, dann machen wir uns das heute dadurch klar, daß wir die einzelnen Sinne nehmen und sozusagen nachsehen, wie wir eine Vorstellung dadurch gewinnen können, daß die Wahrnehmungen der einzelnen Sinne sich zusammenfügen im inneren Sinn.“ (Lit.:GA 142, S. 34ff)

Siehe auch

Anmerkungen

  1. »Eine Tatsache ist ein Sachverhalt, der in einem Satzausspruch angemessen beschrieben werden kann. Eine Tatsache ist subjektiv, wenn zu ihrer angemessenen Beschreibung strikt ichbezogene Ausdrücke ... erforderlich sind.« (Schmitz 1977, 372) Schmitz Standardbeispiel für letzteres ist der Satz Ich bin traurig.
  2. De anima III, 2

Literatur

  1. Gernot Böhme: Atmosphäre: Essays zur neuen Ästhetik. Suhrkamp Verlag 2013, ISBN 978-3518126646
  2. Gernot Böhme: Aisthetik: Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre, Wilhelm Fink Verlag, München 2001, ISBN 978-3770536009
  3. Hermann Schmitz: System der Philosophie, Band 3, Teil 4, Bouvier Verlag, Bonn 1977
  4. Hermann Schmitz: Atmosphären, Verlag Karl Alber 2014, ISBN 978-3495486740
  5. Rudolf Steiner: Eurythmie als sichtbare Sprache , GA 279 (1990), ISBN 3-7274-2790-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum, GA 325 (1989), ISBN 3-7274-3250-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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