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Naturalismus
Der Naturalismus sieht die Natur als das einzig Reale an. Geist, Seele, Leben und Bewusstsein sind gemäß dieser Anschauung auch Erscheinungen innerhalb und nicht außerhalb der Natur und daher der natürlichen Erkenntnis zugänglich. Geist und Natur bilden hier keinen Gegensatz. Eine solche Ansicht hatte etwa Goethe vertreten. Auch Rudolf Steiner vertrat stets einen geistigen Monismus, für den die Materie eine Erscheinungsform des Geistigen ist. Daher erschien ihm auch die Frage sinnlos, wie Geist und Materie - etwa in Form des Leib-Seele-Problems - wechselseitig aufeinander einwirken können; vielmehr gehe es darum, empirisch zu erforschen, wie der Geist seine verschiedenen Erscheinungsformen, zu denen auf elementarer Ebene auch die Materie zählt, hervorbringen könne. Sinnliche und übersinnliche Forschung gehen dabei Hand in Hand.
Eine andere Form des Naturalismus entsteht, wenn man nur die äußeren sinnlich sichtbaren oder messbaren Erscheinungen gelten lässt und den geistigen und seelichen Erscheinungen keine eigenständige Realität zubilligt, sondern diese nur als irreale Auswürfe der Natur ansieht. Da wir die Wirklichkeit heute zunächst nicht unmittelbar, sondern nur als am Leib gespiegeltes Bild erleben, ist diese Auffassung weit verbreitet. Was in der angelsächsischen Literatur als „mind“ bezeichnet und meist fälschlich als „Geist“ ins Deutsche übersetzt wird, ist tatsächlich nur dieses unwirkliche Spiegelbild.
Wird die Natur demgemäß rein physikalisch aufgefasst, ergibt sich aus dem Naturalismus der Physikalismus, der materielle, aber immerhin auch nichtmaterielle physikalische Phänomene wie z.B. den Elektromagnetismus umfasst. Lässt man überhaupt nur materielle Elemente gelten, wird daraus der Materialismus.
Nach Rudolf Steiner ist der Naturalismus, den er aus kosmischer Sicht der Erde zuordnet, zugleich einer der drei Seelentöne, durch den jede Weltanschauung modifiziert werden kann.
„Der Mensch, der nicht über die Naturvorgänge hinausgeht, sondern bei den einzelnen Erscheinungen stehenbleibt, so wie der, welcher nie seinen Blick zur Sonne hinaufrichtet, sondern nur auf das sieht, was ihm die Sonne hervorbringt auf der Erde, der ist Naturalist.“ (Lit.: GA 151, S. 61f)
Naturalismus in der Naturwissenschaft
Heute wird die Natur vornehmlich durch naturwissenschaftliche Methoden untersucht, wobei im Sinne des Reduktionismus alle Naturerscheinungen letztlich auf physikalische Prozesse zurückgeführt werden, d.h. der Naturalismus wird weitgehend als Physikalismus verstanden. Da das phänomenale Bewusstsein in der Tier- und Menschenwelt ein fester Bestandteil der Natur zu sein scheint, schlägt der australische Philosoph David Chalmers vor, auch die phänomenalen Bewusstseinselemente, die sog. Qualia als eigenständige, nicht-physikalische Entitäten in Form eines Eigenschaftsdualismus in das naturalistische Weltbild zu integrieren[1].
Einen ganz anderen Weg war zuvor schon Johann Wolfgang von Goethe gegangen, der die ganze Physik auf eine phänomenologische Grundlage stellen wollte und dazu mit seiner Farbenlehre ein konkret ausgearbeitetes Beispiel gegeben hat. Forschungsbestrebungen, die in dieser Richtung weiterstreben, werden zusammenfassend als „Goetheanismus“ bezeichnet.
Naturalismus in der Kunst
In der Kunst gründet sich der Naturalismus auf eine sorgfältige Beobachtung der Natur und auf die eindringliche Darstellung rein natürlicher Geschehnisse bis hinein in das soziale Leben der Menschen. Die bloße Nachahmung der Natur begründet aber noch keine Kunst.
"Indem man das, was in der Natur verzaubert ist, wiederum auflöst, löst man die Natur auf in ihre übersinnlichen Kräfte. Man kommt gar nicht in den Fall, in strohern-allegorischer oder verstandesmäßig-unkünstlerischer Weise irgend etwas als Idee, als ein Erdachtes, als ein bloß Übersinnlich-Geistiges hinter den Dingen der Natur zu suchen, sondern man kommt dazu, einfach die Natur zu fragen: Wie würdest du in deinen einzelnen Teilen wachsen, wenn dein Wachstum nicht durch ein höheres Leben unterbrochen würde? — Man kommt dazu, ein Übersinnliches, das schon im Sinnlichen drinnen ist, das verzaubert ist, aus dem Sinnlichen zu erlösen, während es sonst im Sinnlichen verzaubert ist. Man kommt dazu, eigentlich übernatürlich-naturalistisch zu sein." (Lit.: GA 271, S. 92f)
In Rudolf Steiners erstem Mysteriendrama, «Die Pforte der Einweihung», führen Sophia und Estella ein interessantes Gespräch über die Bedeutung und den künstlerischen Wert (oder Unwert) des Naturalismus:
SOPHIA: |
Siehe auch
- Naturalismus - Artikel in der deutschen Wikipedia
Literatur
- Eris Ado (Pseudonym): Nahtod, Nachtod, Naturalismus. Informationen für Skeptiker, BoD, Norderstedt 2016
- Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen, GA 14 (1998), ISBN 3-7274-0140-0
- Rudolf Steiner: Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151 (1990), ISBN 3-7274-1510-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Kunst und Kunsterkenntnis, GA 271 (1985), ISBN 3-7274-2712-4
![]() Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
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Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ David Chalmers: The Conscious Mind: In Search of a Fundamental Theory, Oxford University Press Inc, Oxford 1996, ISBN 978-0195105537