Brunetto Latini

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das älteste Porträt Dante Alighieris; links sein Lehrer Brunetto Latini: Detail aus dem Fresko des Paradieses ( 14.Jhdt. ) von Giotto di Bondone (Museo del Bargello. Maria-Magdalena-Kapelle, Florenz)
Brunetto Latini.jpg

Brunetto Latini (* um 1220 Florenz; † 1294) war ein italienischer Staatsmann, Schriftsteller, Gelehrter und Lehrer und väterlicher Freund des jungen Dante Alighieri (1265-1321). Der zeitgenössische Historiker Giovanni Villani (* um 1280; † 1348) bezeichnete ihn als „großen Philosophen und Meister der Rhetorik“ und als „den Ersten, der die Florentiner geisselte und ihnen Gutes tat, indem er sie belehrte, wie die Republik nach den Regeln der Politik zu führen sei.“ (G. Villani: Nuova Cronica IX,10 [1])

Leben

Brunetto wurde um 1220 als Sohn des Bonacorso Latini in Florenz geboren. Einer hochangesehenen Familie enstammend, bekleidete er vermutlich schon ab 1253 hohe Ämter in der florentinischen Regierung.

1260, kurz nach seiner Heirat, war Brunetto als Gesandter in Spanien bei König Alfons X. von Kastilien. Auf dem Rückweg in seine Heimatstadt Florenz erhielt er die Nachricht, dass die Partei der Guelfen, der er selbst angehörte, gestürzt worden sei und dass die Ghibellinen mit brutaler Gewalt gegen sie vorgingen. Diese Nachricht traf ihn wie ein Schock, dazu kam noch ein leichter Sonnenstich, der seinen Ätherleib lockerte und ihm den geistigen Blick öffnete. Brunetto konnte in seinem Initiations-Erlebnis einen Nachklang der Schule von Chartres auffangen (Lit.:GA 240, S. 302f). Äußerlich war die Schule von Chartres verklungen, aber die Äthersphäre war durchdrungen von ihrem Geist[1]. Es war gerade die kurze Zeit der völligen geistigen Finsternis, die sich um 1250 über die Menschheit für wenige Jahre gebreitet hatte, abgelaufen.

Nach dem Sieg der Ghibellinen wurde Brunetto Latini verbannt und ging ins Exil nach Paris. Hier schrieb er in französischer Sprache sein Werk Li Livres Dou Trésor ("Buch vom Schatz"), eine das Wissen seiner Zeit umspannende Enzyklopädie, und fast gleichzeitig auf Italienisch den Tesoretto. Er trug damit wesentlich zur Entwicklung der italienischen Volkssprache bei. Der italienische Geschichtsschreiber Giovanni Villani (1276-1348) bezeichnete ihn deshalb als den "Beginner und Meister in der Entwicklung der toskanischen Sprache".

Nach der Wiedereinsetzung der Guelfen, die 1266 in der Schlacht bei Benevent die Ghibellinen bezwangen, konnte Brunetto 1267 nach Florenz zurückkehren, bekleidete hier fortan wieder wichtige Ämter und wurde 1287 zum Sekretär der Republik ernannt. Gewandt im Lateinischen, Toskanischen und Französischen war Brunetto als Redner, Dichter, Historiker, Rechtsgelehrter, Philosoph und Theologe hoch angesehen. In diese Zeit fällt auch die Erziehung des jungen Dante, der ihm durch Familienbeziehungen nahestand. Auch andere Dichter und Freunde Dantes aus dem Kreis der Fedeli d’Amore wie z. B. Guido Cavalcanti und Francesco da Barberino waren Brunettos Schüler. Dante gedenkt seines verehrten Lehrers in der Göttlichen Komödie im 15. Gesang des Inferno:

82 Das theure, gute Vater-Angesicht,
Noch seh’ ich’s vor betrübtem Geiste schweben,
Noch denk’ ich, wie ihr mich im heitern Licht
85 Gelehrt, wie Menschen ew’gen Ruhm erstreben,
Und wie mir dies noch theuer ist und werth,
Soll kund, so lang’ ich bin, die Zunge geben.
88 Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,
Bewahr’ ich wohl. –
                               (Inferno 15,82-88)

Warum Dante seinen geschätzten Lehrmeister in den siebenten Höllenkreis versetzt, wo die Gewalttäter wider die Natur, die Sodomisten, fürchterliche Qualen leiden, bleibt allerdings unklar. Über etwaige sexuelle Verfehlungen - nach dem Maßstab der spätmittelalterlichen kirchlichen Morallehre - ist nichts bekannt. Vielleicht ist die Ursache auch „nur“ in Dante anstößig erscheinenden Passagen in Brunettos Schriften zu suchen. Oder er sah die „Unzucht“ darin, dass sich Brunetto für sein Livre du Trésor des Französischen bedient hatte und damit der italienischen Volkssprache untreu geworden war - für Dante durchaus schwerwiegende Gründe.

