Pluralismus

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Der Pluralismus als philosophisches System führt die gesamte Wirklichkeit auf eine Vielzahl gesonderter, selbstständig bestehender Einheiten zurück, die je nach Standpunkt spirituell (Monadismus) oder materiell (Atomismus) gedacht werden.

Das Problem ist damit allerdings nur sehr abstrakt umrissen. Tatsächlich hat die gesamte Erscheinungswelt, die sich der inneren (seelischen) und äußeren (sinnlichen) Wahrnehmung darbietet, unvermeidlich einen pluralistischen Charakter. Die durch die verschiedenen Sinne vermittelten Sinnesqualitäten lassen sich grundsätzlich nicht aufeinander zurückführen. Farben lassen sich ebenso wenig aus Bewegungsvorgängen ableiten, wie aus Gerüchen oder Klangerlebnissen, und Gedanken, Gefühle und Willensimpulse nicht aus neurophysiologischen Gehirnprozessen.

So sind etwa elektromagnetischen Wellen, die vom Auge aufgefangen und durch die Sehnerven mittels elektrochemischer Vorgänge an das Gehirn weitervermittelt werden, dazu notwendig, dass die sinnliche Wahrnehmung der Farben überhaupt zustande kommt. Mit dem Inhalt dieser Wahrnehmung, also mit den erlebten Qualia, haben sie aber ganz und gar nichts zu tun, sie sind nur deren Vermittler.

„Unberechtigt dagegen ist die Hypothese, daß alle Empfindungsqualitäten nur quantitativen Vorgängen ihre Entstehung verdanken, weil qualitätslose Vorgänge nicht wahrgenommen werden können.“ (Lit.:GA 30, S. 64)

Farben lassen sich daher grundsätzlich nicht auf Wellenbewegungen reduzieren. Beide gehören völlig unterschiedlichen Erscheinungsbereichen an, zwischen denen keine kausale, sehr wohl aber eine ideelle, durch das Denken einsehbare, begrifflich erfassbare Verbindung besteht. Der Fehler entsteht, weil man die Erscheinungen an sich schon als fertige Wirklichkeit ansieht, was aber nicht der Fall ist. Erscheinungen können daher prinzipiell nicht aufeinander einwirken. Erst durch den entsprechenden Begriff wird die wahrgenommene Erscheinung zur Wirklichkeit erhoben.

„Erst im Begriffe also bekommt die Welt ihren vollen Inhalt. Nun haben wir aber gefunden, dass uns der Begriff über die einzelne Erscheinung hinaus auf den Zusammenhang der Dinge verweist. Somit stellt sich das, was in der Sinnenwelt getrennt, vereinzelt auftritt, für den Begriff als einheitliches Ganzes dar. So entsteht durch unsere naturwissenschaftliche Methodik als Endziel die monistische Naturwissenschaft; aber sie ist nicht abstrakter Monismus, der die Einheit schon vorausnimmt, und dann die einzelnen Tatsachen des konkreten Daseins in gezwungener Weise darunter subsummiert, sondern der konkrete Monismus, der Stück für Stück zeigt, dass die scheinbare Mannigfaltigkeit des Sinnendaseins sich zuletzt nur als eine ideelle Einheit erweist. Die Vielheit ist nur eine Form, in der sich der einheitliche Weltinhalt ausspricht. Die Sinne, die nicht in der Lage sind, diesen einheitlichen Inhalt zu erfassen, halten sich an die Vielheit; sie sind geborene Pluralisten. Das Denken aber überwindet die Vielheit und kommt so durch eine lange Arbeit auf das einheitliche Weltprinzip zurück.“ (Lit.:GA 1, S. 282)

Auch das in der Philosophie des Geistes seit langem heftig diskutierte Leib-Seele-Problem ist aus denselben Gründen ein Scheinproblem. Das einigende Band zwischen den unterschiedlichsten Erscheinungen - also auch zwischen Gehirn und Psyche - kann nur durch das Denken gezogen werden, bzw. durch den Geist, der das Denken tätig hervorbringt und dadurch den gesetzmäßigen Zusammenhang der verschiedenen Erscheinungen offenbaren kann.

Dem Pluralismus der Erscheinungswelt steht damit ein geistiger Monismus gegenüber, der auch die Grundlage der anthroposophischen Geisteswissenschaft bildet.

„Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und Begriff nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu fragen. Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu findet. Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die volle Wirklichkeit.“ (Lit.:GA 4, S. 124f)

Peter Heusser erläutert dazu weiter:

„Sucht man Wirklichkeit nicht nur im Wahrgenommenen, Erscheinenden, sondern anerkennt man im Sinne des ontologischen Universalienrealismus auch dessen Gesetzmäßigkeit als zu seiner Wirklichkeit dazugehörig, dann erscheint Monismus unter Beibehaltung der seinsmäßigen Verschiedenheit der Erschemungswelt erreichbar. Denn das Gemeinsame (monistische) der verschiedenen (dualistischen) Erscheinungen muss dann nicht mehr auf der Erscheinungsseite erzwungen werden - was unmöglich ist-, sondern liegt auf der Gesetzesseite des Erkannten erfahrbar vor: Die Gesetze der psychischen und physischen Erscheinungen haben zwar ihren je verschiedenen, spezifischen Inhalt. Aber ihrer Form nach sind alle in derselben Weise Gesetze, bestehen also gewissermaßen aus derselben «Substanz». Diese ist reiner Geist, um mit Hegel zu sprechen.“ (Lit.: Heusser, S. 191)

Um dem Pluralismus der Erscheinungswelt gerecht zu werden, bedarf es auch einer Vielfalt von Anschauungsweisen. Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von zwölf grundlegenden Weltanschauungen, die nicht nur gleichermaßen berechtigt, sondern auch unverzichtbar sind, um sich durch ihren Zusammenklang ein vollinhaltliches Bild von der Welt zu machen, das sich nur einer multiperspektivischen Betrachtungsweise eröffnet. Schädlich ist es nur, wenn eine einzelne Weltanschauung die alleinige Deutungsherrschaft beansprucht.

„Das gesamte Sein ist also seiner Erscheinung nach - nicht dualistisch, sondern multiperspektivisch, seiner gesetzmäßigen Essenz nach monistisch.“ (Lit.: Heusser, S. 191)

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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