Brunetto starb 1294.

Nach einem Hinweis Rudolf Steiners soll Dante im karmischen Zusammenhang mit König Johann von Sachsen (1801-1873) stehen, der in Dresden, dem Elbflorenz, ab 1854 regierte und unter dem Pseudonym Philalethes Dantes «Göttliche Komödie» ins Deutsche übersetzte. Vermutet wird auch der karmische Bezug von dessen Leibarzt Carl Gustav Carus (1789-1869) zu Brunetto Latini[2].

Il Tesoretto

Dante und Vergil sprechen mit Brunetto Latini in der Hölle. Aus einem illustrierten Kommentar zur «Göttlichen Komödie», zirka 1345

Brunetto Latini hat seine Schau in der Dichtung Il Tesoretto ("der kleine Schatz") festgehalten, die nach Richard L. John „unverkennbar die Spuren des Templertums an sich“ trägt[3]:

Von Schmerzen gebeugt ob der erhaltenen Schreckensbotschaft verliert er wie in Trance den Weg und findet sich endlich in einem abgelegnen, wilden Wald wieder. Als er sich endlich wieder besinnen kann, sieht er sich vor einen Berg gestellt und beobachtet große Scharen seltsamer Tiere, Menschen, Gräser, Blumen, Bäume, Steine und Perlen. Alles ist in ständiger Verwandlung, entsteht und vergeht wieder – und zwar so, wie es ein daneben stehendes weibliches Wesen gebietet, das Brunetto einmal wie verkörpert in wunderschöner Gestalt erscheint, dann wieder riesenhaft und gestaltlos - Natura. Jetzt lacht ihr Gesicht, dann ist es von Schmerzen verzerrt.

„Nun schildert Brunetto Latini, wie die Schöpfung sich um den Berg ausbreitet, wie ihm auf dem Berg eine riesige Frauengestalt erscheint, auf deren Worte hin, auf deren Wortangaben hin sich diese Schöpfung, die um den Berg ist, wandelt und ändert, andere Formen annimmt. Und so wie Brunetto Latini spricht, so erkennt man: er spricht so über diese Frauengestalt, wie in den alten Einweihungsmysterien gesprochen worden ist über Proserpina. Nur hat die Vorstellung über die Proserpina eben die Wandlung durchgemacht von der alten Griechenzeit bis zum Ausgang der griechisch-lateinischen Zeit. Nicht so wie die alten griechischen Dichter die Proserpina schildern, schildert Brunetto Latini sie; er schildert sie eben so, wie sie in den menschlichen Seelen lebte im Ausgang des griechisch-lateinischen Zeitalters. Und dennoch: Das, was der alte Ägypter anhörte, wenn ihm die Beschreibung der Isis, und was der Grieche anhörte, wenn ihm die Beschreibung der Proserpina nahetrat durch die Einweihung, man kann es vergleichen mit dem, was Brunetto Latini erzählt von dieser Frauengestalt, auf deren Geheiß und Worte hin sich die Gestalten der Schöpfung wandeln.“ (Lit.:GA 187, S. 121f)

Und ich in solcher Trauer
mit geneigtem Haupte nachdenkend,
verlor den großen Weg
und gelangte quer
190 durch einen seltsamen Wald.

Aber zurückkehrend zur Besinnung
wandte ich mich und heftete meinen Sinn
ringsherum auf das Gebirge
und sah eine grosse Menge
195 von verschiedenen Tieren;
welche, kann ich nicht gut sagen,
aber Männchen und Weibchen,
wilde Tiere, Schlangen und Raubtiere
und Fische in grossen Scharen
200 und alle Arten
fliegender Vögel
und Gräser und Früchte und Blumen
und Steine und Sternblumen,
die sehr wohltuend sind,
205 und so viel andere Dinge,
dass kein sprechender Mensch
sie nennen,
noch einteilen kann.
Aber so viel kann ich davon sagen,
210 dass ich sie gehorchen sah,
enden und beginnen,
sterben und erzeugen
und ihre Natur annehmen
nach dem Befehl einer Gestalt,
215 die ich sah.
Und sie schien mir,
als wenn sie verkörpert wäre,
manchmal ungeformt,
manchmal den Himmel berührend,
220 der ihr Schleier zu sein schien;
und bisweilen verwandelte sie ihn
und bisweilen bewegte sie ihn.
Auf ihr Geheiß
bewegte sich das Firmament.
225 Und bisweilen breitete sie sich aus,
dass die ganze Welt in ihren Armen schien.
Einmal lachte das Gesicht,
dann wieder war es von Gram und Schmerz durchzogen,
230 schliesslich nahm es seinen früheren Ausdruck an.

[...]

Aber dann, als sie mich sah
lachte ihr Angesicht,
285 Zu mir wandte sie sich
sehr gütig und sagte:
Ich bin die Natur
290 und bin ein Werk
des höchsten Schöpfers,
er ist mein Schöpfer,
durch ihn wurde ich geschaffen
und begonnen,
295 aber seine große Macht
war ohne Anfang:
sie endigt weder, noch stirbt sie.
Aber meine ganze Arbeit ist,
dass, sobald ich sie entzünde,
300 sie sich verzehren muss.
Er ist allmächtig,
aber ich bin nichts,
wenn er es nicht gewährt.
Er sorgt vor für alles
305 und ist an jedem Ort
und weiß das, was vergangen
und die Zukunft und die Gegenwart,
aber ich bin nicht wissend,
außer um das, was er will,
310 Zeige mir, wie du es zu tun pflegst,
das, was du willst, das ich machen möge,
und das, was ich zerstören möge.
Durch ihn bin ich seine Arbeiterin,
deshalb befiehlt er mir;
315 so auf Erden und in der Luft
hat er mich zu seinem Stellvertreter gemacht.
Er ordnet die Welt
und ich nach seinem Befehl
320 leite es nach seinem Geist.

Natura schildert dann, wie Gott durch das Sechstagewerk die ganze Schöpfung hervorgebracht hat, alle Pflanzen und Tiere und zuletzt den Menschen als sein Ebenbild. Sie berichtet von der gestaltenden Vernunft und den engelhaften Wesenheiten, aber auch vom Hochmut Luzifers und wie alle, die ihm folgen, ins ewige Feuer des Infernos gestoßen werden. Sie spricht vom Sündenfall und seinen Folgen, der Vertreibung aus dem Paradies, und vom Entschluss Gottes, zu sterben, um die Menschen wieder zu heilen.

Brunetto Latini erneuert so im christlichen Sinn das, was der Ägypter mit der Isis verband und der Grieche schilderte im Proserpina-Persephone-Mythos, die ihrer Mutter Demeter das Gewand webt. Der Unterschied besteht darin, dass man in alten Zeiten das Augenmerk vor allem auf das Ruhende, auf das in allem Wechsel Bleibende legte, während Brunetto gerade auf das sich Wandelnde schaut. Es sind aber immer die Seelenkräfte gemeint, die als Begleiter des Nus, des Weltengeistes, schaffend die Welt durchweben. Natura ist eine Schwester der Urania, des Sternenhimmels. So wie Urania die kosmische Beraterin des Nus ist, so wird Nus in den irdischen Bereichen von Natura beraten.

Der Initiationsweg des Brunetto Latini

„Dasjenige, was man später abstrakt die Naturgesetzlichkeit nannte, wovon man sich später durchaus nicht hat vorstellen wollen, daß etwas Wesenhaftes dahinter ist, das sah Brunetto Latini in Form der Imagination von einer Frau, aus deren Geiste, wie in einem diese von ihm auch imaginierte Natur beherrschenden Worte, dasjenige hervorging, was später in abstrakter Form als Naturgesetzmäßigkeit empfunden wurde. Diese Frau sagte ihm dann - so erzählt er -, er solle seine Seelenkräfte vertiefen, dann werde er immer tiefer in sich hineinkommen. - Und nun ist es interessant, wie sie, gleichsam ihre Kraft über ihn ausstrahlend, ihm die Möglichkeit gibt, immer tiefer in sich hineinzukommen. Es ist das Untertauchen in die eigene Wesenheit. Und die Reihenfolge, die er angibt, ist wirklich für gewisse Verhältnisse die richtige Reihenfolge der Initiation.“ (Lit.:GA 161, S. 52)

Es sollen nun die einzelnen Stufen des Initiationsweges des Brunetto Latini genauer beschrieben werden.

„Brunetto Latini hat vor sich dieses Zeitalter, in dem wir jetzt drinnen leben. Er naht sich Florenz. Er weiß, dasjenige, was Florenz geworden ist unter dem Impuls des unmittelbaren menschlichen Lebens, der unmittelbaren intellektuellen Antriebe, das soll begraben werden unter dem Aufkommen von Institutionen, die aus der Abstraktion hervorgehen. Er naht sich Florenz. Der Schmerz macht, so schildert er, daß er sich in einem Walde verirrt, in einem öden Walde. Als er zur Besinnung kommt, bemerkt er inmitten einer großartigen Weltenschöpfung - die seine Imagination ist - einen Weg und eine riesige Frauengestalt. Wir hören, daß er unter dieser riesigen Frauengestalt die «wahre Natur» anredet, nicht jene Natur, welche die heutige Naturwissenschaft beschreibt, sondern die «wahre Natur». Diese «wahre Natur» erteilt ihm Lehren über dasjenige, was im Menschen lebt, über die Geheimnisse der menschlichen Seele, über die Geheimnisse der vier menschlichen Temperamente, über die Geheimnisse der menschlichen Sinne, über die Geheimnisse der Elemente, über die Geheimnisse der Planeten. Sie führt ihn dann hinaus über den Planetenbereich in den Ozean des Weltendaseins bis an die Säulen des Herkules, wohlgemerkt: in einer Zeit, in der es noch nicht den Kopernikanismus gegeben hat, in einer Zeit, in der Amerika noch nicht wieder neu entdeckt worden war. Dann wird er darauf aufmerksam gemacht, daß er alles das, also die ganze sichtbare Welt, zu verlassen hat. Dann werde er erst erkennen die Geheimnisse von Gut und Böse; dann werde er erst erkennen den Gott der Liebe und so weiter. Man möchte sagen, diese Betrachtungsweise Brunetto Latinis ist eine richtige Silvesterbetrachtung des vierten nachatlantischen Zeitraums in der kosmischen Neujahrszeit des Heranrückens des fünften nachatlantischen Zeitraums.“ (Lit.:GA 180, S. 122f)

Indem Natura ihre Kräfte über Brunetto ausgießt, durchlebt er die einzelnen Stufen seiner Initiation. Er steigt erlebend in sein Inneres hinein und lernt zunächst seine Seelenkräfte zu schauen als Imagination wilder Tiere. Brunetto schaut also den Astralleib bzw. zuerst die in den Astralleib eingebetteten Seelenglieder: Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele, die durch die noch unbewusste Arbeit des Ich an den Leibeshüllen gebildet werden. Indem das Ich den Astralleib umwandelt, entsteht zunächst die Empfindungsseele, durch Umwandlung des Ätherleibes bildet sich die Verstandesseele und die Bewusstseinsseele kommt dadurch zustande, das das Ich bis in den physischen Körper hinein arbeitet. Namentlich arbeitet der Intellekt beständig in das physische Gehirn hinein und bildet dort geordnete Strukturen. Früh erworbene starre Denkmuster sind sehr tief eingegraben und es bedarf hoher Willensanstrengung, um sie wieder aufzulösen. Das Denken muss beweglich werden, Denkmuster müssen kristallklar ausgebildet, aber auch immer wieder überwunden werden. Durch diese intensive Arbeitet am physischen Gehirn wird das Bewusstsein gesteigert. Zur Wahrnehmung der geistigen Außenwelt in Gedankenform (platonische Ideenschau) kommt es aber erst, wenn das Denken rein im Ätherischen abläuft und der Ätherleib gleichsam mit seinen ätherischen Fangarmen die äußere Ätherwelt abtastet. Trotzdem müssen diese Erlebnisse hereingeholt und anschließend mit dem physischen Verstand gefasst werden. Nur dadurch, eben durch diese Arbeit am physischen Leib, wird die Bewusstseinsseele immer stärker ausgebildet und zwar jetzt so, dass wir auch Gedanken bewusst erfassen können, die sich auf rein Geistiges beziehen.

Brunetto steigt also erlebend in sein Inneres hinein und lernt zuerst seine Seelenkräfte zu schauen (Astralleib, Tier-Imaginationen) und dann die 4 Temperamente (Ätherleib), um anschließend durch die Tore der 5 Sinne (physischer Leib) in die geistige Außenwelt vorzustoßen. Zunächst in die Welt der 4 Elemente, dann durch die 7 Planetensphären zum Tierkreis, um schließlich, den 4 Paradiesesströmen folgend, den Ozean, den Okeanos, zu durchschreiten, d.h. jene übersinnliche Sphäre, die überhaupt kein sinnlich-äußeres Korrelat mehr hat, die jenseits der Fixsternsphäre liegt, dorthin, wo man sonst nur unbewusst im tiefen Schlaf ist (vgl. Faust II: finstere Galerie). Es ist das Reich der gestaltlosen Urbilder, der höchsten platonischen Ideen – das obere Devachan in anthroposophischer Ausdrucksweise. Dieses Hinausgehen in den Okeanos hat man früher bezeichnet als das Durchschreiten durch die "Säulen des Herakles" (im Hebräischen als Jakim und Boas-Säulen beschrieben):

  • Seelenkräfte
  • vier Temperamente
  • fünf Sinne
  • vier Elemente
  • sieben Planeten
  • Okeanos

Alle diese Initiations-Schritte unternimmt Brunetto auf Geheiß der Frau, die ihm in der Imagination erscheint. Und dann, und das ist besonders wichtig und typisch, nachdem er den geistigen Ozean durchschwommen hat, erwacht er wieder in der physischen Welt! Er findet sich wieder in seinem Wald. Doch gleich steht Natura wieder neben ihm und ermahnt in, nach rechts weiterzureiten. Dann werde er die großen Lehre in ganz neuem Licht schauen: die Philosophie, die 4 (platonischen) Tugenden (also Weisheit, Mut, Mäßigkeit und Gerechtigkeit) und endlich den Gott der Liebe. Entscheidend ist also, dass Brunetto jetzt seine geistige Erkenntnis in das wache Tagesbewusstsein mitnehmen kann.

Brunetto erlebt das nun so: er kommt zunächst in eine Wüste. Hier sind keine Menschen, keine Tiere, keine Pflanzen, kein Fluß und kein Bach. Schließlich schaut er Kaiser, Könige, Gelehrte, über allen aber die Kaiserin, Tugend genannt, mit ihren vier Königstöchtern. Bald erscheint sie ihm als ein einziges Wesen, dann wieder als vier Wesen. Brunetto kommt dann weiter in das Reich des Glücks und der Liebe. Von einem Pfeil des Liebesgottes getroffen, wünscht Brunetto zu entfliehen und wird von Ovid (Metamorphosen!) von diesem Ort befreit.

Der Tesoretto nimmt dann noch einen weiteren Fortgang, wo Brunetto schildert, wie er im Kloster zu Montpellier, wo auch Alanus ab Insulis gewirkt hatte, den Mönchen seine Sünden beichtet. Endlich schildert Brunetto, wie er eine weitere Reise unternimmt, um die 7 freien Künste zu schauen. An einem Festtag reitet er wieder in den Wald, erschaut dort den Berg Olymp, die vier Elemente und schließlich begegnet er Ptolemäus, redet ihn an ... und damit bricht unvollendet das Werk ab.

Metamorphose der Gestalten in der Außenwelt

Bedeutsam ist Brunettos Werk als allerletztes Beispiel dafür, wie man im Mittelalter noch aus dem inneren Erleben zu einem geistigen Schauen der Natur durchbrechen konnte. Dann kam das Zeitalter der äußeren Naturwissenschaft. Und das hat auch Konsequenzen für den Initiations-Weg. Um heute einen ähnlichen Weg wie Brunetto gehen zu können, bedarf es einer weiteren Vorbereitung. Würden wir so wie er durch die Tore der Sinne in die geistige Außenwelt hinaustreten, würde sich eine ziemliche geistige Finsternis ausbreiten. Damit das nicht geschieht, bedarf es folgender Einschiebung auf dem Initiationsweg: man muss sich darin üben, Geistig-Ideelles als äußere Wirklichkeit in der Metamorphose der Gestaltungen der Welt zu schauen – also das, was Goethe mit seiner Metamorphosenlehre angestrebt hat.

„Wenn der Mensch heute gleich vor die Sinne hintreten würde oder in die Sinne hinein wollte, so würde er sich der Gefahr aussetzen, innerhalb der Sinnesregion ziemlich im Finstern zu sein. Er würde gewissermaßen ohne eine ordentliche Beleuchtung in der Sinnesregion sich aufhalten müssen und dann nichts Ordentliches auch unterscheiden können in dieser Sinnesregion. Heute ist nämlich notwendig, daß vor dieser Sinnesregion noch ein anderes Erlebnis durchgemacht wird. Das Durchmachen dieses andern Erlebnisses bereitet einen erst in der rechten Weise vor, in diese Sinnesregion eindringen zu können. Und dieses Erlebnis habe ich Ihnen gestern schon angeführt. Es ist einfach die Möglichkeit, Geistig-Ideelles als äußerliche Wirklichkeit in der Metamorphose der Gestaltung der Welt zu schauen. Also bevor man in die Sinnesregion eintreten will, soll man sich bemühen, die Metamorphose der Gestalten in der Außenwelt zu verfolgen. Goethe hat nur die Elemente gegeben, aber die Methode ist schon bei ihm zu finden. Ich habe gesagt: Was Goethe für die Pflanzen, für das tierische Skelett gefunden hat, das zeigt sich in der Metamorphose so weiter ausgebildet, daß uns unser Haupt auf das frühere Erdenleben, unser Extremitätenorganismus auf das spätere Erdenleben hinweist. Also dieses In-die-Möglichkeit-Versetztsein, die Welt nicht als fertige, ruhige Gestaltung hinzunehmen, sondern in der unmittelbar vorliegenden Gestalt den Hinweis auf eine andere Gestalt zu sehen, das Versetztsein in diese Möglichkeit, das ist schon eine notwendige Vorstufe der gegenwärtigen Initiation.“ (Lit.:GA 187, S. 127)

Das Ich als Kompass für die geistige Welt

Eine weitere Einschiebung auf dem Schulungsweg ist heute notwendig, bevor man die «Säulen des Herakles» durchschreitet. Man muss einen festen inneren Schwerpunkt, eine ungeheure Vertiefung seines eigenen Wesens erfahren, etwas was einem dann die Orientierung geben, die Richtung weisen kann in dem ungeheuren geistigen Ozean. Und es muss dabei die ganz starke Empfindung entstehen, das es äußere Dinge geben kann, die einem subjektiv gar nichts angehen, die man aber doch so intensiv und begeistert miterlebt, als würden sie einem selbst zutieftst betreffen. So erwirbt man sich ein Werkzeug der Orientierung, einen Kompass für die geistige Welt.

„Für das gewöhnliche Bewußtsein bleibt es doch bestehen, daß, auch wenn der Mensch noch so selbstlos ist, es für ihn das Allerwichtigste, wenigstens verhältnismäßig das Allerwichtigste ist, was innerhalb seiner Haut vorgeht. Wichtiger ist eben doch in der Regel für das gewöhnliche Bewußtsein dasjenige, was innerhalb der Haut vorgeht, als was außerhalb der Haut vorgeht. Aber das ist eben eine Seelenstimmung, die gerade hier beim Betreten des Ozeans erzeugt werden soll, damit sie wenigstens für wichtige Lebensmomente beibehalten werden kann: daß es für den Menschen äußere Dinge geben kann, die ihn subjektiv gar nichts angehen, die er aber gerade so stark miterlebt wie diejenigen Dinge, die ihn subjektiv angehen. Heute hat der Mensch, wenn er will, reichlich Gelegenheit, sich gut vorzubereiten für diese Seelenstimmung, die an dem geschilderten Punkte erlebt wird. Denn wenn er sich einläßt nicht auf subjektive Naturerkenntnis oder dergleichen, sondern auf wahrhaftige Naturerkenntnis, namentlich wenn der Mensch versucht, von solcher Naturerkenntnis auszugehen, so wird schon viel von dieser Stimmung erzeugt, aber sie muß erzogen werden an jener Stufe auf die Art, wie ich sie geschildert habe. Dann, wenn der Mensch diese Stimmung haben kann, wenn er so, wie es hier geschieht, das wichtigste Ereignis seines Lebens erfahren kann, so vertieft erfahren kann, dann bekommt er, wenigstens für viele Momente des Lebens, diese Stimmung der Objektivität, die ich geschildert habe, wo ihm Äußeres so wichtig sein kann wie Inneres, wo das wahr ist, daß ihm Äußeres so wichtig sein kann wie Inneres. Viele Menschen behaupten zwar das oder jenes; das ist aber dann nicht wahr, sie täuschen sich selber über die Sache. Aber damit hat der Mensch zugleich einen Schwerpunkt erlangt, eine Richtung würde ich vielleicht besser sagen, einen Kompaß, durch den er die Möglichkeit hat, nun wirklich auf den Ozean des geistigen Lebens hinauszutreiben. Hier (siehe Schema Seite 134) muß also dasjenige eintreten, was man nennen kann das Ausgerüstetwerden mit dem Werkzeug der Richtung. Man betritt also die Säulen des Herkules und wird ausgestattet mit dem Werkzeug der Orientierung, dem Kompaß. Dann erst, also nachdem er mehr erlebt hat, kann der moderne Mensch in die Geistigkeit hinausfahren.“ (Lit.:GA 187, S. 133f)

Es geht also um die Stärkung der Ich-Kraft und der damit verbundenen Liebes-Kraft. Dann kann sich das Wort von Goethes Faust erfüllen: "In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden!" Damit stellt sich der moderne Initiationsweg insgesamt so dar:

  • Seelenkräfte
  • vier Temperamente
  • Metamorphosen des Lebens
  • fünf Sinne
  • vier Elemente
  • sieben Planeten
  • Werkzeug der Orientierung (Kompass) Ich
  • Okeanos

Berühmt wurde Brunetto allerdings nicht des Tesorettos wegen, sondern wegen des "großen Schatzes", des «Trésor», einem enzyklopädischen Werk, das die gesamte damalige Welterkenntnis zu umfassen strebte, und das Brunetto später in Frankreich in französischer Sprache verfasst hat. In späteren Jahren bekleidete Brunetto wieder öffentliche Ämter in Florenz und wurde hier der Freund und Lehrer des Dante. Der Einfluß auf Dantes "Göttliche Komödie" ist unübersehbar.

Werke (Auswahl)

  • Il Tesoretto e il Favolello, hersg. von B. von Wiese, in: Zeitschrift für romanische Philologie 7, S. 236 ss.
  • Li livres dou Trésor, herausgegeben von Polycarpe Chabaille, Paris 1863.

Anmerkungen

  1. Als der hochgotische Neubau der Kathedrale von Chartres 1194 begonnen wurde, ging die die Blütezeit der Schule von Chartres bereits zu Ende. Vollendet wurde die neue Kathedrale 1260, also just zu jener Zeit, als Brunetto Latini sein Einweihungserlebnis hatte.
  2. vgl. dazu: Ekkehard Meffert: Carl Gustav Carus und Brunetto Latini, der Lehrer Dantes, Der Europäer Jg. 4 / Nr. 1 / November 1999
  3. Robert L. John: Dante, S. 12

Literatur

  1. Giovanni Villani: Nuova Cronica, 1348, edizione critica a cura di Giovanni Porta, 3 voll, Fondazione Pietro Bembo, Ugo Guanda Editore in Parma, 1991 [2]
  2. Robert L. John: Dante, Springer-Verlag, Wien 1946, ISBN 978-3-211-80023-2
  3. Brunetto Latini, Dora Baker (Übers.): Tesoretto. Die Geschichte einer Einweihung an der Schwelle der Neuzeit, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1979 ISBN 978-3772507069
  4. Christel Meier: Cosmos Politicus. Der Funktionswandel der Enzyklopädie bei Brunetto Latini. In: Frühmittelalterliche Studien, Jg. 22 (1988), S. 315–356, ISSN 0071-9706.
  5. Rudolf Steiner: Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung, GA 161 (1980), Dornach, 30. Januar 1915 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung, GA 180 (1980), ISBN 3-7274-1800-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Wie kann die Menschheit den Christus wiederfinden? Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht, GA 187, Dornach, 29. Dezember 1918 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Sechster Band, GA 240 (1992), ISBN 3-7274-2401-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks